In einer Welt, in der Krieg die Antwort ist, welche Fragen stellen sich?
Das Seminar „War, society and responsibility“ – also „Krieg, Gesellschaft und Verantwortung“ öffnet die Grenzen zwischen Studienfächern und Standorten der KU. Denn hier stehen nicht ECTS-Punkte, sondern die Erweiterung eigener Perspektiven, Denkräume und manchmal auch das Loslassen von Überzeugungen im Mittelpunkt. Dozent Jeff Montrose ist Lektor für Wirtschaftsenglisch an der KU am Standort Ingolstadt. Bis 2004 war er etwa 20 Jahre Offizier der US-Army, hat Auslandseinsätze im Kosovo und im Irak absolviert und über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben „In der Wüste des Wahnsinns – Was ich im Irakkrieg erlebt und endlich begriffen habe“. Auch nach seiner aktiven Zeit bei der Army ist er unter anderem als Berater des Bundeswehverbandes dem Thema nah geblieben und verfolgt bis heute die Kriegseinsätze seiner ehemaligen Kameraden ebenso wie die der Bundeswehr.
Ein Thema von großer Aktualität
Mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, dem Krieg der USA im Iran und Israels im Gazastreifen ist das Thema wieder in der breiten Gesellschaft in Deutschland angekommen und damit auch auf dem Seminarplan der KU. Eingebettet ist dieses Seminar in den Semesterplan des Moduls Studium.Pro, das allen Studierenden die Chance bietet, ihren Horizont zu erweitern, ein breites Angebot an Veranstaltungen unabhängig von ihrem Studiengang zu belegen und ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Das Interesse der Studierenden an diesem Kurs ist groß. Montrose freut sich aber vor allem über den regen internationalen und interdisziplinären Austausch: „Im Kurs diskutieren Studierende aus Deutschland, Russland, Frankreich, Indien und anderen Ländern und bringen ihre Perspektiven ein. Auch die fachlichen Grundlagen sind sehr divers. Mit dabei sind Wirtschafts-, Data Science-, Psychologie- und Lehramt-Studierende, die jeweils sehr unterschiedliches Grundwissen mitbringen.“
Von den Grundlagen zur reflektierten Diskussion
Aus diesem Grund hat Montrose sein Seminar anhand dreier grundlegender Fragen aufgebaut und fing zunächst bei den Grundlagen an. Was ist Krieg und warum führen Staaten Kriege? Dabei zeigt er auch auf, wie unterschiedlich moderne Kriege sind und geht dabei konkret auf die Unterschiede zwischen dem Irak- und dem Ukrainekrieg ein. Anschließend wechselte er auf die persönliche Erfahrungsebene: Wie ist es, im Krieg zu kämpfen? Hier zeigt er auch anhand eigener Erfahrungen die großen Belastungen asymmetrischer Kriege. Während es beispielsweise im zweiten Weltkrieg in erster Linie um den direkten Kampf mit den Gegnern ging, kommen bei Einsätzen wie im Irak, in Afghanistan oder in Mali auch Aufgaben hinzu, die den Wiederaufbau umfassen. Die Soldatinnen und Soldaten können nicht mehr auf den ersten Blick zwischen Freund und Feind unterscheiden. Durch diese Auflösung des Schwarz-Weiß-Spektrums ist die persönliche Belastung sehr groß. Die Zahl an Veteraninnen und Veteranen, die an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden, steigt stark.
Ziel des Seminars ist es, dass die Studierenden im dritten Teil des Kurses und anhand der dritten Frage selbst reflektieren können: Trägt die Gesellschaft Verantwortung gegenüber dem Staat, den Soldaten und Veteranen? Jeff Montrose, der selbst Veteran der US-Army ist, und als Referent Veteranentage in Deutschland besucht hat, nimmt einen großen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung von Veteraninnen und Veteranen sowie von Auslandseinsätzen der Army bzw. der Bundeswehr wahr. Während die ehemaligen Soldatinnen und Soldaten in den USA teilweise als Heldinnen und Helden gefeiert werden, sind sie in Deutschland unsichtbar. Doch auch hier geht Montrose weiter in die Tiefe. Auch in den USA ist es ein großer Unterschied, ob ein Soldat im Zweiten Weltkrieg oder im Vietnamkrieg gedient hat. Dennoch: In den USA werden Veteraninnen und Veteranen gesehen. Auch wenn die Wertschätzung unterschiedlich ausfällt, sind sie Thema in Filmen und in der Literatur.
Welche Stellung haben Veteranen und Veteraninnen in der Gesellschaft?
Montrose beschreibt die vielen Facetten dieser Frage: Der Einsatz in der Bundeswehr wird in Deutschland häufig mit rechtnationalem Denken assoziiert. Aber die Bundeswehr ist eine parlamentarische Armee, deren Aufgabe auch der Schutz der Demokratie ist. Hinzu kommen Veteranen der NVA – also der Armee der DDR – die sich oft als Veteranen zweiter Klasse empfinden. Auch die Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus und die Shoah spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Viele Kriegerdenkmäler sind bis heute in der Ästhetik des Dritten Reiches gestaltet und damit wird das Gedenken entsprechend von rechts vereinnahmt. Eine verantwortungsvolle Erinnerung an den Krieg und die damit verbundene Friedensbewahrung muss sich auch damit auseinandersetzen.
Keine einfachen Antworten, aber ein Bewusstsein für mögliche Lösungen
Für Montrose braucht es ein breites Konzept innerhalb der Gesellschaft. Auch er selbst ist sich seines einseitigen Blickwinkels als weißer US-Amerikanischer Mann bewusst und freut sich über die internationalen Perspektiven, die im Kurs Raum finden. Auch die Studierenden nehmen diese Atmosphäre als sehr bereichernd war und schätzen die Möglichkeit des offenen Austausches sowohl mit ihrem Dozenten als auch mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen.
Das neue Studium.Pro-Programm startet im Oktober
Nach der großen Nachfrage im Sommersemester 2026 ist für das demnächst startende Wintersemester eine Wiederholung des Seminars von Jeff Montrose im Rahmen des Studium.Pro-Programmes geplant. Darüber hinaus bietet Studium.Pro den Studierenden vielfältige Seminare zu aktuellen gesellschaftlichen Themen von A wie „Antirassistisches Handeln“ bis Z wie „Zukünfte entwerfen“. Neben Veranstaltungen für Studierende öffnet die KU das Studium.Pro-Programm – vor allem im Rahmen von K‘Universale – auch für die Bevölkerung, denn gesellschaftlicher Diskurs ist nur durch das Verlassen eigener Erfahrungsräume möglich. Weitere Informationen zum Programm von Studium.Pro und K‘Universale sind unter ku.de/studiumpro zu finden.
Text: Melena Renner