Einheit in Vielfalt: Patriarch Maximos III. Mazloum und das ökumenische Profil der melkitischen Kirche

von Hanna Hanna

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[Translate to English:] Maximos
[Translate to English:] Maximos III. Mazloum

Die Geschichte des Christentums ist bis heute von der Spannung zwischen Einheit und Vielfalt geprägt. Besonders deutlich zeigt sich dies im Verhältnis zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens. Theologische Unterschiede, politische Konflikte und kulturelle Entwicklungen führten im Lauf der Jahrhunderte immer wieder zu Spaltungen. Zugleich gab es jedoch auch kirchliche Gemeinschaften, die versuchten, unterschiedliche Traditionen miteinander zu verbinden. Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist die melkitisch-griechisch-katholische Kirche. Als Kirche byzantinischer Tradition, die zugleich in voller Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche steht, befindet sie sich seit ihrer Entstehung im Spannungsfeld zwischen Ost und West. Eine zentrale Gestalt in der Entwicklung ihres kirchlichen Profils war Patriarch Maximos III. Mazloum (1833–1855). Unter seiner Leitung gewann die melkitische Kirche eine klare Identität, die bis heute als Beispiel für eine „Einheit in Vielfalt“ verstanden werden kann.

 

Die Ursprünge der melkitisch-griechisch-katholischen Kirche liegen in den Ereignissen des Jahres 1724 im Patriarchat von Antiochien. Nach dem Tod des orthodoxen Patriarchen Athanasius III. kam es zu einer umstrittenen Patriarchenwahl. Eine Gruppe von Bischöfen in Damaskus wählte den romfreundlichen Seraphim Tanas zum Patriarchen, der den Namen Kyrillos VI. annahm. Das ökumenische Patriarchat von Konstantinopel erkannte diese Wahl jedoch nicht an und setzte einen eigenen Kandidaten ein. Da die osmanischen Behörden den von Konstantinopel eingesetzten Patriarchen unterstützten, entstand eine doppelte Hierarchie: ein griechisch-orthodoxes und ein griechisch-katholisches Patriarchat von Antiochien.

Aus dieser Entwicklung ging die melkitisch-griechisch-katholische Kirche hervor. Sie blieb der byzantinischen liturgischen Tradition treu, erkannte jedoch gleichzeitig die Gemeinschaft mit Rom an. Damit nahm sie eine besondere Stellung innerhalb der christlichen Welt ein, da sie Elemente zweier kirchlicher Traditionen miteinander verband.

Die ersten Jahrzehnte nach der Spaltung waren für die melkitischen Katholiken von großen Schwierigkeiten geprägt. Da das Osmanische Reich den orthodoxen Patriarchen als offiziellen Vertreter der Christen anerkannte, besaßen die Melkiten zunächst keinen rechtlichen Status. Ihre Bischöfe und Priester wurden häufig verfolgt, Kirchen beschlagnahmt und Gemeinden zeitweise zur Flucht gezwungen. Trotz dieser Situation gelang es der melkitischen Kirche, ihre Strukturen allmählich zu festigen. Klöster und Seminare spielten dabei eine zentrale Rolle. Sie wurden zu Orten theologischer Bildung, geistlichen Lebens und kirchlicher Organisation. In dieser Zeit entwickelte sich auch ein wachsendes Bewusstsein für die eigene kirchliche Identität. Die Melkiten verstanden sich nicht als lateinisierte Kirche, sondern als authentische Ostkirche, die ihre byzantinische Tradition bewahrt und zugleich mit Rom verbunden ist.

In diesem historischen Kontext wuchs Maximos III. Mazloum auf. Er wurde 1779 in Aleppo geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen. Zunächst arbeitete er im Handwerk seines Vaters als Weber. Früh verspürte er jedoch eine geistliche Berufung und trat in den kirchlichen Dienst ein. Nach einer intensiven theologischen Ausbildung wurde er 1808 zum Priester geweiht. Schon bald übernahm er wichtige Aufgaben innerhalb der melkitischen Kirche. Im Jahr 1810 wurde er zum Bischof von Aleppo gewählt. Aufgrund innerkirchlicher Konflikte und Beschwerden lateinischer Missionare erklärte Rom seine Wahl jedoch für ungültig. Mazloum musste daraufhin viele Jahre im Exil verbringen. Während dieser Zeit lebte er unter anderem in Rom, Österreich und Frankreich. Dort vertiefte er seine theologischen Kenntnisse, knüpfte zahlreiche Kontakte und sammelte diplomatische Erfahrungen. Diese Jahre erwiesen sich später als entscheidend für sein Wirken als Kirchenleiter. Als er schließlich in den Orient zurückkehrte, war er ein erfahrener Theologe und Diplomat, der sowohl die Situation der orientalischen Kirchen als auch die Perspektive der westlichen Kirche gut kannte.

Nach dem Tod von Patriarch Ignatius V. Qattan wählten die melkitischen Bischöfe Mazloum im Jahr 1833 einstimmig zum neuen Patriarchen von Antiochien. Er nahm den Namen Maximos III. an und begann eine Phase umfassender kirchlicher Reformen. Sein Patriarchat fiel in eine Zeit politischer Veränderungen im Osmanischen Reich, die auch für christliche Gemeinschaften neue Möglichkeiten eröffneten. Maximos nutzte diese Situation, um die melkitische Kirche institutionell zu stärken. Synoden wie jene von Ain Traz im Jahr 1835 und von Jerusalem im Jahr 1849 ordneten zentrale Fragen der kirchlichen Disziplin, der liturgischen Praxis und der kirchlichen Verwaltung. Zugleich setzte sich Mazloum entschieden für den Erhalt der byzantinischen Tradition ein. In einer Zeit, in der einige lateinische Missionare versuchten, westliche Praktiken einzuführen, verteidigte er die Eigenständigkeit des östlichen Ritus. Für ihn bedeutete die Gemeinschaft mit Rom nicht, die eigene Tradition aufzugeben. Vielmehr verstand er die melkitische Kirche als authentische Ostkirche innerhalb der katholischen Gemeinschaft. Dieses Verständnis von Kirche beruhte auf der Überzeugung, dass Einheit nicht mit Uniformität verwechselt werden darf. Verschiedene liturgische und kulturelle Traditionen können innerhalb der Kirche bestehen bleiben, ohne dass dadurch die kirchliche Einheit gefährdet wird.

Die melkitische Kirche verstand sich deshalb als vollständig katholisch und zugleich authentisch byzantinisch. Sie bewahrte ihre liturgische Tradition, ihre synodale Struktur und ihre kulturelle Verwurzelung im arabischen Raum. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher kirchlicher Elemente machte sie zu einem besonderen Beispiel innerhalb der christlichen Welt.

Die von Maximos III. Mazloum geprägte Identität der melkitischen Kirche hatte weitreichende Folgen. Sie beeinflusste nicht nur die Entwicklung der Kirche im 19. Jahrhundert, sondern wirkte auch in späteren theologischen Debatten nach. Besonders deutlich zeigte sich dies beim Ersten Vatikanischen Konzil (1869–1870), als der melkitische Patriarch Gregorios II. Youssef die Rechte und Traditionen der orientalischen Kirchen innerhalb der katholischen Kirche verteidigte.

Bis heute wird die melkitische Kirche häufig als Beispiel für ein mögliches Modell kirchlicher Einheit betrachtet. Ihr historischer Weg zeigt, dass die Bewahrung eigener Traditionen und die Zugehörigkeit zu einer größeren kirchlichen Gemeinschaft kein Widerspruch sein müssen. Patriarch Maximos III. Mazloum spielte bei der Entstehung dieses Selbstverständnisses eine entscheidende Rolle. Durch seine Reformen und seine theologische Vision trug er dazu bei, ein kirchliches Modell zu entwickeln, das Einheit nicht durch Vereinheitlichung, sondern durch die Anerkennung legitimer Vielfalt versteht. Gerade im ökumenischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche bleibt dieses Modell bis heute von großer Bedeutung.