An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist ein neues Institut eingerichtet worden, das sich interdisziplinär mit Fragen der Pflege und Gesundheitsversorgung befassen möchte. Das Institute for Health Services Research, Law and Economics in Social and Health Care (heles) ist in der Fakultät für Soziale Arbeit angesiedelt. Prof. Dr. Inge Eberl (Pflegewissenschaft), Prof. Dr. Jürgen Zerth (Management in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens) und Prof. Dr. Thomas Beyer (Recht) stellten bei einem Festakt zur Gründung die Intention, das Forschungsprogramm und Kooperationspläne vor.
Ziel des neuen Instituts sei es, Pflege- und Gesundheitswissenschaft, Sozialrecht und Sozialökonomie zu bündeln, um Versorgung wirksam, rechtssicher und finanzierbar zu gestalten, so die drei Gründungsmitglieder. Im Mittelpunkt stehe dabei die Person. Das Institut gehe der Frage nach, was den Menschen in der Versorgung wirklich hilft und wie diese sich gut organisiert lässt. „Das Institut will Versorgung sektorenübergreifend denken und Übergänge zwischen Krankenhaus, Pflege und ambulanter Hilfe verbessern“, erläuterte Thomas Beyer. Gemeinsam mit externen Partnern sollen neue Versorgungsmodelle entwickelt, erprobt und in die Praxis transferiert werden. KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien würdigte bei dem Festakt die zügige Realisierung. Die Gründung des Instituts habe sich „in Rekordgeschwindigkeit“ vollzogen. Die Ausrichtung des Instituts füge sich dabei sehr gut in die Zielsetzungen der Universität ein.
Den Bedarf interdisziplinärer Forschung im Bereich der Pflege und des Gesundheitswesens unterstrich die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland und Landesvorsitzende des VdK Bayern, Verena Bentele, in ihrer Keynote mit dem Titel „Versorgung und Verantwortung: Ein starker Sozialstaat als Garant für sozialen Frieden“. Der Sozialstaat sei „nicht die Sparbüchse der Nation“, betonte Bentele. Angesichts des demografischen Wandels brauche es Reformen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und Unter- wie Überversorgung adressieren. Barrieren gelte es nicht nur infrastrukturell abzubauen, sondern auch im Gesundheitswesen.
Verena Bentele
Weiter sagte Bentele, Deutschland sei „nicht adäquat darauf vorbereitet, dass wir immer mehr ältere und damit auch pflegebedürftige Menschen haben“. Die Unterstützung derjenigen, die einen Großteil der Pflege leisteten wie etwa Familien zu Hause sei bislang unzureichend. Begrenzte Ressourcen im Pflege- und Gesundheitsbereich sollten gezielt eingesetzt werden, etwa für Gendermedizin, die Bedürfnisse älterer Menschen und von Menschen mit Behinderung, für angemessene Anreize im ärztlichen Bereich sowie für eine Digitalisierung mit Mehrwert. Ein besonderes Augenmerk gelte der häuslichen Pflege, in der ein Großteil – Schätzungen zufolge etwa 85 Prozent – der Pflegeleistung erbracht werde.
Mit Blick auf das neue Institut formulierte Bentele einen klaren Arbeitsauftrag: „Kümmert euch wirklich interdisziplinär um die Zukunft der Pflege und der Gesundheitsversorgung, die innovativ sein muss und neue Ansätze braucht. Wir haben immer mehr ältere Menschen, immer mehr Menschen, die zu Hause versorgt werden – oft ohne dass Angehörige in der Nähe wohnen oder finanziell alles stemmen können. Dafür brauchen wir dringend Antworten.“ Zentral seien Fragen des barrierefreien Zugangs zum Sozialstaat, aber auch zur Gesundheits- und Pflegeversorgung. „Da kann das Institut einen großen Beitrag leisten.“
Das Gründungsteam von heles knüpfte daran an. Jürgen Zerth hob den Praxisbezug hervor und verwies auf bestehende Potenziale. An der Fakultät und darüber hinaus gebe es bereits weitreichende Expertise, diese Strukturen gelte es zu fördern und zu stärken. Prof. Dr. Inge Eberl unterstrich den Anspruch, den Versorgungsalltag konsequent in den Blick zu nehmen und Lösungen gemeinsam mit Akteurinnen und Akteuren vor Ort zu entwickeln.
Konkret arbeitet das Institut bereits an Ansätzen, die Schnittstelle zwischen stationärer Langzeitpflege und Krankenhaus durch eine datengestützte Entscheidungsunterstützung zu fördern, auch um Krankhauseinweisungen zu reduzieren und die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzten und Pflegefachpersonen zu stärken. In einem weiteren Projekt steht die Begleitung eines Quartiermanagementansatzes im Sinne eines Community-Health-Ansatzes im Fokus. Hier werden in drei Quartieren Sorgebeziehungen evaluativ begleitet, die insbesondere die häusliche pflegerische Versorgung unterstützen sollen.
Video: Verena Bentele im Gespräch
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Interview mit Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK
Frau Bentele, die KU gründet ein neues Institut, das sich mit Fragen der Pflege und Gesundheitsversorgung beschäftigen möchte. Wo sehen Sie in diesem Bereich den größten Bedarf an Forschung?
Ich würde dem Institut heles ins Arbeitsheft schreiben: Kümmert euch interdisziplinär um die Zukunft der Pflege und Gesundheitsversorgung – innovativ und mit neuen Ansätzen. Als Gesellschaft und als Sozialstaat sind wir auf viele Herausforderungen nicht gut vorbereitet. Es gibt immer mehr ältere Menschen und mehr Personen, die zu Hause versorgt und gepflegt werden. Zugleich wohnen Angehörige, Freunde und Nachbarn oft nicht in der Nähe oder können die Versorgung finanziell nicht stemmen. Dafür brauchen wir dringend Antworten. Was bedeutet ein barrierefreier Zugang zum Sozialstaat sowie zur Gesundheits- und Pflegeversorgung? Hier kann das Institut einen großen Beitrag leisten.
Hat der VdK bereits in der Vergangenheit mit wissenschaftlichen Einrichtungen zusammengearbeitet? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Der Sozialverband VdK hat vor einigen Jahren an der Universität Osnabrück eine Studie zur häuslichen Pflege in Auftrag gegeben. Sie war sehr erfolgreich, weil über die Bedarfe der Pflegebedürftigen und ihrer häuslichen Umfelder noch wenig bekannt ist. Aus unserem Verband konnten wir viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewinnen, die Prof. Büscher Rede und Antwort standen. Wissenschaftliche Studien sind für politische Entscheidungen eine solide Grundlage und überzeugen oft besser – oder in Kombination mit Verbändestimmen. Deshalb setze ich große Hoffnungen in dieses Institut: Auch in Bayern sollten manche ins Nachdenken kommen, wie Gesundheits- und Pflegeversorgung auf dem Land und in der Stadt gut organisiert werden kann, wie man Menschen ohne Mobilität aufgrund fehlenden ÖPNV unterstützt und wie Versorgung barrierefrei wird. Für all diese Fragen brauchen wir Antworten – und die können hier gefunden werden.
Wie kam der Kontakt zwischen dem VdK und dem neuen Institut zustande?
Wir sind in Bayern der größte Sozialverband und beschäftigen uns seit vielen Jahren mit pflegerischer und gesundheitlicher Versorgung, Barrierefreiheit, Teilhabe von Menschen mit Behinderung, Rente und Reha. Das sind auch Themen dieses Instituts. Den Kontakt stellte Prof. Beyer her, den ich seit Langem kenne; er fragte mich, ob ich die Keynote halten würde. Das ist eine große Chance, denn es gibt viele Forschungsfragen, die uns als Verband umtreiben. Nun habe ich hier einen kleinen Fuß in der Tür und kann Anliegen unserer Mitglieder einbringen.
Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen dem Sozialverband VdK und dem neuen Institut heles in der Praxis aussehen?
Im neuen Institut arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ökonomie, Gesundheits- und Pflegewissenschaft zusammen. Viele unserer VdK-Mitglieder sind von den dort behandelten Themen direkt betroffen. Das ist eine gute Kombination: Für Studien öffnen wir gerne den Zugang zu unseren Mitgliedern und motivieren zur Teilnahme. Gleichzeitig benötigen wir für unsere politische Arbeit qualitative und quantitative Erhebungen. Daraus ergeben sich sehr gute Möglichkeiten der Zusammenarbeit.