Am 3. und 4. Juli 2026 fand an der Katholischen Universität ein Workshop statt, der Eichstätts wohl prominenteste und wichtigste mittelalterliche Handschrift in den Mittelpunkt stellte. Das Pontificale Gundekarianum war 1987 teilweise faksimiliert worden und konnte 2024 in einer Kooperation von Diözesanarchiv und Universitätsbibliothek in Eichstätt vollständig digitalisiert werden. Dies nahmen die Professoren Thomas Wetzstein (Mittelalterliche Geschichte) und Bernward Schmidt (Mittlere und Neue Kirchengeschichte) zum Anlass, gemeinsam mit einer Gruppe von Expertinnen und Experten verschiedene Aspekte dieser hochkomplexen und vielseitigen Handschrift zu analysieren und zu diskutieren. Denn seit der Teilfaksimilierung des Gundekarianums und dem zugehörigen Kommentarband im Jahr 1987 war die Handschrift nur punktuell Gegenstand intensiverer Forschung, wobei die textimmanente Arbeit vorherrschte. Das Hauptziel der Tagung war es daher, das Gundekarianum mit der aktuellen Forschung und mit weiteren jeweils zeitgenössischen Quellen ins Gespräch zu bringen. Auf diese Weise kann die Handschrift, die über gut sechs Jahrhunderte hinweg entstand und erweitert wurde, in ihre jeweiligen Kontexte eingeordnet und mit aktuellen Fragestellungen konfrontiert werden.
In seiner Einleitung zur Tagung schilderte Thomas Wetzstein (Eichstätt) die Editionsgeschichte des Gundekarianums in Arbeiten zur Liturgiegeschichte und zur Bischofsgeschichtsschreibung. Dabei konnte er aufzeigen, dass diese im 19. und frühen 20. Jh. entstandenen Editionen keineswegs „neutral“ argumentierten, sondern durchaus interessegeleitet waren.
Die minutiöse kodikologische Analyse durch Dr. Karl-Georg Pfändtner (Augsburg) zeigte, dass das Gundekarianum unter Johann von Eich in der Mitte des 15. Jh. letztmalig aufgebunden wurde und seither verschiedene Lagen bzw. Seiten eingebunden wurden. In den Kontext der Bindung unter Johann von Eich sind auch die Haftara-Fragmente einzuordnen, die für die Bindung verwendet wurden.
Die von Prof. Dr. Jürgen Bärsch (Eichstätt) vorgenommene Analyse aus liturgiehistorischer Perspektive musste von gegenüber früheren Forschungen völlig veränderten Voraussetzungen ausgehen, da der Charakter des Pontificale Romano-Germanicum als Konstrukt der Forschung mittlerweile klar erkannt ist. Die Vergleiche mit der Gattung des Pontificale und weiteren liturgischen Büchern des 11. Jahrhunderts erbrachte, dass das Gundekarianum wohl nicht für den Gottesdienst am Eichstätter Dom gedacht war, sondern eher als Ergebnis liturgischer Studien anzusehen ist – und möglicherweise als Inspirationsquelle für die Liturgie an der Bischofskirche bzw. im Bistum Eichstätt diente.
Die kunsthistorischen Forschungen von Dr. Benno Baumbauer (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg) und Dr. Pia Rudolph (Bayerische Akademie der Wissenschaften, München) bezogen sich auf die Bischofsdarstellungen des 11. bis 14. Jahrhunderts sowie auf die Darstellungen Wilhelms von Reichenau und Gabriels von Eyb. Baumbauer zeigte auf, dass die Wandlungen in den Bischofsdarstellungen während des Hoch- und beginnenden Spätmittelalters mit einem Wandel im Charakter des Gundekarianums einhergehen, das zunehmend rechtsdokumentarischen Wert bekam – insbesondere unter dem Eindruck des Hirschberger „Erbes“. Rudolph diskutierte dagegen mit stilkritischen Argumenten eine Zuschreibung der beiden jüngsten Bischofsdarstellungen an Hans Holbein d.Ä., der in Augsburg ansässig und nachweislich mehrfach für Eichstätt tätig war.
Die Frage nach Status und Bedeutung des Gundekarianums im hochmittelalterlichen Eichstätt diskutierte Thomas Wetzstein (Eichstätt), der die Eichstätter Handschrift mit Herrschergenealogien, aber auch dem unter Bischof Otto erstellten Regensburger Pontificale ins Gespräch brachte. Der Vergleich zeigte, dass es für Bischöfe des 11. Jahrhunderts offenbar zum „guten Ton“ gehörte, sich ein Pontificale neuen Typs anzuschaffen und dass ein solches Buch nicht zuletzt der bischöflichen Repräsentation diente.
Aus der Perspektive der mittelalterlichen Historiographiegeschichte widmeten sich Prof. Dr. Andreas Bihrer (Christian-Albrechts-Universität Kiel) und Dr. Francesco Massetti (Bergische Universität Wuppertal) dem Bischofskatalog im Gundekarianum. Bihrer erläuterte die Herkunft der Bischofskataloge aus spätmittelalterlichen Ämterlisten und kleineren Formen der Geschichtsschreibung. Eine Herleitung des Gundekarianums aus der Überlieferung anderer Bistümer oder aus dem Liber Pontificalis ist für die frühe Zeit jedoch nicht möglich. Massetti verglich die Überlieferungen des Gundekarianums mit den zeitgleich entstandenen Texten des Anonymus Haserensis und zeigte damit unterschiedliche Strategien der Legitimation durch Geschichtsschreibung auf.
In landes- bzw. diözesangeschichtlicher Perspektive analysierte Bernward Schmidt (Eichstätt) die Bischofsviten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (ca. 1400 bis 1700). Der Vergleich mit anderen Gattungen der Bischofsgeschichte (Bischofskataloge des 15. und 16. Jh., Leichenpredigten ab dem 16. Jh., Bischofsviten des Jesuiten Jakob Gretser) demonstriert dabei, dass das Gundekarianum lange Zeit einem Grundmodell treu blieb, innerhalb dessen Akzente jedoch je anders gesetzt werden konnten. Ein präziserer Vergleich mit dem Gnesener Bischofskatalog des 16. Jh. erscheint dabei als Desiderat der Forschung.
In verschiedenen Beiträgen wurde zudem auf das (eigentlich liturgische) Kalendarium und seine diversen Nachträge eingegangen sowie die Frage nach den Besitzverhältnissen diskutiert. Die detaillierte immanente Analyse und die konsequente Kontextualisierung des Gundekarianums zeigen die Einmaligkeit der Eichstätter Handschrift in ihrer vielfältigen und komplexen Zusammenstellung. Sie demonstrieren aber auch, dass das Gundekarianum im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit Teil der lebendigen Kulturgeschichte des (katholischen) Christentums war. Die Förderung durch das ZRKG und das Forschungskolleg Dialogkulturen an der KU ermöglichten die Durchführung des auch von der Öffentlichkeit interessiert wahrgenommenen Workshops.