Offenbarung geschieht gerade, wenn die Wege krumm bleiben

Mit dem weltweit bekannten Phänomenologen Jean-Luc Marion diskutierten am 27.  und 28. November 2025 Philosophinnen, Philosophen und Theologen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Der feierliche Anlass war die Präsentation der deutschen Übersetzung seines großen Alterswerks „D’ailleurs, la révélation“, welches soeben im Alber-Verlag unter dem Titel „Die Offenbarung von anderswoher“ erschienen ist.

Marion hatte sich bereits 2018 in seinem Werk „Das Erscheinen des Unsichtbaren“ dem Offenbarungsthema gewidmet – nicht aus der Perspektive kirchlicher Dogmatik oder Fundamentaltheologie, sondern mit dem Instrumentarium eines phänomenologischen Philosophen, der nicht darauf verzichten möchte, das „Reservoir der Theologie“ im Dienste philosophischer Selbsterkenntnis „auszubeuten“. Offenbarung ereigne sich – in alltäglichen Formen wie auch bei der biblischen Offenbarung – immer von anderswoher.

Das zweitägige Kolloquium wurde von Markus Riedenauer eröffnet und inhaltlich eingeleitet durch einen Vortrag des Münchner Fundamentaltheologen Thomas Schärtl-Trendel, der eine ausführliche Analyse der Gegenwartsdiskurse zum Begriff der Offenbarung bot und dabei den phänomenologischen Ansatz zentral durch den Aspekt der inverted intentionality kennzeichnete: Dabei werde der Ort des Selbst erst in einem radikalen Gabe-Denken sichtbar, insofern es sich selbst stets „in Begleitung“ anderer Gaben empfange. Als einen zweiten Aspekt stellte Schärtl-Trendel das Prinzip der Exzessivität heraus – hier stehe Offenbarung in einer Reihe mit anderen „gesättigten Phänomenen“, die in erotischen, ästhetischen, alteritären Erfahrungen ebenfalls anzutreffen seien.

Mit den Ausführungen von Carlos Zorrilla Piña aus Linz schloss sich ein philosophiegeschichtlicher Vortrag an, der sich dem Offenbarungsverständnis Marions von Schelling her näherte: Nach Schelling in seiner reifen Phase könne der höchste Gegenstand des Denkens nicht selbst aus dem Denken stammen, sondern nur „wiederholt“ werden. Durch die teils traditionelle Zuschreibung, Gott sei allein durch die Vernunft erkennbar, werde Gott nicht mehr, sondern weniger zugeschrieben als dem Menschen. So entstehe eine unpersönliche Substanz, ein Zahnrad in einer Denkmaschine. Dies sei bereits für Schelling eine unerträgliche Reduktion gewesen. Eigentliches Wissen bilde sich stets durch einen Widerstand, dessen die Begrifflichkeit aufbrechende Kraft integriert werden will.

Vonseiten des Verlags Karl Alber, bei dem ein großer Teil der Werke Marions in Deutschland erschienen ist, warf dann der Programmverantwortliche Martin Hähnel einige „Schlaglichter“ auf Marions Werk, indem er insbesondere die Differenz von Idol und Ikone aufgriff: Während ersteres für den frühen Marion nichts zur Erscheinung bringe als den Blick selbst, der es anvisiert und auf ritualisierte Weise gesehen werden könne, ohne dass der Gott selbst anwesend ist, stehe die Ikone der Intentionalität des Betrachters gerade entgegen und ermögliche eine „Gegenerfahrung“, indem sie Momente des Nicht-von-Menschenhand-Gemachten in sich versammle. Die Ikone-Idol-Differenz werde im Laufe von Marions Werk zwar immer stärker aufgegeben in Richtung auf das, was bei Levinas das „Antlitz“ sei – im Unterschied zu Levinas aber ohne „ikonoklastischen“ Zug.

Der Eichstätter Philosoph Walter Schweidler kennzeichnete in seinem Vortrag dann Offenbarung als „das einzig im Vollsinne gesättigte Phänomen“. Hier liege die Quelle, aus welcher der Fluss unserer Gedanken ströme, jene Quelle, ohne die es den Fluss nicht gäbe. Die Sprache komme hier an ihre Grenzen: Sie könne die Offenbarung lediglich benennen als das, was sich uns entzieht, in Form einer Vergangenheit, die keine frühere Gegenwart sei. Die Phänomenalität der Offenbarung verdanke sich daher unserer Distanzierung vom Begreifenwollen. Stattdessen entscheide sich in der Bezeugung, was im Ereignis stattgefunden hat: Es könne abgelehnt, zurückgewiesen werden, und gerade darin zeige sich seine größte Macht. So können wir Schweidler zufolge aus dem heiligen, aber auch aus einem anderen Geist heraus sprechen – die Entscheidung, die uns daraus erwächst, sei jedoch, wenn wir dies wirklich verstanden haben, bereits eine gefallene.

Ein weiteres, kleineres Werk von Marion, welches die politische Situation der Gegenwart aus christlich-katholischer Sicht thematisiert, wird ebenfalls derzeit ins Deutsche übersetzt und in Zusammenarbeit mit der KU herausgegeben. Deswegen sprach die Straßburger Moralphilosophin und Religionsanthropologin Émilie Tardivel-Schick über die 2017 erschienene Brève apologie pour un moment catholique von Jean-Luc Marion. Sie machte dabei insbesondere darauf aufmerksam, dass die Metaphysik, die sich Marion zufolge überwinden müsse, das System sei, das von Johannes Duns Scotus bis zu Friedrich Nietzsche führe. Nun sei die Ent-Etablierung der Kirchen in vollem Gange, nicht aber jene der politischen Metaphysik. Obwohl jede menschliche Gesellschaft in sich die Tendenz trage, imperial zu werden, müsse die Neutralität des Staates auch für jene Metaphysik gelten, die aus der „modernen intellektuellen Partei“, also dem Atheismus, hervorgehe und die in Frankreich insbesondere mit dem Begriff der Laizität verbunden wird. Marion plädiere in der Brève apologie dafür, politische Macht neu als dem Gemeinwohl entspringend aufzufassen, welches zugleich das Unmögliche und Notwendige für den Menschen sei, also etwas, was nicht in seiner Macht stehe und das er gleichwohl verfolgen muss, will er nicht totalitären und nihilistischen Tendenzen verfallen.

Auf die von der phänomenologischen Tradition stark akzentuierte Vorordnung des Phänomens vor den reflektierenden Geist ging dann der Flensburger Fundamentaltheologe Florian Bruckmann ein. Für die Katholische Theologie sei mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Offenbarungsverständnis das sogenannte Kommunikationsmodell ausschlaggebend geworden, aber auch hier bleibe ein Gefälle zwischen dem sich offenbarenden Gott und dem empfangenden Menschen. Bruckmann verwies in diesem Zusammenhang auf die spezifische Charakteristik der Liebe: In ihr werde zwischen Berühren und Berührt-Werden nicht mehr unterschieden, beide gehen in eins. Entsprechend brachte Bruckmann den Begriff einer „Liebe auf Augenhöhe“ ein, in der Intention und Impression ineinanderfallen.

Den Abschluss der ersten Einheit des Kolloquiums stellte ein Vortrag des Marion-Übersetzers Alwin Letzkus dar, in dem er ausgehend von einem Aufsatz Walter Benjamins menschliche Sprache mit Rückgriff auf die biblischen Schöpfungserzählungen zu charakterisieren suchte: Gott erschaffe den Menschen dort nicht aus dem Wort, sondern aus Staub, und gebe ihm keinen Namen, sondern lasse ihn diesen selbst geben. Benjamin deute dies so, dass der Mensch die unmittelbare Teilhabe am göttlichen Wort verloren habe: Menschenwort könne deshalb immer nur Antwort auf den stummen Anruf der Dinge sein. Zudem machte Letzkus auf die Problematik der Übersetzung bereits der Titels einiger der Werke Marions aufmerksam: So könne etwa Dieu sans l‘être auch als „Gott, ohne es zu sein“ übersetzt werden, Étant donné auch „gegebenes Sein“ bedeuten. D’ailleurs, la révélation werde ebenfalls mit „Die Offenbarung – von anderswoher“ nicht in der ganzen Bedeutungsfülle übersetzt.

Am Abend fand dann der öffentliche Vortrag von Jean-Luc Marion selbst zum Thema „Das Gleichnis und das Paradox“ statt. Marion stellte dabei zunächst einen Unterschied in Husserls Phänomenverständnis von jenem Heideggers heraus: Bei Ersterem zeigen sich Phänomene grundsätzlich in der Weise der „Gebung“, also nur insoweit, als sie „sich geben“. Von dieser Definition aus fragte Marion zugespitzt, welches Phänomen jemals das phänomenologische „Programm“ zur Gänze erfüllt habe. Unter Rückgriff auf die christliche Theologie sei die Antwort möglich, dass der, der „die Seinen liebte“, sich ihnen „bis zur Vollendung“ gegeben habe (Joh 13,1), sich hier also jemand in absoluter Weise gebe, zwar nur als ein Phänomen unter anderen, aber zugleich als Phänomen aller Phänomene. Als die diesem Phänomen entsprechende Form der Rede kennzeichnete Jean-Luc Marion das Gleichnis: Es vermittle keine Informationen, erzähle keine Geschichte, spreche nicht einmal an, sondern wirke, indem es zwingt, das Gleichnis zu verstehen, in dem Jesus sich selbst versteht. Dabei gehöre es zu den unvermeidlichen Optionen, dass die Offenbarung im Zuhörer Ablehnung auslöst. Jedoch falle diese Möglichkeit nicht mit der Unterscheidung zwischen Jüngern und Nicht-Jüngern zusammen: Im Neuen Testament zeige sich vielmehr, dass die Jünger die Gleichnisse nicht verstanden haben. Jesu Gleichnisse stellen Marion zufolge einen Kampf zwischen Jesus und den Hörern dar: Jesus werfe ihnen eine Wahrheit zu, die ihnen noch unverständlich ist, und eröffne auf diese Weise den Zugang zum gesättigten Phänomen schlechthin. Mit Blick auf dieses gehe es für alle darum, ihre Deutungen zu ändern, sich zu öffnen und umzudenken.

Das Paradoxon wiederum stellt aus Sicht Marions die richtige logische Form dar, um auf Phänomene zu verweisen, die von keinem unserer Begriffe angemessen wiedergegeben werden können – also die angemessene Form der Benennung gesättigter Phänomene. Es hebe die Erfahrung nicht auf, sondern mache sie „erträglich“, selbst wenn eine Phänomenalität sich weigert, sich objektivieren zu lassen. Die Selbstoffenbarung Gottes kann laut Marion in der Welt niemals einen Tempel finden, der für ihre Heiligkeit geeignet wäre: Somit geschehe Offenbarung gerade, wenn die Wege krumm bleiben; sie dürften nicht gerade sein, und wären sie es, dann handelte es sich um einen Götzen. Man dürfe daher niemals die Position verlassen, die durch die Offenbarung auferlegt wird, nämlich die des Zeugen, und müsse die Mahnung Christi im Hinterkopf behalten, dass noch viel zu sagen sei, „aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“ (Joh 16,12). Als Menschen seien wir nicht in der Lage, das Übermaß an Existenz zu ertragen, das sich im gesättigten Phänomen gibt.

Das Kolloquium ermöglichte dann am folgenden Vormittag einen freien, intensiven Austausch, in dem Jean-Luc Marion sich den Fragen der Vortragenden stellte wie auch mit den weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutierte. Hier ging es insbesondere um Themen wie die Frage nach Symmetrie und Asymmetrie von Beziehungen, das Verhältnis von Laizität und „Brüderlichkeit“, die Tragweite des Begriffs „Metaphysik“ (und ihrer Ablehnung bei Marion) und die (Un-)Abgeschlossenheit der Offenbarung. Marion machte dabei erneut deutlich, dass das geistliche Leben selbst für ihn nicht anders denkbar sei denn als eine Reihe von Offenbarungen, wie sie sich etwa in der Erfahrung der Möglichkeit des Betens oder in der Erfahrung, nicht schlechthin und immer Sünder zu sein, geben.

Justin Veit