Wenn das Heilige sich aus dem Dorf verabschiedet

[Translate to English:] Utscheid
© colling-architektur

Kritische Gedanken zum Trend der Kirchenprofanierung aus der Perspektive einer Theologie des Christlichen Ostens

von Thomas Kremer

#Meinung #Heimat #Kirchenprofanierung

Meine Vorfahren stammen aus einem kleinen, weithin unbekannten Dorf in der Eifel: Utscheid. In meiner Kindheit habe ich die Ferien dort verbracht. Der heutige Samstag ist für das Dorf ein denkwürdiger Tag, da die Profanierung der Kirche vollzogen wird, deren älteste Bestandteile bis ins Mittelalter zurückreichen. Ein Kleinod, das den Denkmalschutz machtvoll auf den Plan ruft, ist sie leider nicht, aber ebensowenig baufällig. Letztlich wird sie unter Berufung auf den unbestreitbaren Wandel der pastoralen Wirklichkeit und auf Sparzwänge wegrationalisiert. Energischer Widerstand des Dorfes? Fehlanzeige. Es ist wohl meine Prägung durch die Theologie des Christlichen Ostens, die ein bestimmtes Verhältnis zu Kirchengebäuden konstituiert, das mich irgendwo fassungslos dastehen lässt und mich zugleich während meines derzeitigen Aufenthaltes auf Zypern dazu inspiriert, meine Gedanken zu artikulieren. Dabei ist der Fall von Utscheid St. Petrus zwar der Anlass für diese Zeilen, steht aber als pars pro toto für so viele Kirchen, deren zukünftige Profanierung in unserem Land als unaufhaltsamer Gang der Dinge dargestellt wird.

Zypern ist ein symbolträchtiger Ort, um diesen Beitrag zu verfassen: die Insel zwangsprofanierter Gotteshäuser. Im Nordteil der Insel sind es die Kirchen, im Süden die Moscheen. Insel der Dörfer, die ihre Seele verloren haben – Kollateralschäden eines tragischen politisch-religiösen Konflikts vor 52 Jahren. Die Wunden bluten noch heute.

Was in Regionen wie dem östlichen Mittelmeerraum undenkbar wäre, erleben wir derzeit bei uns: Gotteshäuser werden freiwillig aufgegeben – ohne echte Not wie Kriege oder Naturkatastrophen. Sicher: Wirklich „gebraucht“ wird manche Kirche heute schon lange nicht mehr, das Geld wird knapp und der Weg zur Nachbarkirche ist kurz. Doch wer sagt denn, dass Kirchen in erster Linie zweckdienliche Funktionsräume seien?! In Zyperns Süden wie allenthalben im Christlichen Osten erlebt man noch ihre eigentliche Bestimmung: Sie hüten das Heilige, das Sakramentale, das im Griechischen Mysterion heißt. Das Heilige hat in ihnen gleicham Wurzeln geschlagen (vgl. E. Kästner, Stundentrommel, 42). Gotteshaus – Ort der Gegenwart Gottes. Für viele auch einfach Stätten der inneren Einkehr. Mahnmal der Ewigkeit. Und am liebsten auch: Ort des Gebets und Himmel auf Erden. Man muss nicht jeden Sonntag Zeit finden für eine Messe, um unsere Kirchen wertzuschätzen. Denn die Wohnstatt des Heiligen schenkt einem Dorf allein durch ihr Dasein schon Mitte und Seele. Weil – so würden es gläubige Menschen sagen – Gott unter uns Wohnung genommen hat. Er zählt auch die zu seinen Freunden, die ihn nur manchmal besuchen in seinem Haus, das jedoch stets dazu einlädt. Der guten Gründe, Dorfkirchen zu erhalten, gibt es viele. Manche sprechen vom Kulturgut der Heimat – ein Argument, das nur dann wirklich trägt, wenn es nicht beim Folkloristischen stehenbleibt, sondern auf eine tiefgreifende spirituelle Beheimatung zielt. Denn vor allem sind Kirchen das ganz reale, geerdete Symbol der Hoffnung darauf, dass der gute Geist Gottes unter uns Wohnung nimmt und bei uns einkehren möchte.

Heute Morgen wird die Utscheider Kirche entweiht. Das Heilige wird feierlich Auszug halten und sich verabschieden – der vielleicht absurdeste Ritus der katholischen Kirche, wenn nicht etwa Baufälligkeit zu einem solchen Schritte zwingt. Es würde mich sehr verwundern, würden manche nicht bald schon den unermesslichen Verlust für das Dorf schmerzlich bereuen. Bis zu einem Neubau werden womöglich Generationen vergehen, vielleicht Jahrhunderte. Unwahrscheinlich, dass wir ihn noch erleben werden. Die Geschichte meiner Vorfahren, die alle in Utscheid getauft wurden, endet heute. Mein unverhohlenes blankes Entsetzen angesichts der getroffenen Entscheidungen wird diesen Prozess nicht stoppen.

Am morgigen Sonntag feiere ich Pfingsten in Zyperns besetztem Norden in einer der letzten dort noch lebendigen Gemeinden. Auf dem Weg dorthin: seelenlose Dörfer mit aufgegebenen Kirchen en masse. Sie alle werden mich irgendwie an Utscheid erinnern. Allein Kormakitis ist geblieben – dank des Widerstands seiner Bewohner, die allen Widrigkeiten zu trotzen bereit waren. Dann wird sich in Utscheid das Heilige bereits verabschiedet haben. Utscheids Gotteshaus ist wohl nicht mehr zu retten – für unzählige andere Kirchen ist es noch nicht zu spät.