Der Ort des Kreuzes – gesehen, erinnert, mitgetragen

Die Reihe "Ikone des Monats" der Platform Oosters Christendom und des Eastern Christian Studies Online Campus wird im April mit einer besonderen Kreuzesdarstellung fortgesetzt.

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Golgotha

Auf den ersten Blick zeigt diese Ikone kein ungewöhnliches Motiv. Der sterbende Christus hängt am Kreuz, zu seiner Linken steht seine Mutter Maria, zur Rechten sein Lieblingsjünger Johannes. Die Szenerie ist vertraut, nahezu archetypisch: das Zentrum der christlichen Heilsgeschichte, immer wieder dargestellt, immer wieder betrachtet. Und doch beginnt diese Ikone erst dann zu sprechen, wenn man sich nicht mit dem ersten Blick begnügt. Denn sie bildet nicht einfach die biblische Kreuzigungserzählung ab. Sie zeigt einen ganz bestimmten Ort – Golgotha, wie er sich bis heute in der Grabeskirche von Jerusalem erfahren lässt.

Die Ikone stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, gemalt in Temperatechnik auf Holz, entstanden in Jerusalem selbst und heute aufbewahrt im Musée du Louvre. Sie gehört zu jener Gruppe von Ikonen, die im Umfeld der Grabeskirche für Pilgerinnen und Pilger gefertigt wurden – Bilder, die Andacht und Erinnerung in sich vereinen. In ihnen verdichtet sich das, was Jerusalem für Generationen von Christinnen und Christen gewesen ist: kein bloßes Symbol, sondern ein konkret erfahrbarer Raum des Heils.

Golgotha ist kein Abstraktum

Was diese Ikone besonders macht, ist ihre Konsequenz. Die Kreuzigung wird nicht losgelöst vom Ort ihres Geschehens und von der Architektur des Erinnerungsortes dargestellt, sondern bewusst in der Golgotha-Kapelle der Grabeskirche verortet. Unter dem Kreuz befindet sich der Altar, wie er dort tatsächlich steht. In seiner Mitte öffnet sich das runde Loch, durch das Pilger bis heute den Felsen des Kalvarienbergs berühren können. Der Maler zeigt damit genau jenen Punkt, an dem sich nach christlicher Überzeugung das Heilsgeschehen vollzogen hat – und an dem es bis heute berührt werden darf.

Diese Öffnung im Altar ist kein dekoratives Detail. Sie ist eine theologische Aussage in Bildform. Die Kreuzigung ist auf Golgotha nicht nur sichtbar, sondern auch mit den Händen berührbar. Das Heil ist nicht entrückt, sondern greifbar – wenn auch nur durch eine kleine, begrenzte Öffnung. Genau darin liegt eine tiefe spirituelle Wahrheit: Nähe ist möglich, aber niemals vollständig verfügbar.

Golgotha
Golgotha in der Grabeskirche

Auch der Himmel über der Szene ist nicht beliebig gewählt. Er ist dunkel, von Sternen durchzogen, die einerseits auf den Kosmos verweisen, aber andererseits wieder die spezifische Ausstattung der Golgotha-Kapelle aufgreifen. Der Sternenhimmel erinnert an die Gestaltung dieses Ortes, an das Bewusstsein, dass sich hier Irdisches und Himmlisches durchdringen. Das Kreuz steht auf dieser Ikone nicht im Freien, sondern in einem sakralen Innenraum.

Maria und Johannes: Zeugen am richtigen Platz

Auffällig ist die Haltung der beiden Figuren unter dem Kreuz. Maria und Johannes stehen nicht einfach trauernd daneben; ihre Gesten entsprechen sehr genau ihrer Darstellung auf Golgotha in der Grabeskirche. Die Handhaltungen, die Körperausrichtung, die stille Spannung – all das deutet darauf hin, dass der Maler den Ort kannte. Diese Genauigkeit ist kein Zufall. Sie zeigt, dass hier nicht nach einem allgemeinen ikonographischen Schema gearbeitet wurde, sondern mit einem konkreten Ort vor Augen. Dabei stehen Maria und Johannes hier nicht nur für die Mutter und den Jünger, sondern auch für die Haltung des Pilgers: bleiben, ausharren, schauen, fühlen.

Dass andere Elemente – etwa die zahlreichen Öllampen, die real von der Decke der Kapelle herabhängen – nicht detailliert ausgeführt sind, spricht nicht gegen diese Ortskenntnis. Im Gegenteil: Die Ikone folgt der Logik ikonischer Verdichtung. Nicht alles Sichtbare muss gezeigt werden. Entscheidend ist, was für die geistliche Aussage notwendig ist. Der Maler reduziert, um zu konzentrieren.

Jerusalem als universaler Ort

Die griechische Inschrift der Ikone verortet das Kreuz eindeutig auf Golgotha. Die Heilige Stadt war im 19. Jahrhundert – wie schon viele Jahrhunderte zuvor – ein Ort, an dem unterschiedliche christliche Konfessionen und Traditionen aufeinandertrafen. Gerade die Grabeskirche, in der Griechen und Franziskaner, Armenier und Kopten, Syrer und Äthiopier beteten und beten gibt davon Zeugnis.

Die Ikone wurde einst als Erinnerungsstück mitgenommen, nicht als dekoratives Andenken, sondern als verdichtetes Symbol. Wer eine solche Ikone nach Hause trug, nahm Golgotha mit. Das Bild wurde zum Träger von Erinnerung, Erfahrung und Verheißung. Es bewahrte nicht nur ein Motiv, sondern einen Ort – und damit die persönliche Begegnung mit der Heilsgeschichte.

Warum diese Ikone?

Diese Ikone zieht mich an, weil sie sich der Versuchung entzieht, das Kreuzesgeschehen zu vergeistigen. Sie zeigt, dass das Christentum von Anfang an ortsgebunden ist. Das Heil geschieht nicht irgendwo, sondern konkret an einem ganz bestimmten Ort. Und dieser Erinnerungsort ist nicht verloren gegangenen. Er ist bewahrt, zugänglich, berührbar.

In einer Zeit, in der Spiritualität oft ins Unverbindliche und Abstrakte ausweicht, erinnert diese Ikone daran, dass Glaube mit ganz konkret erfahrbaren Räumen zu tun hat. Dass man davorstehen muss, um zu sehen. Dass man sich beugen muss, um zu berühren. Dass Erinnerung körperlich ist.

Zugleich bewahrt die Ikone eine große innere Ruhe. Sie dramatisiert nicht. Sie schreit nicht. Sie lädt ein zur Betrachtung. Sie zwingt nichts auf, sondern öffnet einen Raum.

Das Kreuz als Ort der Nähe

Spirituell betrachtet ist diese Ikone eine Schule der Nähe. Das Kreuz ist nicht fern, nicht hoch entrückt. Es steht über einem Altar, an dem Menschen beten, knien, ihre Hand ausstrecken. Die Ikone macht deutlich: Der Ort des größten Schmerzes ist zugleich ein Ort der tiefsten Nähe Gottes.

Die kleine Öffnung im Altar wird so zum Sinnbild des geistlichen Lebens. Wir greifen nach dem Geheimnis, ohne es je ganz zu besitzen. Wir berühren den Felsen, aber wir tragen ihn nicht fort. Und doch verändert diese Berührung etwas.

Der Sternenhimmel über Golgotha öffnet den Blick nach oben, ohne den Blick vom Kreuz wegzuziehen. Er erinnert daran, dass dieses Geschehen kosmische Bedeutung hat – und dennoch in einem ganz bestimmten Raum verankert bleibt.

Diese Ikone lädt dazu ein, nicht wegzusehen. Sie lädt dazu ein, zu bleiben. Wie Maria und Johannes. Wie die Generationen von Pilgern, die vor dem Felsen von Golgotha standen. Und vielleicht ist das ihre stillste, aber eindringlichste Botschaft: Dass Glauben manchmal nichts anderes heißt, als am richtigen Ort auszuharren – im Wissen, dass gerade dort, wo alles endet, etwas beginnt.

Text: Joachim Braun - Scientific Coordinator & Manager des Eastern Christian Studies Online Campus

zur niederländischen Version auf der Platform Oosters Christendom