„Es ist Zeit sich zu freuen“ heißt es anspielungsreich in Rose Ausländers Frühlingsgedicht Mai II (1986), „zu trauen dem blühenden Wunder“. Die in Czernowitz im Mai des Jahres 1901 geborene Lyrikerin Rose Ausländer bedichtet darin Maiglöckchen, die das junge Jahr einläuten, erwachenden Flieder und schließlich Bäume, die ihr Laub erfinden und Gespräche führen.
50 Jahre nach Bertolt Brechts Diktum An die Nachgeborenen, in dem es hieß, dass ein „Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen“ sei, „weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt“, öffnet Rose Ausländer zwei Jahre vor ihrem Tod nicht nur den poetischen, sondern auch den lebenszugewandten Korridor: „Ja es ist Zeit / sich zu öffnen / allen ein Freund zu sein / das Leben zu rühmen“.
Warum es Zeit ist, sich auch der Literatur über den Monat Mai zu öffnen hat Friederike Reents in der in der Sendung „Glauben, Zweifeln, Leben“ auf BR 2 am 10. Mai erklärt. Im Gespräch mit Friederike Weede vom Bayerischen Rundfunk ging es um die Frage, warum Jahreszeiten und insbesondere der Monat Mai - und die damit verbundene Verliebtheit und Sehnsucht - in der Literatur etwa der Empfindsamkeit, des Sturm und Drang und natürlich der Romantik eine große Rolle spielen. Gegenstand des Gesprächs war weiterhin, dass der „Wonnemonat“ auch in der Gegenwartsliteratur eine große Rolle spielt, insofern sich der literarische Blick auf die Natur in den von Klimabewusstsein zunehmend geprägten Zeiten verändert hat. Und schließlich war Gegenstand des Mai-Gesprächs, inwiefern gerade der Marienmonat Mai auch für eine fruchtbare Verbindung zwischen Bodenhaftung (humus: Boden, Erde) und Demut (humilitas) steht, derer es in heutiger Zeit vielleicht mehr denn je bedarf.
Rose Ausländer: Mai II
Mit Maiglöckchen
läutet das junge Jahr
seinen Duft
Der Flieder erwacht
aus Liebe zur Sonne
Bäume erfinden wieder ihr Laub
und führen Gespräche
Wolken umarmen die Erde
mit silbernem Wasser
da wächst alles besser
Schön ists im Heu zu träumen
dem Glück der Vögel zu lauschen
Es ist Zeit sich zu freuen
zu atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder
Ja es ist Zeit
sich zu öffnen
allen ein Freund zu sein
das Leben zu rühmen
Rose Ausländer: Mai II, in: Gesammelte Werke in sieben Bänden, hrsg. von Helmut Braun, Bd. 6, Frankfurt am Main 1986, S. 341.