Zwischen Alltag und Ausnahmezustand: KU-Studierende im Flüchtlingscamp auf Lesbos
Hilfseinsatz statt Urlaub: Zwei Studierende der KU haben ihre Semesterferien auf Lesbos verbracht und im Flüchtlingscamp mitgearbeitet. Die Studierenden Fynn aus der Fakultät für Soziale Arbeit und Finja aus dem Masterstudiengang Flucht, Migration und Gesellschaft erlebten Begegnungen und Herausforderungen, die sich in Seminaren an der Uni kaum vermitteln lassen. Am 12. Mai berichten Sie in einem Vortrag von ihrer Arbeit im Camp Mavrovouni.
Für Finja (24) war es nicht der erste Aufenthalt auf Lesbos. Sie war bereits das dritte Mal vor Ort – im vergangenen Jahr gemeinsam mit Martina, einer weiteren KU-Studentin. Die Erfahrungen aus dieser Zeit wirken bis heute nach. So sehr, dass Martina aus dem Masterstudiengang Bildung für Nachhaltige Entwicklung sich entschieden hat, ihre Masterarbeit thematisch daran anzuschließen. „Dies ist ein Beispiel dafür, wie sehr die Auseinandersetzung mit Migration hier über den Moment hinausgeht und in Studium, Forschung und persönliche Perspektiven hineinwirkt“, erklärt Simone Birkel, Professorin für Religionspädagogik und Praxisverantwortliche der School of Transformation and Sustainability.
Auch Birkel hat Anfang des Jahres die Inseln Lesbos und Samos besucht, um für den Studiengang „Transformation - Nachhaltigkeit – Ethik“ neue Praktikumsmöglichkeiten zu erkunden. „Der Kontakt nach Lesbos kam zustande, weil Martina Richter bei mir ihre Masterarbeit darüberschreibt, ob es einen Zusammenhang zwischen den Erfahrungen der Freiwilligenarbeit auf Lesbos und den IDGs (Inner Developement Goals) gibt. Ich fand das so spannend, dass ich beschlossen habe, mehr darüber wissen zu wollen“, erklärt Birkel.
Nach einem Brand im September 2020 wurde auf Lesbos ein neues, zunächst provisorisches Camp errichtet: Mavrovouni. In den vergangenen Jahren hat sich die Struktur des Camps zwar verändert, trotzdem bleibt das Camp ein Ort des Übergangs und der Unsicherheit. Aktuell leben dort rund 1100 Menschen, wobei die Zahl stark schwankt – auch infolge zunehmender Pushbacks, also gewaltvoller Zurückdrängungen an den EU-Außengrenzen. Als Finja das erste Mal auf Lesbos war, lebten noch über 6000 Menschen im Camp – ein Unterschied, der zeigt, wie dynamisch und politisch geprägt die Situation vor Ort ist. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner kommen aus Ländern wie Afghanistan, Sudan, Somalia, Jemen, Palästina oder Kurdistan.
Studierende engagieren sich im Rahmen von Praktika und Freiwilligendiensten in unterschiedlichen Bereichen: bei der Ausgabe von Kleidung, Hygieneartikeln und Essen, in Bau- und Instandhaltungsprojekten sowie in sogenannten Safe Spaces für Frauen, Männer und Kinder. Hinzu kommen Angebote der nicht-formalen Bildung und Freizeitaktivitäten für Kinder. Organisiert wird die Arbeit von der christlichen NGO Eurorelief, die zu den wenigen Organisationen gehört, die direkten Zugang zum Camp haben. Neben Lesbos ist Eurorelief auch auf Samos und in Malakasa, nahe Athen, aktiv. Ein weiterer Standort auf Chios befindet sich im Aufbau. Die Organisation vermittelt den Einsatzort und hilft bei der Suche nach einer Unterkunft. Für Kost und Logie müssen die Praktikantinnen und Praktikanten selbst aufkommen. Die Arbeit in den Flüchtlingscamps ist ehrenamtlich. Im Fall von Simone Birkel wurde der Aufenthalt auf Lesbos im Rahmen ihres Praxissemesters über Eramus+ gefördert.
Die Arbeit im Camp ist praxisnah, oft intensiv und nicht selten von schnellen Veränderungen geprägt. Bedürfnisse wandeln sich, Abläufe müssen angepasst werden. Neuankommende werden empfangen und mit dem Nötigsten versorgt, gleichzeitig entstehen Räume, in denen Begegnung möglich wird – jenseits von reiner Versorgung. „Man lernt Sprachen hier nicht aus Büchern“, sagt Finja, „sondern in Begegnungen – in Blicken, Gesten und gemeinsamen Momenten.“ Fynn ergänzt: „Wenige Erfahrungen prägen so intensiv und tiefgehend, wie die Zeit auf Lesbos. So dramatisch wie es klingt, man kommt zurück und ist verändert. Man schaut danach anders auf das Leben und die Welt.“
Finja beschreibt ihre Motivation, die sie schon vor ihrer ersten Reise begleitet hat: „Mich hat das Bild, das wir von Migration in den Medien sehen, schon lange beschäftigt. Diese Lücken, dieses Sprechen über Menschen statt mit ihnen – das wollte ich nicht einfach hinnehmen. Ich habe mir irgendwann versprochen, genauer hinzuhören und Räume zu suchen, in denen Begegnung auf Augenhöhe möglich ist. Warum reden wir so oft über Menschen, aber so selten mit ihnen? Und warum wird Politik über ihre Leben gemacht, ohne sie einzubeziehen? Hier wird einem sehr deutlich, wie wichtig es ist, diese Perspektiven zu verändern.“
Auch Simone Birkel betont die Ambivalenz der Erfahrungen: „Der Einsatz bei Eurorelief konfrontiert die Studierenden mit komplexen Realitäten, die sich einfachen Antworten entziehen. Gleichzeitig bietet er eine außergewöhnlich dichte Verbindung von Praxis und Reflexion im Sinne transformativer Bildung.“ Die Studierenden arbeiten in einem internationalen Team, werden professionell begleitet und nehmen regelmäßig an Trainings, Briefings und Reflexionsformaten teil. Für Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen, beispielsweise Soziale Arbeit, Psychologie, Flucht, Migration und Gesellschaft, Politik und Gesellschaft oder Nachhaltige Entwicklung, eröffnen sich hier vielfältige Möglichkeiten, etwa im Rahmen eines Erasmus+-geförderten Praktikums. Simone Birkel möchte KU-Studierende ermutigen, diesen Schritt zu wagen: „Nicht, weil man etwas gibt, sondern weil man sich auf einen Prozess einlässt. Auf Begegnungen, die herausfordern, prägen und erfüllen. Und vielleicht ist genau das das eigentliche Ziel: Migration nicht nur als Thema zu behandeln, sondern als Realität zu begreifen, ihr zu begegnen, sie zu verstehen und Menschen einzubeziehen, anstatt nur über sie zu sprechen.“
Bei einem Vortrag am Mittwoch, 12. Mai, um 19.30 Uhr im Bürgerschaftsbüro, Marktplatz 18 in Eichstätt, berichten die Studierenden Finja, Fynn und Martina von ihren Erfahrungen. Außerdem gibt es Informationen zu KU-Praktika auf Lesbos und Samos mit Eurorelief und zu weiteren Initiativen wie Safe Passage Bags oder All4Aid.