Shalompreis für afghanische Menschenrechtsaktivistin Humaira Rasuli
Mit einem eindringlichen Appell, die Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht zu vergessen, hat die afghanische Menschenrechtsaktivistin Humaira Rasuli am Sonntag den diesjährigen Shalompreis in Eichstätt entgegengenommen. Der Preis wird seit 1981 vom Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) vergeben und zählt zu den höchstdotierten zivilgesellschaftlich verliehenen Menschenrechtspreisen in Europa. Die diesjährige Preisträgerin setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass geschlechtsspezifische Gewalttaten geahndet, Hindernisse für die Beschäftigung von Frauen beseitigt und Unterstützungsnetzwerke für Frauen in Not geschaffen werden.
Humaira Rasuli lebt seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 im Exil. Von dort arbeitet sie eng mit einem Team von psychosozialen Beraterinnen in Afghanistan zusammen. In mehreren Provinzen bieten sie Frauen und Mädchen, die unter den Folgen von Gewalt, Krieg, schwierigen Lebensbedingungen oder familiären Konflikten leiden, ihre Unterstützung an. Jährlich begleitet die Organisation mehr als 2000 Betroffene individuell und gruppenbasiert dabei, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln und ihre psychische Stabilität zu stärken. „Humaira Rasuli beeindruckt durch ihren Mut, ihre klare Haltung und ihren beharrlichen Einsatz für Gerechtigkeit“, begründete Ulrike Schurr-Schöpfel, Sprecherin des Arbeitskreises Shalom, die Entscheidung für die diesjährige Preisträgerin. „Gerade in einer Zeit, in der Frauen in Afghanistan systematisch entrechtet werden und gleichzeitig hier in Deutschland über Abschiebungen in dieses Land diskutiert wird, möchten wir mit dem Preis ein Zeichen der Solidarität setzen.“
Humaira Rasuli
Zur feierlichen Preisverleihung im Holzersaal der KU waren zahlreiche Gäste aus Universität, Stadtgesellschaft, Kirche und Politik gekommen. Die Laudatio hielt Frauenrechtsaktivistin Dr. Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation „Medica Mondiale“, die Rasulis Weg seit langem begleitet. „Wir ehren eine Frau, die in einer der schwierigsten Realitäten unserer Zeit immer wieder die Entscheidung getroffen hat, nicht wegzusehen, sondern Verantwortung zu übernehmen“, sagte Hauser. Sie erinnerte daran, dass Rasuli bereits als Jugendliche das erste Mal aus Afghanistan flüchten musste und im pakistanischen Exil begann, andere Frauen zu unterstützen. Später kehrte Rasuli in ihre Heimat zurück, studierte Recht und Politikwissenschaft. Als Anwältin vertrat sie Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt – ein Engagement, das sie auch selbst zur Zielscheibe machte. Darüber hinaus arbeitete sie an Gesetzesreformen und gab ihr Wissen an junge Juristinnen weiter. „Als die Taliban die Macht ergriffen, zerbrach über Nacht, was Humaira über Jahre aufgebaut hatte“, schilderte Monika Hauser. Und doch habe sie den Mut gefasst, aus dem Exil ihren Einsatz für Frauen weiterzuführen. „Humaira Rasuli zeigt uns, dass selbst in dunkelsten Momenten Räume für Zukunft existieren und wir alle eine Wahl haben, ob wir hin- oder wegsehen.“
In ihrer Dankesrede schilderte Rasuli eindrücklich die Situation in Afghanistan. Sie berichtete von Frauen und Mädchen, denen Bildung und gesellschaftliche Teilhabe verwehrt werden, von wirtschaftlicher Not und einem politischen System, das Frauen systematisch aus dem öffentlichen Leben drängt. Gleichzeitig warb sie für ein differenziertes Bild ihres Heimatlandes und ihrer Religion. „Die Extremisten in Afghanistan haben den Islam gekapert und für ihre Zwecke missbraucht. Aber nach dem Islam haben Frauen die gleichen Rechte. Frauen dürfen arbeiten, studieren und Regierungsverantwortung übernehmen“, sagte Rasuli. Sie appellierte an die internationale Gemeinschaft, die Taliban zur Verantwortung zu ziehen und Afghanistan nicht aus dem Blick zu verlieren: „Afghanistan darf nicht ein zweites Mal die einzige Nation in der Welt sein, die Mädchen und Frauen das Recht auf Bildung verweigert.“ Bildung sei der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung.
Internationale Anerkennung erhielt die Preisträgerin durch eine Videobotschaft des UN-Sonderberichterstatters für Afghanistan, Richard Bennett. „Der Shalompreis würdigt nicht nur ihre bemerkenswerten Errungenschaften, sondern auch den Mut unzähliger Afghaninnen, die unermüdlich und friedlich für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Menschenrechte unter außergewöhnlich herausfordernden Umständen kämpfen“, erklärte Bennett.
In die Bewunderung ihres Mutes und ihrer Arbeit stimmten auch die Gäste vor Ort ein. Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referats Weltkirche des Bistums Eichstätt, sagte: „Was wir von der Preisträgerin lernen können, ist das Investment in Bildung, in junge Menschen und ihre Fähigkeiten.“ Barbara Loos, Vorsitzende des Hochschulrats der KU, drückte ihre große Bewunderung für Humaira Rasulis Engagement aus und sah darin im weiteren Sinn auch einen Auftrag an die KU als gesellschaftlich engagierte Universität: „Die zunehmende Gewalt gegen Frauen auch in der westlichen Welt und überhaupt die zunehmende Verachtung einer auf Menschenrechten basierenden Ordnung erfordert von uns, mutig dagegen zu halten.“ Der Eichstätter Oberbürgermeister und Schirmherr der Shalom-Aktion Josef Grienberger erinnerte daran, dass aktuell 239 Menschen aus Afghanistan in Eichstätt leben und unterstrich: „Wir müssen uns tagtäglich unsere Privilegien vor Augen führen und welchen Schatz wir haben, in dieser freiheitlichen Demokratie leben zu dürfen.“
Der Shalompreis wird vollständig aus Spenden finanziert, in den vergangenen Jahren konnten jeweils rund 30.000 Euro an Spenden gesammelt werden. Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich. Zum AK Shalom gehören neben Studierenden auch Alumni und Beschäftigte der KU sowie Eichstätter Bürgerinnen und Bürger. Für die Arbeit von Humaira Rasuli und ihrem Team werden noch bis zum Jahresende Spenden gesammelt.
Spendenkontakt
Diözese Eichstätt (KdöR) – Spendenkonto IBAN: DE 52 7509 0300 0007 6521 00 Betreff: AK Shalom 2026, Spendername, Adresse, Ort (Spendenquittung ja /nein)