Spitzenforschung aus Ingolstadt: Rotary Forschungspreis für zwei KU-Wissenschaftler
Der Rotary Forschungspreis 2026 geht an zwei Wissenschaftler der KU: Der Ökonom Prof. Dr. Alexander M. Danzer wird für seine Mitwirkung an einem internationalen Forschungsprojekt zur Ebola-Behandlung ausgezeichnet. Der Philosoph Prof. Dr. Norbert Paulo erhält einen Preis für seine Forschung zur Ethik autonomer Fahrzeuge. Der Rotary Club Ingolstadt und der Rotary Stipendium Ingolstadt e.V. verliehen den mit insgesamt 5000 Euro dotierten Preis am 26. Oktober im Collegium Georgianum in Ingolstadt.
Die Themen der beiden ausgezeichneten Projekte könnten unterschiedlicher kaum sein: Das eine fragt, wie sich die Überlebenschancen von Ebola-Erkrankten verbessern lassen, das andere, nach welchen Maßstäben autonome Fahrzeuge in unvermeidbaren Unfallsituationen entscheiden sollen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Fragen behandeln, die Menschen ganz unmittelbar betreffen. KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien betonte bei der Preisverleihung: „Es ist schön, dass Wissenschaft mittlerweile auch die Sprache gefunden hat, um in den Dialog mit der Gesellschaft zu treten. Das ist der Punkt, der uns als KU ausmacht.“ Zugleich dankte sie dem Rotary Club für sein Engagement: „In Zeiten, in denen die Mittel gekürzt werden, ist das für uns ein wunderbares Zeichen, eine wunderbare Auszeichnung.“
Ein bekanntes Medikament gegen ein tödliches Symptom
Prof. Dr. Alexander M. Danzer, Inhaber des Lehrstuhls für Mikroökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der KU, wurde für seine Mitwirkung an einem internationalen Forschungsprojekt zur Ebola-Behandlung ausgezeichnet. Die Studie zeigt, dass der bekannte Wirkstoff Loperamid, ein Medikament gegen Durchfall, die Überlebenschancen von Ebola-Patientinnen und -Patienten verbessern könnte. Das Medikament bekämpft nicht das Virus selbst, kann aber offenbar eine der gefährlichsten Folgen der Erkrankung abmildern: den massiven Flüssigkeitsverlust infolge schweren Durchfalls. Eine deutlich geringere Sterblichkeit zeigte sich bei Erkrankten, die Loperamid früh nach der Aufnahme in ein Behandlungszentrum erhielten. „Es ist ein ganz altes Medikament, das Sie wahrscheinlich aus der Reiseapotheke kennen“, sagte Danzer. „Es kann oral eingenommen werden, muss nicht gekühlt werden und ist wahnsinnig kostengünstig – ein paar Cent pro Dosis. Sie können es palettenweise nach Afrika fliegen.“
Dr. Martin Beck, Vorsitzender von Rotary Stipendium Ingolstadt e.V.
Grundlage der Studie sind Daten von rund 5500 Patientinnen und Patienten mit laborbestätigter Ebola-Erkrankung und dokumentiertem Durchfall aus 20 Behandlungszentren in Guinea, Liberia und Sierra Leone, erhoben während der westafrikanischen Ebola-Epidemie von 2013 bis 2016. Danzer war maßgeblich an der Datenanalyse und an der methodischen Weiterentwicklung beteiligt. Zum internationalen Forschungskonsortium gehörten neben der KU unter anderem das Heidelberg Institute for Global Health, Ärzte ohne Grenzen, das University Medical Center Utrecht sowie weitere Forschungs- und Universitätseinrichtungen in Europa, den USA und mehreren afrikanischen Ländern. Die Ergebnisse erscheinen in Kürze in der Fachzeitschrift „The Lancet Global Health“.
Die Daten stammen nicht aus einer klinischen Studie, sondern aus dem Behandlungsalltag während der Epidemie. Dass sich daraus dennoch belastbare Schlüsse ziehen lassen, erklärt Danzer so: „Wer das Medikament am Ende bekommen hat, war Glück oder Pech: ob die Ärzte es einsetzen wollten und ob es gerade verfügbar war. Das hat viele Ähnlichkeiten mit einer randomisierten Studie, also einer Studie, in der der Zufall entscheidet, wer ein Medikament erhält.“
Für Danzer hatte das Projekt auch eine persönliche Dimension: „Als Volkswirt denkt man immer darüber nach: Was funktioniert, was funktioniert nicht? Aber wenn man plötzlich über Ebola nachdenkt und weiß, dass jeder Zweite stirbt, dann wird das plötzlich doch noch ein bisschen bedeutsamer. Man spürt die Verantwortung – man möchte nichts falsch machen.“
KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien
Jurymitglied Prof. Dr. Stefan Kaiser sagte in seiner Laudatio: „Diese Arbeit zeigt sehr gut, dass die Wirtschaftswissenschaften und ihre Methoden zur Lösung realer, elementarer Probleme beitragen können – auch dort, wo man es vielleicht erst einmal gar nicht vermuten würde.“ An den Preisträger gerichtet, ergänzte Kaiser: „Ihre Forschung zeigt, was entsteht, wenn wissenschaftliche Neugier, herausragendes methodisches Können und internationaler Teamgeist über Fächergrenzen hinweg zusammenkommen.“
Wie sollen autonome Fahrzeuge entscheiden?
Wie sollen autonome Fahrzeuge in Situationen entscheiden, in denen ein Unfall nicht mehr zu vermeiden ist? Mit dieser Frage beschäftigt sich Prof. Dr. Norbert Paulo, Inhaber der Professur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung an der School of Transformation and Sustainability. Er wurde für sein Forschungsprojekt mit dem Titel „Unparteilichkeit statt Gleichbehandlung: Eine methodische Korrektur der Ethik autonomer Fahrzeuge” ausgezeichnet. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, nach welchen ethischen und rechtlichen Kriterien autonome Fahrzeuge in solchen Extremsituationen handeln sollen. Anders als Menschen reagieren sie nicht reflexartig, sondern auf Grundlage von Regeln, die vorher festgelegt werden.
Genau diese Regeln stehen im Zentrum von Paulos Arbeit. Dabei zeigt er, dass Unparteilichkeit allein noch keine konkrete Entscheidung vorgibt. Auch wenn ein Fahrzeug Merkmale wie Alter, Geschlecht oder sozialen Status nicht berücksichtigen soll, bleibt offen, wie es im Ernstfall handeln soll. Es kann etwa auf seinem Kurs bleiben, zufällig entscheiden oder zwischen den Möglichkeiten abwechseln. Gemeinsam mit Forschenden der Universität Innsbruck und der Hebrew University of Jerusalem untersuchte Paulo in einer Studie drei Arten solcher Dilemmasituationen: Konstellationen, in denen sich die betroffenen Personen im Geschlecht, im sozialen Status oder im Alter unterschieden. Diese Fälle kombinierte das Team mit den drei genannten Entscheidungsregeln. Auf diese Weise ließ sich prüfen, welche Formen unparteiischen Entscheidens Menschen für akzeptabel halten. In 68 Prozent der Fälle fiel die Wahl auf eine unparteiliche Lösung. Die Zustimmung hing jedoch deutlich davon ab, welche Entscheidungsregel zugrunde lag und um welche Art von Dilemma es sich handelte.
von links Dr. Martin Beck (Vorsitzender Rotary Stipendium Ingolstadt e.V.), Dr. Robert Frank (Präsident Rotary Club Ingolstadt), die Preisträger Prof. Dr. Norbert Paulo und Prof. Dr. Alexander M. Danzer, KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien sowie Prof. Dr. Jens Hogreve (Vorsitzender der Expertenjury)
Für Paulo zeigt das: Solche Präferenzen lassen sich nicht einfach in gesetzliche Vorgaben übersetzen. Mehrheitsmeinungen können uninformiert, instabil, diskriminierend oder mit Grundrechten unvereinbar sein. „Wer Menschen nur zwischen zwei Gruppen wählen lässt, misst Präferenzen, die es so gar nicht gibt – das ist, als würde man fragen, ob jemand lieber Weiß- oder Rotwein trinkt, obwohl er eigentlich Bier bevorzugt“, sagt Paulo. „Die Überzeugungen der Bevölkerung sollten zählen, wenn wir festlegen, wie Maschinen in solchen Situationen entscheiden. Aber sie dürfen nicht das letzte Wort haben, wenn es um Leben und Tod geht.“
Juryvorsitzender Prof. Dr. Jens Hogreve hob in seiner Laudatio die Bedeutung der Arbeit hervor, die in der renommierten Fachzeitschrift „Analysis“ erschienen ist: „Das ist Spitzenforschung hier in Ingolstadt. Und darauf ist die Universität stolz, und darauf kann auch die Region sehr stolz sein.“ Zugleich würdigte er Paulos Engagement über die Wissenschaft hinaus. Mit dem Stoff von Mary Shelleys „Frankenstein“, der eng mit Ingolstadt verbunden ist, bringt Paulo ethische Fragen der Technik in die Stadtgesellschaft – zuletzt bei der von ihm mitorganisierten „FrankenstAIn“-Konferenz zur Ethik der Künstlichen Intelligenz. „Norbert Paulo liest Frankenstein nicht als Schauergeschichte über ein Monster, sondern als Geschichte über Verantwortungslücken“, so Hogreve. „Das Problem ist nicht die Kreatur, sondern der Schöpfer, der sich der Verantwortung für sein Geschöpf entzieht. Wir sollten nicht nur fragen, was die jeweils neueste Technik kann, sondern welche Technik wir als Menschen eigentlich wollen.“
Der Rotary Forschungspreis
Der Rotary Forschungspreis wird vom Rotary Stipendium Ingolstadt e.V. vergeben und würdigt seit 2021 exzellente wissenschaftliche Projekte an den Hochschulstandorten Ingolstadt. Er wird wechselweise an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und an der Technischen Hochschule Ingolstadt verliehen und ist mit 5000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Forschung innovative Impulse für die gesellschaftliche, soziale, technische, wirtschaftliche oder ökologische Entwicklung geben. Zu den Auswahlkriterien zählen unter anderem die wissenschaftliche Qualität und Relevanz, der Innovationsgrad, der Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen sowie die Wirkung der Forschung über die Wissenschaft hinaus.
Dr. Robert Frank, Präsident des Rotary Clubs Ingolstadt, erläuterte bei der Verleihung den Sinn der Förderung: „Wir wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützen, damit neue kreative Ideen entstehen und drängende Probleme auf der Welt gelöst werden.“ Zugleich schlug er den Bogen zum Leitgedanken der Organisation: „Das Jahresmotto von Rotary International lautet ‚Creating Lasting Impact‘, also bleibende Wirkung schaffen, Nachhaltigkeit. Das ist auch im Blick auf die ausgezeichneten Forschungsprojekte ein wichtiger Appell.“