Alexandra Krebs ist neue Professorin für Didaktik der Geschichte

Wie verändert die Digitalisierung historische Denk- und Lernprozesse? Wo liegen die Potenziale von KI, Algorithmen und Social Media für einen modernen Geschichtsunterricht? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Alexandra Krebs, die seit Oktober 2025 die Professur für Didaktik der Geschichte an der KU innehat. „Mein Ziel ist es, die Schnittstelle zwischen Geschichtsdidaktik und Digital History sowohl in Forschung wie auch Lehre stark zu machen“, sagt die Historikerin.

Dass sie dabei Theorie, Empirie und schulische Praxis gleichermaßen im Blick hat, ist kein Zufall: Ihr eigener Weg führte sie vom Klassenzimmer über internationale Forschungsaufenthalte zurück an die Universität. Alexandra Krebs studierte an der Universität Mainz Latein, Geschichte und Bildungswissenschaften. „Ich hatte nie vor an der Uni zu bleiben und zu promovieren – ich wollte immer als Lehrerin in die Schule“, erinnert sie sich. Nach dem Referendariat in Paderborn unterrichtete Krebs zunächst Latein und Geschichte an einem Gymnasium in Bad Driburg.

Eine Abordnungsstelle an die Universität Paderborn in den Bereich Theorie und Didaktik der Geschichte eröffnete ihr jedoch neue Perspektiven. Die Verbindung von empirischer Bildungsforschung und Lehrkräfteausbildung begeisterte sie zunehmend: „Mich reizte die Chance, nicht nur in einer einzelnen Schule etwas bewegen zu können, sondern in der Ausbildung von Geschichtslehrkräften und damit an vielen Schulen.“ Neben den Begleit- und Praxisseminaren wuchs Alexandra Krebs Leidenschaft für Forschung und damit der Entschluss, zu promovieren. Gezielt wählte sie  ein Thema, das ihr für die Schulpraxis immens wichtig erschien und zugleich kaum erforscht war: digitale Lehr-Lernprozesse. „Mir geht es dabei nicht um digitale Quizformate oder Erklärvideos auf TikTok, wo Faktenwissen im Mittelpunkt steht. Mein Fokus liegt auf dem eigentlichen historischen denken Lernen, dem forschenden Lernen. Da bietet der digitale Raum unglaublich viele Potenziale und zugleich Herausforderungen, denen wir begegnen müssen.“

Historische Themen und digitalen Wandel zugleich im Blick

Gemeinsam mit dem Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld entwickelte sie die digitale Lernplattform „App in die Geschichte“, auf der Schülerinnen und Schüler eigenständig historische Forschungsprojekte im Themenbereich Nationalsozialismus, speziell „Euthanasie“, Eugenik und Zwangssterilisation, durchführen durften. In kleinen Teams konnten die Jugendlichen eigenverantwortlich digitales Archivmaterial wie Briefe, Notizzettel und Meldebögen durcharbeiten. Krebs beobachtete und analysierte über mehrere Wochen die Lernprozesse: „Spannend war, dass diese Art des Lernens für niemanden zu schwer war – da verschiedene Quellengattungen zur Verfügung standen, konnten die Gruppen ihre Schwierigkeitsstufe und Schwerpunkte selbst wählen und selbst entscheiden, wie viel davon sie untersuchen wollten.“ Besonders bemerkenswert sei der Lerneffekt im Nachgang der digitalen Phase gewesen, bei der gemeinsamen Präsentation und dem diskursiven Austausch im Klassenzimmer. „Da stellte die eine Gruppe plötzlich fest, dass die andere Gruppe eine ganz andere Geschichte erzählt über dieselbe Zeit, denselben Sachverhalt“, berichtet Alexandra Krebs. „Die Schülerinnen und Schüler lernten so, dass die Quellenauswahl und -kritik, der Fokus und die Fragestellungen einen wichtigen Unterschied machen und damit auch, wieso unterschiedliche Perspektiven auf Geschichte entstehen.“

Während der Promotion wurde Krebs von der Gerda Henkel-Stiftung als Fellow in Digital History gefördert und forschte so ein Jahr in den USA, am German Historical Institute in Washington DC sowie am Roy Rosenzweig Center for History and New Media der George Mason University. Dort habe sie neue Perspektiven gewonnen, insbesondere hinsichtlich der internationalen Entwicklungen in der Digital History. Im Anschluss an die erfolgreiche Dissertation arbeitete sie am Zentrum Bildung und digitaler Wandel der Pädagogischen Hochschule Zürich in einem multidisziplinären Team. Dort beschäftigte sie sich unter anderem mit Deepfakes, KI-Kompetenzen und der Frage, wie große Sprachmodelle historische Narrative prägen.

„Durchaus enorm“, beschreibt sie die Auswirkungen von KI auf den Geschichtsunterricht. „KI ist längst Alltag für Kinder und Jugendliche, sie bringen das in jeden Unterricht mit, natürlich auch in den Geschichtsunterricht.“ Für Alexandra Krebs steht daher fest: Wer Geschichte reflektiert versteht, reflektiert auch KI. Neben digitalen Themen widmet sich Krebs Kooperationen mit Archiven und anderen außerschulischen Lernorten. Aktuell arbeitet sie mit dem Kunsthaus Zürich zur sogenannten Bührle-Debatte. Hier analysiert sie mithilfe digitaler Methoden zehntausende Besucherkommentare zu einer umstrittenen Kunstsammlung.

„In einer pluralen Demokratie haben und brauchen wir auch plurale Geschichten“ 

Zentral ist für Krebs – im digitalen Zeitalter mehr denn je – das Verständnis von Geschichte als Konstruktion. „In einer pluralen Demokratie haben und brauchen wir auch plurale Geschichten.“ Geschichte verändere sich fortlaufend: „Zum einen wandeln sich die Forschung und ihre Fragestellungen, die Quellenlage verändert sich, aber es ändern sich auch Normen und Wertvorstellungen.“ Das bedeute jedoch keine Beliebigkeit oder Fake News – vielmehr müsste sich die Konstruktion von Geschichte an Plausibilitäten und Triftigkeiten orientieren. 

Mit ihrer Berufung nach Eichstätt verbindet Krebs bewusst eine Rückkehr zu den Wurzeln der Geschichtsdidaktik. Dabei versteht sie ihr Fach als empirisch arbeitende Wissenschaft, die historische Lern- und Denkprozesse untersucht. An der KU möchte sie Innovation und Tradition verbinden – von der Alten Geschichte, „für die mein Herz seit dem Studium schlägt“, bis zu KI-gestützten Analyseverfahren und digitalen Lernumgebungen. Denn für Alexandra Krebs ist klar: „Geschichte wird nicht einfach nur in Schulbüchern erzählt. Sie wird verhandelt – in Archiven, Museen, Medien und längst auch auf digitalen Plattformen.“ Genau dort setzt ihre Arbeit an.