Preis für die beste Dissertation für Kerstin Dierolf (Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft)

Beim Dies Academicus 2026 der KU am 20. Mai 2026 wurde Kerstin Dierolf mit dem Preis für die beste Dissertation ausgezeichnet. Die Dissertation trägt den Titel „Die Verstehbarkeit der historischen Sprachstufen des Deutschen aus der Perspektive des Gegenwartsdeutschen. Eine Studie zum Althochdeutschen, Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen.“ Sie wurde 2025 an der SLF eingereicht. Das Promotionsverfahren wurde im Oktober 2025 mit dem Prädikat „summa cum laude“ durch die Disputation abgeschlossen (s. Foto). Kerstin Dierolf beantwortet unten drei Fragen zu ihrer Dissertation und ihren Erfahrungen als Nachwuchswissenschaftlerin.

Womit hast Du Dich in Deiner Dissertation beschäftigt?

In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, zu welchem Grad die historischen Sprachstufen des Deutschen von Sprecher/-innen des Gegenwartsdeutschen spontan, d. h. ohne vorheriges Lernen, erschlossen und verstanden werden können. Ziel ist es, das Ausmaß und die Bedingungen der Verstehbarkeit zu erfassen und die zugrunde liegenden sprachlichen Faktoren und Mechanismen zu erforschen.
Methodisch verfolge ich dabei einen Mixed-Methods-Ansatz: In einer ersten Untersuchung wurde die Verstehbarkeit mithilfe standardisierter Verstehbarkeitstests auf Wort- und Textebene quantitativ erfasst, um Unterschiede zwischen den Sprachstufen systematisch zu messen und Einflussfaktoren wie lexikalische oder graphische Distanz zu analysieren. Eine zweite, qualitative Untersuchung ergänzte diese Perspektive, indem anhand von Lautdenkprotokollen nachvollzogen wurde, wie Testpersonen beim Erschließen althochdeutscher Wörter und Texte intuitiv vorgehen und welche Strategien sie dabei einsetzen.
Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Verstehbarkeitsforschung, indem sie empirisch untersucht, unter welchen Bedingungen Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch für Sprecher/-innen des Deutschen zugänglich sind.

Was war für Dich das Spannendste oder Überraschendste in Deiner Untersuchung?

Überraschend war für mich, wie klar sich meine Ergebnisse mit intuitiven Erwartungen decken: Je weiter wir uns zeitlich von der deutschen Gegenwartssprache entfernen, desto schwieriger wird es im Durchschnitt, Wörter oder Texte spontan zu erschließen. Diese Tendenz zeigt sich auf Wort- wie auf Textebene durchgängig in allen Verstehbarkeitstests. Im Detail ergeben sich aber auch interessante Unterschiede zwischen einzelnen Sprachstufen und sprachlichen Phänomenen, die deutlich machen, dass Verstehbarkeit ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist.
Außerdem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die historischen Sprachstufen an die Gegenwartssprache auf vielfältige Weise anschlussfähig bleiben – eine Erkenntnis, die auch für die Vermittlung des Althochdeutschen, Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen in der universitären Lehre ermutigend ist. Anstatt die älteren Vorstufen als „fremde“ Sprachen zu betrachten, lässt sich ihre Nähe zur Gegenwartssprache didaktisch nutzen: Lernende können beim Erschließen älterer Texte auf vorhandene sprachliche Ressourcen zurückgreifen und bereits vorhandenes Sprachwissen für das Erlernen der historischen Sprachstufen des Deutschen nutzen.

Was rätst Du anderen Nachwuchsforscher/-innen? Welche Tipps kannst Du geben?

Eine Promotion ist ein Marathon, kein Sprint. Planung, Ausdauer und die Fähigkeit, auf neue Einsichten flexibel zu reagieren, sind genauso wichtig wie Begeisterung für das Thema selbst. Dabei hat es mir geholfen, den Weg in kleine, überschaubare Arbeitsschritte zu gliedern, statt das große Projekt ständig als Ganzes vor Augen zu haben; so bleibt die Arbeit auch über längere Zeit hinweg motivierend und machbar.