Ein Bauwagen als Tor zur Welt

Schon von Weitem ist der blaue Bauwagen neben der Zentralbibliothek der KU zu sehen. Während der Sommermonate hat er seinen Platz direkt neben dem Outdoor-Classroom der KU und dient hier als Sommerklassenzimmer des Caritas-Kinderdorfs Marienstein. Das mobile Klassenzimmer bietet nicht nur allen Jahrgangsstufen der Mariensteiner Schule ein abwechslungsreiches Programm, sondern auch den Didaktikstudierenden der KU die Chance, neue Unterrichtskonzepte in der Praxis zu erforschen.

Was bietet das Bauwagen-Klassenzimmer den Schulkindern?

„Durch diese Kooperation entsteht ein Tor zur Welt für die Schülerinnen und Schüler“, erklärt Alexander Steindl, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Lehrerinnen- und Lehrerbildung (ZLB) der KU das Programm der Bauwagen-Schule koordiniert. Gemeinsam mit dem Lehrer der Mariensteiner Schule Wilhelm Schütz ist es ihm gelungen, abwechslungsreiche Unterrichtseinheiten für die erste bis achte Klasse zu organisieren. So kommen alle Schülerinnen und Schüler regelmäßig „runter in die Stadt und raus aus der Schule in Marienstein“, wie Steindl es beschreibt. Denn so idyllisch die Lage in Marienstein ist, so abgelegen ist die Schule auch. Der Besuch an der KU ist da eine willkommene Abwechslung und ein Perspektivwechsel, der neue Impulse gibt und den Horizont erweitert. Gleichzeitig bietet der Bauwagen aber auch ein geschütztes Umfeld und ist ein Rückzugsort im Draußen. „Man kann sich den Bauwagen wie ein Zelt auf dem Campingplatz vorstellen, wie ein kleines Stück zuhause im Urlaub“, beschreibt Steindl die Idee.

Wie nutzen die Studierenden das Bauwagen-Klassenzimmer?

Für die Studierenden an der KU ist der Bauwagen ein didaktisches Forschungsfeld. Hier können Sie neue Lehrmethoden ausprobieren. Damit ist der Bauwagen ein transformierter Lernort. Vor allem aber ist der Bauwagen eine unmittelbare Verknüpfung von Theorie und Praxis. Die Studierenden können das, was sie in Seminaren lernen und erarbeitet haben, testen und erhalten direkt Rückmeldung. Denn jede Bauwagen-Schulstunde beinhaltet auch die Reflexion der Schülerinnen und Schüler, die ganz offen sagen können, was ihnen gefallen hat und was nicht. 

Welche Fachbereiche nutzen den Bauwagen?

Insgesamt sind während des Sommersemesters etwa 20 Termine am Bauwagen geplant. Beteiligt sind unterschiedlichste Fachbereiche von der Biologie bis zur Religionspädagogik. Die Projekte der Studierenden sind auf die verschiedenen Jahrgangsstufen abgestimmt. Die Dauer der Projekte ist ebenso unterschiedlich wie die Zielsetzung. Während einzelne Studierende die Arbeit mit den Klassen für den praktischen Teil ihrer Abschlussarbeit nutzen, sind andere Unterrichtseinheiten Teil von Didaktik-Seminaren.

Die Religionspädagogik führt ein Streitschlichterprogramm für die älteren Kinder durch. Die Musikpädagogik bietet ein inklusives Musikprojekt an, das Rhythmus, Ausdruck und Gemeinschaft miteinander verbindet. Die Kunstpädagogik will die Kreativität der Kinder fördern und zugleich gesellschaftliche Verantwortung thematisieren. 

Vom Bauwagen in den Kapuzinergarten

Erweitert wird das Bauwagen-Klassenzimmer durch die Möglichkeiten des Kapuzinergartens. Hier finden im Rahmen der Kooperation zwischen Kinderdorf und ZLB Biologiedidaktikprojekte statt. Im Rahmen einer Abschlussarbeit pflegen beispielsweise in fünf Terminen Schülerinnen und Schüler Beete, bauen Gemüse und Erdbeeren an und lernen, wie nachhaltiges und biologisches Gärtnern funktioniert. Als Team arbeitet die Klasse an einem gemeinsamen Ziel und wird durch die Ernte belohnt. Dabei stehen nicht Noten im Vordergrund – vielmehr zählt jeder Beitrag vom Pflanzen, über das Unkrautjäten, Gießen bis zur Ernte, jede Tätigkeit ist wichtig und wird wertgeschätzt. Die Kinder erleben Selbstwirksamkeit und erkennen „ich bin wertvoll“ auch außerhalb der geschützten Welt des Kinderdorfes. 

Gelungene Kooperation

Das Interesse der Dozierenden und Studierenden ist groß und die Ideen für weitere Unterrichtsprojekte vielfältig. Mittlerweile gibt es sogar eine Warteliste von Seiten der KU. Und die Schülerinnen und Schüler? Sie bringen unterschiedliche Biografien und Herausforderungen mit, auf die sich die Studierenden einstellen müssen. Anfangs sind sie oft noch zurückhaltend und brauchen einen Termin zum Ankommen. Doch die regen Gespräche zwischen Kindern und Studierenden, die dann entstehen, zeigen, dass die Kinder sich wohlfühlen. Sie trauen sich zu erzählen und sich einzubringen. „Das zeigt die Wertschätzung in beide Richtungen und ist ein schöner Beweis für das Gelingen der Kooperation“, freut sich Steindl. Für ihn ist die Kooperation ein wichtiger kleiner Schritt der Inklusion, denn der Bauwagen ist ein Zugang der Kinder zu öffentlichen Orten in der Stadt.