Ihre Professur an der KU trat Marievonne Schöttner zum Start des Sommersemesters 2026 an, wirklich neu ist sie in der Eichstätter Theologie jedoch nicht. Bereits im Wintersemester 2025/26 vertrat sie den Lehrstuhl für Neutestamentliche Wissenschaft, zuvor war sie mehrfach für Lehraufträge an der KU. „Das hat mir die Möglichkeit gegeben, Studierende, Kolleginnen und Kollegen und Eichstätt kennenzulernen“, sagt Schöttner.
Ein besonderer Schritt in der Geschichte der Theologie
Die gebürtige Bad Homburgerin studierte an der Universität Würzburg zunächst Deutsch und katholische Religionslehre für das Gymnasiallehramt und nahm im dritten Semester zusätzlich das Diplomstudium Katholische Theologie auf. Ursprünglich wollte sie Lehrerin werden, doch während des Studiums verschob sich ihr Berufsziel. Nach ihrem 1. Staatsexamen und dem Diplomabschluss 2013 blieb sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neutestamentliche Exegese der Universität Würzburg und promovierte dort gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes.
Im Anschluss an die erfolgreiche Promotion 2017 wechselte Schöttner als Studienleiterin zur Bildungseinrichtung „Theologie im Fernkurs“ in Würzburg, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz theologische Fernstudiengänge anbietet. Fünf Jahre lang begleitete sie dort insbesondere Menschen, die sich auf eine Tätigkeit in der Gemeindearbeit vorbereiten. Durch Lehraufträge, Tagungen und eigene Forschungsarbeiten hielt sie währenddessen engen Kontakt zur Wissenschaft: „Ich habe immer mehr gespürt, dass mein Herz für Forschung und Lehre schlägt.“ Über eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle an der Universität Bamberg und eine Vertretungsprofessur an der Universität Würzburg führte ihr Weg schließlich an die KU. Marievonne Schöttner ist damit die erste nicht-ordensangehörige Frau, die an einer katholisch-theologischen Fakultät in Deutschland einen Lehrstuhl für Neues Testament innehat. Ihre Berufung ist somit ein besonderer Schritt in der Geschichte der katholischen Theologie in Deutschland.
Auf den Spuren verborgener Schriften aus dem frühen Christentum
Einer von Schöttners Forschungsschwerpunkten sind die neutestamentlichen Apokryphen – frühchristliche Schriften, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Ihr besonderes Augenmerk gilt den koptischen Texten aus der Bibliothek von Nag Hammadi sowie weiteren frühchristlich-gnostischen Schriften. Die 1945 in Oberägypten entdeckten Kodizes gehören zu den bedeutendsten Textfunden für die Erforschung des frühen Christentums. Viele der ursprünglich meist auf Griechisch verfassten Schriften sind heute vor allem in koptischer Übersetzung erhalten. Teilweise liegen beide Sprachfassungen nur fragmentarisch vor und müssen für die wissenschaftliche Analyse miteinander verglichen und zusammengefügt werden. Da Schöttner sowohl Griechisch als auch Koptisch beherrscht, kann sie bislang wenig erforschte Texte unmittelbar im Original erschließen und neue Einblicke in die Gedankenwelt frühchristlicher Gemeinschaften gewinnen.
Die Apokryphen geben dabei Auskunft über Fragen, die Christinnen und Christen im zweiten bis vierten Jahrhundert beschäftigten – etwa über Gemeindeämter, Leitungsstrukturen, Tod und Auferstehung. Bereits in ihrer mehrfach ausgezeichneten Dissertation widmete sich Schöttner einem zentralen Motiv frühchristlich-gnostischer Schriften: der Vorstellung vom „vollkommenen Menschen“ unter anderem im Evangelium nach Maria und im Judasevangelium.
Das Selbstverständnis des frühen Christentums
Zudem befasst sich Marievonne Schöttner aktuell in ihrer Forschung damit, wie Lukas in der Apostelgeschichte den Entstehungsprozess des frühen Christentums narrativ gestaltet und eine kollektive frühchristliche Identität konstruiert. Dabei hat Lukas sowohl das Judentum als auch die griechisch-römische Welt vor Augen und beschreibt das Christentum als eine neue religiöse Strömung zwischen diesen beiden Polen. Im Mittelpunkt steht für Schöttner die Frage, welche identitätsstiftenden Elemente Lukas hervorhebt und wie sich das frühe Christentum in der erzählten Welt der Apostelgeschichte als kollektive Identität formiert. Dabei verbindet die Professorin die neutestamentliche Exegese mit aktuellen Ansätzen der Identitätsforschung. Zugleich möchte sie mit ihrem Projekt einen Beitrag zur vieldiskutierten Frage des „Parting of the Ways“ leisten, also dazu, wann und wie sich Judentum und Christentum voneinander getrennt haben. „Wie Lukas das macht, sowohl durch Abgrenzung als auch über die Konstruktion von Gemeinsamkeiten und Kontinuität, ist auch für unsere heutige Zeit spannend“, erklärt die Theologin. „Ich möchte die Bezüge zum interreligiösen Dialog und zu gesellschaftlichen Identitätsprozessen herausarbeiten und der Frage nachgehen, was uns als Christinnen und Christen heute ausmacht.“
Biblische Texte in ihrer Zeit verstehen und für heute neu lesen
Grundlegend für Schöttners Arbeit ist ihre historisch-kritische Herangehensweise, die das Neue Testament und die Apokryphen unter dem Horizont der damaligen Zeit erschließt. Diese diachrone Methodik wird ergänzt durch linguistische und narratologische Methoden und sucht den Dialog mit historischen Wissenschaften, Literaturwissenschaften und Humanwissenschaften. Gleichzeitig baut die Methodik eine Brücke in die Gegenwart: „Diese Schriften können auch heute noch Sinnstifter und Antwortgeber auf aktuelle gesellschaftliche und kirchliche Diskurse sein.“
Diese Haltung prägt auch ihre Lehre. Studierende sollen befähigt werden, mit biblischen Texten reflektiert umzugehen und zugleich zu fragen, welche Perspektiven sie für heutige Fragen des Menschseins eröffnen. „Mir ist eine sorgfältige Methodenarbeit und klare Hermeneutik wichtig“, betont Schöttner. Vor allem möchte die Professorin ihre Studierenden theologisch sprachfähig machen: „Ich möchte sie begeistern und vermitteln, wie sie theologische Inhalte in ihren eigenen Worten Menschen näherbringen. Immerhin werden viele von ihnen später in Schulen und Gemeinden Menschen mit existenziellen Fragen gegenübertreten.“
Neben ihrer eigenen Lehre engagiert sich Marievonne Schöttner an der KU in einer Arbeitsgruppe zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in Studium und Lehre. Austausch und Vernetzung sucht sie auch im wissenschaftlichen Bereich, so ist sie Mitglied in den einschlägigen Fachgesellschaften wie der „Society of Biblical Literature“ und der „European Association of Biblical Studies“. Seit 2022 ist sie zudem zweite Vorsitzende der deutschen Sektion der „European Society of Women in Theological Research“, die mehr als 400 Mitglieder zählt, Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Religionen zusammenbringt und sich unter anderem mit Gender- und Gleichberechtigungsfragen beschäftigt.