Journalistikstudierende vermitteln Medienkompetenz auf Augenhöhe
Wie lernen junge Menschen einen achtsamen Umgang mit Medien? Wie erkennen sie Fakenews? Wie können sie unabhängigen Journalismus von einer Meinung unterscheiden und warum ist Journalismus für die Demokratie so wichtig? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Projektes der KU zur Medienkompetenz. Journalistikstudierende waren mehrere Wochen zu Gast an der Fronhofer Realschule in Ingolstadt und hielten Kurse in den neunten Klassen.
Angelehnt an das Vorbild „Journalismus macht Schule“ hat KU-Journalistikprofessorin Friederike Herrmann die Idee des Vereins weiterentwickelt. „Journalismus macht Schule“ ist eine bundesweite Initiative zur Stärkung von Nachrichten- und Informationskompetenz mit dem Ziel, Schülerinnen und Schüler dazu zu befähigen, sich möglichst umfassend, ausgewogen und faktenbasiert über das Zeitgeschehen zu informieren.
Wie kann die Medienkompetenz der Jugendlichen gefördert werden?
Im Schulprojekt der KU besuchen allerdings nicht Journalistinnen und Journalisten mit langjähriger Berufserfahrung sondern Studierende die Klassen. Der Vorteil: Die Studierenden nehmen eine andere Rolle ein, sie sind nicht Lehrer oder Lehrerin, sie sind Coach, begegnen den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe und sind viel näher dran an den Fragen und Ansichten der Jugendlichen. „Wir haben auch einfach den gleichen Humor – ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist“, sagt Journalistikstudent Timothy Hageneier, als er von dem guten Draht zu den Jugendlichen erzählt. Auf jeden Fall hat dies aber dazu geführt, dass die Jugendlichen sich intensiv beteiligt haben und auch das Interesse am Journalismus insgesamt geweckt wurde.
Die Jugendlichen zeigten sich offen für die Informationen, die die Studierenden mitgebracht hatten. „Während man mit 15 versucht sich vom Elternhaus abzugrenzen, waren die Studierenden eher wie große Geschwister und wurden entsprechend authentisch bei dem Thema Social Media wahrgenommen“, beschreibt Friederike Herrmann ihren Eindruck von der Unterrichtsatmosphäre.
Wie profitieren die Studierenden von ihrer Arbeit in der Schule?
Auch für die Studierenden boten die Kurse eine große Chance. Sie lernen durch das Lehren, reflektieren und vertiefen, was sie im Studium gelernt haben, und sehen, was wichtig für die Öffentlichkeit ist. „Gleichzeitig trainieren sie ihre Vermittlungskompetenz und reflektieren die gesellschaftliche Rolle des Journalismus“, erklärt Herrmann, warum ihr das Schulprojekt wichtig ist.
Entstanden ist die Idee durch eine Anfrage einer ehemaligen KU-Studentin. Marlene Gruppenberger ist mittlerweile Lehrerin an der Fronhofer Realschule und wandte sich mit der Idee für das Schulprojekt an den Journalismus-Studiengang an der KU. Herrmann sah in ihrem Seminar zur aktuellen Medienentwicklung, das einen hohen Praxisanteil hat, die Gelegenheit, die Anfrage der Schule mit ihrem Engagement bei „Journalismus macht Schule“ zu verbinden und das Medienkompetenztraining umzusetzen.
Praktische Übungen zum sicheren Medienumgang
In Dreier- und Vierergruppen bereiteten die Studierenden die Kurse vor und waren dann zwei Doppelstunden in den Klassen. Entstanden sind unterschiedliche Unterrichtskonzepte, die eine Gemeinsamkeit haben: Alle Gruppen legten großen Wert auf einen hohen Praxisanteil. In einer Gruppe lernten die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel die Arbeit mit Agenturmeldungen kennen. Sie mussten die für sie relevantesten Themen auswählen, über eine passende Überschrift entscheiden und lernten so die journalistische Arbeit kennen. Eine andere Gruppe erstellte einen TikTok-Kanal-Prototypen für verschiedene Zielgruppen vom AfD-Wähler bis zu Omas auf der Suche nach neuen Rezepten. Anschließend testete die Gruppe, wie sie den Algorithmus trainieren. Dabei beobachteten sie, wie sich der Algorithmus binnen 30 Sekunden darauf einstellte, nur noch passende Inhalte zu liefern
In zahlreichen Übungen sollten die Schülerinnen und Schüler herausfinden, ob gezeigte Instagram- oder TikTok-Beiträge echte Informationen enthielten oder ob es sich um die Meinung der Influencerin oder des Influencers handelt. „Zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler dachte, dass der blaue Haken reicht, um zu erkennen, ob die Information stimmt“, berichtet Studentin Natalie Boger aus ihrer Gruppe. Dabei zeigt der blaue Haken lediglich an, ob ein Konto verifiziert wurde und trifft damit keine Aussage über die Inhalte. Doch auch die Studierenden mussten zugeben, dass auf vielen Accounts die Meinung gut versteckt wurde und auch sie selbst genauer hinsehen mussten, um zu entscheiden.
Fazit: Das Schulprojekt soll weitergehen
Von links: Jakob Hoberg, Kilian Mayrhofer Timothy Hageneier (Studenten), Prof. Friederike Herrmann, Initiatorin Marlene Guppenberger (Lehrerin der Ludwig-Frohnhofer-Realschule in Ingolstadt)
Einig waren sich die beteiligten Lehrerinnen, Studierende und Dozierende, dass der Kurs eine Lücke im Lehrplan aufzeigt. Dabei ist die Bedeutung von Medienkompetenz in einer Zeit sich rasch verändernder Medienangebote unumstritten. Mit den Kursen ist ein erster Schritt getan. Die Schülerinnen und Schüler haben verstanden, dass sie nicht alles glauben sollten, was sie lesen, sehen und hören und dass sie auch Journalismus hinterfragen sollten, da sind sich die Studierenden einig.
Auch Friederike Herrmann zieht ein positives Fazit nach dem ersten Semester: „Ich war richtig berührt. Es war schön zu sehen, wie die Studierenden mit den Schülerinnen und Schülern umgehen und sie aufeinander reagieren.“ Für sie ist klar, dass dieses Pilotprojekt erst der Anfang ist. Sie nimmt ihre Erfahrungen mit in den Verein „Journalismus macht Schule“ und will die Zusammenarbeit mit den Schulen und anderen Zielgruppen in Zukunft fortführen, weiter ausbauen und die Studierenden auch Medienkompetenz an andere Zielgruppen wie Ältere vermitteln lassen.