Christus, der wahre Weinstock

Im Beitrag des Monats August nimmt uns Joachim Braun mit auf seinen Roadtrip durch Rumänien. Welche besondere Ikone er dabei entdeckt hat, erzählt er uns in seinem Beitrag der gemeinsamen Blogserie "Ikone des Monats" der Platform Oosters Christendom und des Eastern Christian Studies Online Campus.

#IkonedesMonats #Rumänien #Volkskunst

Sommer, Sonne, Urlaub! Die Augusttage führen mich in diesem Jahr nach Rumänien. Auf einem ausgedehnten Roadtrip geht es von der pulsierenden Hauptstadt Bukarest über die majestätischen Karpaten zu den mittelalterlichen Kirchenburgen Siebenbürgens, weiter zu den eindrucksvollen Holzkirchen der Maramureș und den berühmten Moldauklöstern der Bukowina bis in die einzigartige Naturlandschaft des Donaudeltas. Bei all diesen Sehenswürdigkeiten, die Rumänien zu bieten hat, verbirgt sich ein kleines, beinahe unscheinbares Juwel in dem Dörfchen Sibiel, rund 20 Kilometer von Sibiu (Hermannstadt) entfernt: das Museum der Hinterglasikonen. Etwa 600 dieser außergewöhnlichen Kunstwerke hat der rumänisch-orthodoxe Priester Zosim Oancea (1911–2005) seit 1969 zusammengetragen und damit eine beeindruckende Sammlung religiöser Volkskunst geschaffen.

Die Hinterglasmalerei hat in Siebenbürgen eine lange Tradition. Ihre Anfänge reichen bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts zurück. Zwischen etwa 1750 und dem Ende des 19. Jahrhunderts erlebte sie ihre Blütezeit, bevor diese besondere Form der Ikonenmalerei in der Zwischenkriegszeit weitgehend zum Erliegen kam. Die zugrundeliegende Technik ist freilich wesentlich älter und war bereits in der römischen Antike bekannt. Anders als bei der herkömmlichen Malerei wird das Motiv auf jene Seite der Glasscheibe aufgetragen, die später die Rückseite des fertigen Bildes bildet. Der Künstler muss also gewissermaßen umgekehrt denken: Die einzelnen Bildbestandteile werden in umgekehrter Reihenfolge aufgetragen. Das Motiv muss spiegelverkehrt angelegt werden, damit es beim Betrachten durch die Glasscheibe in der gewünschten Ausrichtung erscheint. Gerade diese anspruchsvolle Technik verleiht den Hinterglasikonen ihren unverwechselbaren Charakter mit kräftigen Farben, markanten Konturen und einer oftmals verblüffend unmittelbaren Ausdruckskraft.

Die Motive sind vielfältig und vielfach aus der traditionellen ostkirchlichen Ikonenmalerei vertraut: Christus- und Marienbilder, Darstellungen aus dem Alten Testament und Heiligenleben. Doch unter den Hunderten von Ikonen bleibt mein Blick an einem Bild ganz besonders hängen: Christus als der wahre Weinstock.

Seinen biblischen Ausgangspunkt hat das Bild in den Worten Jesu aus seiner sogenannten zweiten Abschiedsrede im Johannesevangelium: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer“ (Joh 15,1). Wenige Verse später heißt es: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,5). Das Bild des Weinstocks, das im Johannesevangelium zunächst die lebendige Verbindung zwischen Christus und seinen Jüngern zum Ausdruck bringt, erfährt in der Ikonographie eine eindrucksvolle eucharistische Deutung. Christus selbst wird zum Ursprung des Weinstocks, dessen Trauben den Wein hervorbringen, der in der Eucharistie zu seinem Blut wird. Die Verbindung von Weinstock, Passion und Eucharistie verdichtet sich so zu einer ebenso einfachen wie tiefgründigen theologischen Bildsprache.

Wahrer Weinstock

Von diesem Motiv derart fasziniert, kann ich nicht widerstehen und erwerbe im kleinen Museumsshop ein Exemplar, das auf eine Hinterglasikone aus Brașov (Kronstadt) aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Die Darstellung zeigt Christus als Schmerzensmann, mit Dornenkrone und den Wundmalen seiner Passion, vor dem Kreuz sitzend. Aus seinem Körper wächst ein mächtiger Weinstock, dessen Äste sich zu beiden Seiten ausbreiten und zahlreiche rote und goldgelbe Trauben tragen. Mit seinen Händen presst Christus die Früchte einer Rebe über einem Kelch aus. Der Wein, der aus den Trauben gewonnen wird, verweist auf sein Blut, das er für die Erlösung der Menschen vergießt. Passion und Eucharistie, Kreuzesopfer und sakramentale Gegenwart Christi werden hier auf bemerkenswerte Weise miteinander verbunden.

Gewiss, kunsthistorisch betrachtet mag die Darstellung zunächst etwas unbeholfen erscheinen. Die Proportionen des Körpers stimmen kaum, die Gliedmaßen wirken ungelenk, und insbesondere der linke Fuß Christi ist, vorsichtig ausgedrückt, alles andere als anatomisch überzeugend gestaltet. Man könnte geradezu von einer kindlichen Naivität sprechen. Doch genau darin liegt für mich der besondere Reiz dieser Ikone. Ihre Ausdruckskraft erwächst nicht aus technischer Perfektion, anatomischer Genauigkeit oder künstlerischer Raffinesse. Vielmehr berührt sie durch ihre Unmittelbarkeit, ihre leuchtenden Farben und die unverkennbare Frömmigkeit, die in ihr zum Ausdruck kommt.

Denn die siebenbürgischen Hinterglasikonen waren in erster Linie Werke der Volkskunst. Ihre Schöpfer waren häufig keine professionell ausgebildeten Künstler oder Kunsthandwerker, sondern einfache Bauern, die sich nach getaner Feldarbeit oder während der langen Wintermonate der Herstellung dieser Bilder widmeten. In ihren Häusern richteten sie bescheidene Werkstätten ein, in denen oftmals die ganze Familie am Entwerfen, Zeichnen und Kolorieren beteiligt war. Die Ikonen entstanden nicht in großen künstlerischen Ateliers, sondern mitten im bäuerlichen Alltag. Sie waren Ausdruck einer tief verwurzelten Religiosität, die das Leben der Menschen ebenso prägte wie ihre Arbeit, ihre Feste und ihre familiären Traditionen.

Vielleicht ist es gerade diese Verbindung von Glauben und Alltag, die den Hinterglasikonen Siebenbürgens ihre besondere Faszination verleiht. In ihnen begegnen sich der ganze Reichtum der christlich-orthodoxen Tradition und die schöpferische Phantasie einfacher Menschen. Überlieferte theologische Vorstellungen werden in eine eigenständige, farbenfrohe und bisweilen eigenwillige Bildsprache übersetzt. Was dabei entsteht, ist weit mehr als bloßer religiöser Wandschmuck: Es sind eindrucksvolle Zeugnisse gelebten Glaubens.

Und so wird aus einem kleinen Mitbringsel aus dem rumänischen Sommerurlaub weit mehr als eine schöne Reiseerinnerung. Die etwas unbeholfene Christusfigur mit ihren übergroßen Händen, den ungelenken Beinen und dem merkwürdig geformten linken Fuß erinnert mich daran, dass die Kraft eines religiösen Bildes nicht in seiner künstlerischen Vollkommenheit liegen muss. Manchmal vermag gerade eine vermeintlich unvollkommene Darstellung etwas von der Tiefe des Glaubens sichtbar zu machen, aus dem sie hervorgegangen ist.

Text: Joachim Braun - Scientific Coordinator & Manager des Eastern Christian Studies Online Campus

zur niederländischen Version auf der Platform Oosters Christendom