Nebel, Nobel, Nibelungen

Dozierende des Lehrstuhls und Teilnehmer:innen der beiden ÄdL Textanalyse-Seminare zu Nibelungenlied und Minnesang besuchten am 7. November die Burg Prunn.

Mythisch im Nebel ruhend empfing das Altmühltal bei Schloßprunn die Exkursionsgruppe und offenbarte, wie gemalt, auf seinen schroffen Steilhängen prangend, die Burg Prunn. Die Teilnehmenden kamen in den Genuss einer Burgführung durch Anton Schmailzl. Die Begeisterung, die sich der elaborierte Burgführer trotz jahrelanger Routine bewahrte, verlieh den Einblicken in das mittelalterliche Monument eine heitere Lebendigkeit. Ergänzt wurde die Führung durch Beiträge der Studierenden und Dozent:innen, welche einen Bezug zu den Textanalyse-Seminaren herstellten.

Die Burg Prunn wurde an einem idealen Standort errichtet, denn der nahe gelegene Fluss und steile Felshänge boten sowohl Handelswege als auch Schutz. Der Prunner Mühlbach ist außerdem bis heute eine der größten Quellen Bayerns und stellte die Trinkwasserversorgung sicher. Bereits 1037 n. Chr. wurde die ursprünglich als reine Verteidigungsanlage errichtete Festung erstmals urkundlich erwähnt. Sie ist „wie fast jede mittelalterliche Burg zwischendurch abgebrannt“, so Anton Schmailzl, weshalb sie 1305 neu ausgebaut wurde. Anschließend gelangte sie in den Besitz der Fraunberger vom Haag und wurde das Zuhause von Rittern und deren Gefolge.

Das Adelsgeschlecht der Fraunberger starb – nomen est omen – mangels männlicher Erbfolger 1566 aus. Nach dem Tod des letzten Grafen machte Wiguläus Hund, Geschichtsschreiber und Hofrat Herzog Albrechts V., eine wortwörtlich sagenhafte Entdeckung bei einem Besuch der Burg: Er stieß auf den "Prunner Codex", eine vollständige Handschrift des Nibelungenliedes, des berühmtesten mittelhochdeutschen Heldenepos. Die sogenannte „Handschrift D“ reiht sich ein in die Liste von (bis heute) elf vollständig überlieferte Handschriften. Die prächtig vergoldeten Initialen verleihen ihr noch immer Extravaganz und deuten auf mutmaßlich adelige Auftraggeber hin. Mittlerweile befindet sich das Original in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Die Exkursionsgruppe durfte aber eine detailgetreue Nachbildung bestaunen. 

Im weiteren Verlauf der Führung konnten tiefergehende Eindrücke vom mittelalterlichen Leben bzw. von den diesbezüglichen Annahmen der Restauratoren des 19. Jahrhunderts gewonnen werden. Die heute weit verbreitete Vorstellung vom kalten und unbehaglichen Burggemäuer kann durch die von ca. 950 bis 1250 n. Chr. andauernde mittelalterliche Warmzeit relativiert werden. Abgelöst wurde das annähernde Weinbauklima im Zuge eines Vulkanausbruchs in Asien, welcher eine kleine Eiszeit induzierte. Erst dann erfolgte die Einrichtung fest verbauter Öfen in beinahe alle Räumlichkeiten. In der adeligen Wohngemeinschaft residierten Ranghöhere in den oberen, warmen Stockwerken, während die „Unteren“ in den tiefergelegenen, kühleren Etagen ihr Dasein fristeten.

Die Exkursionsgruppe wurde ferner in einen Ausstellungsraum geführt, welcher mit verschiedenen Tierexponaten bestückt war und das Thema Jagd im Mittelalter aufgriff. Das exklusive Jagdrecht des Adels mündete in einer Überpopulation an Wildtieren, welche die Feldfrüchte vieler Bauern bedrohte. Zahlreiche Bauernkriege waren die Folge.

Anschließend wurde ein Blick in die burgeigene Kapelle geworfen, welche dem Heiligen Jakob geweiht war. Der schon damals prominente Jakobsweg wurde vom Burgregiment nicht nur zu Pilgerzwecken empfohlen. Er wurde vor allem als Strafe verhängt, um sich, nach dem Motto „der kommt hoffentlich nicht wieder zurück“, auf elegante Weise lästiger Zeitgenossen zu entledigen. Ganz klassisch kann die Burg Prunn auch mit einem Verlies aufwarten. Die durch zwei eisenbeschlagene Türen gesicherte Kammer diente neben der Inhaftierung von manchem Tunichtgut auch der Aufbewahrung wichtiger Dokumente.

Ein weiteres Highlight der Führung war die Anprobe einer originalgetreu nachgebildeten Ritterrüstung. Besonders spannend war der Panzerhandschuh: Trotz des massiven Aussehens ließ er sich erstaunlich gut bewegen. Gerade diese Kombination aus Schutz und Flexibilität zeigte, wie klug und effizient die Rüstungen bereits gebaut wurden. 

Unz ist in alten maeren wunders vil geseit […]“ – Den Germanistikstudierenden wurde schon viel (Wunderbares) über die Nibelungen erzählt, doch der Besuch der Burg Prunn erweckte die Sage vor ihrem geistigen Auge zum Leben. 

Text: Asel Asasin & Sarah Tamara Kolmeder

 

Die Exkursion fand statt im Rahmen der beiden Seminare im Modul ‚ÄDL Textanalyse‘ bei Franziska Kellermann (Minnesang) bzw. Tobias Benzinger (Nibelungenlied).