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Aktionstag "Aufklärung 2.0" zeigt Bandbreite von Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre

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Screenshot: Katharina Köppel

Neben der öffentlichen Keynote des Club of Rome-Ehrenpräsidenten Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker haben Studierende ihre Ergebnisse zu Themenstellungen mit Relevanz zu Nachhaltigkeit diskutiert und präsentiert. Neun Studierendengruppen der KU zeigten in Denkwerkstätten, Workshops und Dialogforen eine beeindruckende Bandbreite der Befassung mit Themen nachhaltiger Entwicklung und gesellschaftlicher Verantwortung. Rund 160 Studierende und Forschende nahmen am Nachmittagsprogrammpunkten teil.

Aktionstagsteilnehmerin Regina Christi nahm den Nachmittagspart als „informativen und tiefgreifenden Diskurs über verschiedenste Thematiken“ wahr, „der geprägt war von Offenheit, Respekt und einem Gespräch auf Augenhöhe zwischen Studierenden, Lehrenden und hochrangigen Experten. Auch ein Gefühl gemeinsamen Strebens nach wissenschaftlichem Austausch – insbesondere in Zeiten von sozialer Distanz und Beschränkungen“ war bemerkbar. „Es war zu spüren, dass jede einzelne Gruppe aus ihrer Fachrichtung heraus einen spannenden Zugang zur Thematik der Nachhaltigkeit gefunden hatte und diesen mit den Experten und allen Anwesenden teilen und vertiefen wollte.“

Im Wettlauf mit dem Klimawandel, globalen Gesundheitskrisen und gesellschaftlichen Brüchen stellten sich die KU-Studierenden den großen globalen Herausforderungen und drängenden Fragen unserer Zeit: Wie ist auf diese großen globalen Krisen zu reagieren, die die gesamte Gesellschaft betreffen? Wie kann eine nachhaltige Entwicklung gelingen? Wie gehen wir eine nachhaltige Zukunft aufgeklärt an mit neuen Ansätzen für unsere Bildung, unser Handeln, unser gesellschaftliches Miteinander?

Bereits im Vorfeld des Aktionstages hatten sich die Studierenden unter Anleitung ihrer Dozierenden mit diesen Fragen auseinandergesetzt und dabei die Impulse einer Aufklärung 2.0 für eine nachhaltige Entwicklung aufgegriffen. Für eine „volle Welt“, die in vielen Bereichen in Schieflage geraten ist, brauchen wir eine „neue Aufklärung“, eine strategische, philosophische und umfassende Änderung der menschlichen Denk- und Handelsweise, und aller relevanten gesellschaftlichen Teilbereiche – so eine der Kernthesen und -apelle des Club of Rome-Berichts. Dieses Werk zu nachhaltiger Entwicklung ist inhaltlicher Hauptorientierungspunkt der Aktionstage und wurde unter Hauptautorenschaft von Ernst Ulrich von Weizsäcker verfasst. Neben dem Fokus auf die Nachhaltigkeitskrise wurde auch der Bezug zur aktuellen Corona-Krise hergestellt, da Klima- und Corona-Krise viele gemeinsame Ursachen haben.

„Knockt Corona die Aktivitäten nachhaltigkeits-engagierter studentischer Initiativen aus? Wege für die junge Generation, um im Spiel zu bleiben“ – hierzu hatten sich deswegen studentische Gruppen der KU zu einer Ideenwerkstatt zusammengefunden, unterstützt von Andreas Huber (Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Ideenwerkstatt CLUB OF ROME) und Dr. Hans-Jochen Luhmann (VDW und Senior Expert am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie). Zunächst schilderten die Studierenden Probleme, die durch die Corona-Pandemie für ihre Initiativen entstanden. Gemeinsam wurden dann die Stellschrauben aufgezeigt, an denen es gilt, in dieser schwierigen Situation anzusetzen. Andreas Huber appellierte an die Studierenden, die neue Situation als Herausforderung zu nehmen, nicht zu verzagen und kreativ zu werden. 

Große globale Krisen können zu Spannungen und Verwerfungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Generationen führen, gesellschaftliche Solidarität wird hier auf den Prüfstand gestellt. In einem Dialogforum diskutieren Studierenden der Sozialen Arbeit deswegen im Anschluss mit Prof. Hartmut Graßl, ob Klima- bzw- Corona-Krise zu intergenerationellen Ungerechtigkeiten führen. Auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie für den zukünftigen Umgang mit großen globalen Krisen und auf herrschende Paradigmen wurde debattiert. Kernerkenntnisse waren, dass die Profession Soziale Arbeit in Krisen einen besonderen gesellschaftlichen Auftrag bekomme. Zudem wurde deutlich, dass die Corona-Krise nicht ohne Bewältigung der Armut, ohne ökologischere Entwicklungen und die Reduktion von Biodiversitätsverlust zu lösen sei.

In Workshops präsentierten nach dem Dialogforum sechs Studierendengruppen verdichtet ihre Arbeiten. Prof. von Weizsäcker und Prof. Graßl brachten ihre bereichernde Expertise in den anschließenden Diskurs ein.

Der Tourismus ist eine der am stärksten wachsenden Branchen der vergangenen Jahrzehnte – verbunden mit Problemen wie Overtourism und Touristification, einer oftmals geringen sozialen Nachhaltigkeit der Tourismusentwicklung, der Zerstörung und der Kommodifizierung von Natur für den Ausbau touristischer Infrastrukturen und hohen CO2-Emissionen der touristischen Mobilität. Die Gruppe des Masterstudiengangs „Tourismus und nachhaltige Regionalentwicklung“ zeigte unter Anleitung von Prof. Christian Steiner deswegen Problemfelder einer nachhaltigen Entwicklung im Tourismus auf stellte und die Frage zum Diskurs, inwiefern eine Neuausrichtung der Tourismusentwicklung hin zu einer Politik des Degrowth zu einer Problemlösung beitragen kann.

Bildung für nachhaltige Entwicklung („BNE“) ist als Nachhaltigkeitsziel der UNESCO ausgewiesen und erhält zunehmend Bedeutung in Hochschulen und Schulen. Eine zentrale Rolle kommt dabei der Lehrer*innenbildung zu. Insbesondere in der universitären Phase gilt es, Lehramtsstudierende für BNE als bedeutende Aufgabe von Schule zu sensibilisieren. In einem Workshop eruierten Lehramtsstudierende verschiedener Schulformen und Fachrichtungen unter Anleitung von Prof. Anne-Kathrin Lindau, Prof. Brendel-Perpina, Dr. Simone Birkel und Fabian van der Linden deshalb, was Whole-School-Approach bedeutet und inwiefern die Hochschule angehende Lehrer*innen als zukünftige Multiplikator*innen einer Bildung für nachhaltigen Entwicklung unterstützen kann und was Gelingfaktoren hierfür sind. Prof. Graßl lobte die die erarbeiteten Konzepte der Studierenden und appellierte, dass diese vor allem auch an die Kultusministerkonferenz zu adressieren seien.

Social Innovation-Projekte als Beispiele für nachhaltiges Wirtschaften konzipieren Studierende der Wirtschafswissenschaften, angeleitet von Prof. Dr. André Habisch und Eva Vosen, seit vielen Semestern. In Kooperation bspw. mit kenianischen Unternehmern aus dem Start-Up-Bereich werden Geschäftsmodelle entwickelt bzw. optimiert, die das Leben vieler Millionen Menschen verbessern sollen. Es gehe hierbei darum, „bei den Start-Ups spezielle Management-Herausforderungen zu identifizieren – zum Beispiel aus den Bereichen Finanzierung oder Vermarktung – und dafür dann Lösungsansätze zu entwickeln“, erklärt Professor Habisch. Nach Vorstellung konkreter Projekte durch die WFI-Studierenden maßen die Experten im anschließenden Diskurs Sozialen Start-Ups eine große Bedeutung für die Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele bei, kleine lokale Projekte seien erfolgsversprechend. Das Hindernis übermäßiger Bürokratie müsse überwunden werden.

Konkrete Lösungsansätze für eine nachhaltigere Stadt bzw. Region Eichstätt präsentierten die Studierenden im vierten Workshop, der mit rd. 70 Teilnehmenden großes Interesse fand. Ansatzpunkte waren regionalen Entwicklungsbedarfen, die das Nachhaltigkeitsnetzwerk fairEInt – Initiative nachhaltige Region Eichstätt in einem mehrstufigen Dialog- und Rechercheprozess erhoben hatte. Unter konsultativer Einbeziehung der Expertise der fairEInt-Mitwirkenden und angeleitet von der Dozentin Ina Limmer hatten die Studierenden des Projektseminars Konzepte u. a. zu einer verkehrsberuhigten Innenstadt, einer Tourismus-Erlebniskarte, müllfreiem Einkaufen, einer Mitfahrbank und Dachbegrünung im Industriegebiet entwickelt. Als zentral für die Nachverfolgung und die Umsetzung wurde erachtet, dass, im Sinne des Multi-Stakeholder-Ansatzes, bereits während Konzeptionierung Verantwortliche und Betroffene, u. a. aus der Politik und Verwaltung kontaktiert und einbezogen werden. Unterstützung durch fairEInt sei sehr hilfreich. Prof. von Weizsäcker betonte in diesem Zusammenhang, dass die Verantwortung beim Staat liege, einen Rahmen für eine nachhaltige Entwicklung zu bieten und nachhaltig handelnde Individuen auch mittels entsprechender Anreizsysteme ökonomisch zu belohnen.

Basis+ ist ein von Dr. Maria Reinisch, Geschäftsführerin der VDW, initiiertes Projekt zur Gestaltung und Weiterentwicklung des Gemeinwesens durch seine Bewohner. Es zielt ab auf mehr Soziale Nachhaltigkeit. Menschen aus einer bestimmten Region leisten aktive Beiträge für die Region und erzielen dabei als einen von mehreren positiven Effekten ein auskömmliches Gesellschaftseinkommen in mitgestaltender Weise. Nach Einführung in das Konzept durch Fr. Dr. Reinisch hatten Studierende der Sozialen Arbeit im Seminar „Sozialräumliche Bedingungen der Jugendsozialarbeit“ unter Anleitung von Maria Wolf konkrete Handlungsansätze entwickelt, um von Ausgrenzung an gesellschaftlicher Teilhabe betroffene und bedrohte junge Menschen in das Basis+ Projekt zu integrieren. Konzepte wie Basis + sind wichtig, da sie das soziale Leben in den Fokus rücken, wurde in der Diskussion festgehalten, unter anderem da hierdurch benachteiligte Menschen Wertschätzung in der Gesellschaft erfahren können und Selbstwirksamkeit der Konkurrenzgesellschaft entgegengestellt wird.

Mit der Corona-Krise erfährt die Menschheit gerade, wie fragil und verletzlich die gegenwärtige Zivilisation ist. Die Klimakrise und damit einhergehende ökologische Bedrohungen haben noch weit größere Ausmaße. Kann eine christliche Spiritualität in einer solchen Zeit Orientierung und Hoffnung geben? Oder gerät sie selbst in die Krise? An diesen Ausgangsüberlegungen ihres Dozenten Prof. Martin Kirschner, Direktor des KU-Zentrums „Religion, Kirche, Gesellschaft im Wandel“ (ZRKG), setzen Theologie-Studierende an und stellten im Aktionstagsworkshop eigene Thesen zur Diskussion. Die „ökologische und soziale Krise bilden eine einzige Krise, die alle Menschen gemeinsam betrifft“, lautete eine These. Sie erfordert daher auch gemeinsame Lösungen. Christliche Spiritualität stehe in der Verantwortung, u. a. Kriterien und Orientierung für den Umgang mit Krisen sowie Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu einem gemeinsamen Handeln zu motivieren.

Studierende des Masterstudiengangs „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ konzipierten im Sommersemester in einem Seminar unter Anleitung von Dr. Simone Birkel auf der Grundlage einer Bedarfsabfrage Projekte für Nachhaltigkeit für eine kirchliche Institution oder Aktionsgruppe. Grundlage hierbei waren theologisch-ethische sowie bildungstheoretische Überlegungen. Ziele sind die Ermöglichung eines gegenseitigen Perspektivenwechsels und Überwinden von Berührungsängsten sowie das Wahrnehmen von kirchlichen Institutionen und Gruppierungen als mögliche Kooperationspartner für BNE-Projekten. Die konzeptionellen Kernpunkte dieser Projektvorhaben stellten die Studierenden auf Postern dar, von denen einige im Laufe des Aktionstages im Format eines virtuellen „Gallery Walk“ einsehbar waren. Umfassende Einblicke sind nach wie vor unter https://padlet.com/simonebirkel/og8de0surwivp8cb möglich.

Aktionstagsteilnehmerin Manuela Brettmeister resümierte: „Der digitale Hochschulaktionstag hat uns allen gezeigt, dass auch in der aktuellen Lage mit Corona der Diskurs in Sachen Nachhaltigkeit und Klima weitergeht und nicht zum Erliegen kommt.“ Dies war auch KU-Aktionstagsleiter Christian Meier wichtig: „Als Hochschule können wir gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten durch die Ermöglichung von akademischem Diskurs in virtuellen Veranstaltungsformaten ein Zeichen setzen, dass wir Verantwortung übernehmen, und den Menschen geistige Impulse, Inspiration und Hoffnung geben. Alle Mitwirkenden konnten so einen weiteren Beitrag leisten um der gesellschaftlichen Verantwortung von Hochschulen und ihren Studierenden nachzukommen, indem sich die Studierenden mit drängenden sozio-ökologischen Fragen unserer Zeit beschäftigen und Lösungsansätze für diese entwickeln. Für mich war es ermutigend zu sehen, wieviele Studierende der KU aus solch vielen verschiedenen Fachbereichen sich unter Anleitung ihrer Dozierenden mit Themen nachhaltiger Entwicklung und gesellschaftlicher Verantwortung befassen und da sehr viel voranbringen.“

Weitere Informationen zum KU-/VDW-Aktionstag „Aufklärung 2.0: Wir sind dran!“ finden sich unter https://vdw-ev.de/portfolio/aktionstag-zur-aufklaerung-2-0-aktionstag-zur-aufklaerung-katholischen-universitaet-eichstaett-ingolstadt-2/

Christian Meier