Verständigung fördern, Konfliktkompetenz stärken: Forschungsergebnisse zu „Konflikt und Kommunikation“ vorgestellt im PresseClub Ingolstadt

KOKO Presseclub Ingolstadt
© Manfred Dittenhofer

 Wie kann man gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen und dem rauen Ton in öffentlichen Debatten konstruktiv begegnen? Über diese und viele weitere spannende Fragen haben Prof. Dr. Annika Sehl, Inhaberin des Lehrstuhls für Journalistik mit dem Schwerpunkt Medienstrukturen und Gesellschaft, und Rebecca Strohmeier sowie Prof. Dr. Elisabeth Kals, Professorin für Sozial- und Organisationspsychologie, am 25. Juni mit dem PresseClub Ingolstadt diskutiert. Dabei standen vor allem Ergebnisse aus dem interdisziplinären Forschungsprojekt „KOKO. Konflikt und Kommunikation” im Fokus.

Hitzige Debatten, verhärtete Konfliktfronten, ein zunehmend raues gesellschaftliches Klima – und auch die Sorge vor einer zunehmenden Polarisierung wächst. Im interdisziplinären Forschungsprojekt „KOKO. Konflikt und Kommunikation“, das an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Universität der Bundeswehr München durchgeführt wird, werden die Ursachen dieser Entwicklungen untersucht und verschiedene Ansätze für einen produktiven Umgang mit ihnen entwickelt. Im Vordergrund steht dabei eine multiperspektivische Analyse von Eskalations- und Deeskalationsdynamiken auf persönlicher, gesellschaftlicher und medialer Ebene. 

Zentraler Bestandteil des Projekts ist auch der Transfer der Forschungsergebnisse in gesellschaftliche Praxisfelder, insbesondere in die Bereiche Zivilgesellschaft, politische Bildung und Journalismus. Vor diesem Hintergrund waren Prof. Dr. Annika Sehl und Rebecca Strohmeier sowie Prof. Dr. Elisabeth Kals kürzlich im PresseClub Ingolstadt zu Gast. In einem produktiven Austausch mit den Anwesenden diskutierten sie nicht nur über die Hintergründe gesellschaftlicher Polarisierungstendenzen, zwischenmenschlicher Konflikte und einer wahrgenommenen Verrohung der Debattenkultur, sondern auch darüber, wie sich die Erkenntnisse aus dem Projekt konkret für die Praxis nutzbar machen lassen. Es wurde beispielsweise ausgelotet, welche Möglichkeiten es auf lokaler Ebene gibt, Konflikte zu deeskalieren und zivilgesellschaftliche Diskurse konstruktiver zu gestalten. Ein besonderer Fokus lag auf der Frage, welchen Beitrag journalistische Interventionen und Formate in diesem Zusammenhang leisten könnten und wo dabei die Grenzen liegen.

Ausgangspunkt für die Diskussion waren Forschungsergebnisse aus verschiedenen Teilstudien innerhalb des Projekts:

In den Untersuchungen von Prof. Dr. Annika Sehl und ihrer Mitarbeiterin Rebecca Strohmeier sowie dem Journalistik-Team der UniBwM um Prof. Dr. Sonja Kretzschmar und Luisa Wilczek spielten Videoformate eine zentrale Rolle. In einem Online-Experiment untersuchten sie am Beispiel eines fiktiven Debattenformats zum polarisierenden Thema „Fleischkonsum“, inwiefern eine journalistische Moderation nach dem Vorbild des diskursiven Journalismus durch die gezielte Förderung von Perspektivenvielfalt und die Rationalisierung von Auseinandersetzungen zu gesellschaftlicher Verständigung und zum Abbau von Polarisierungstendenzen beitragen kann. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine diskursive Moderation von den Rezipientinnen und Rezipienten im Vergleich zu einer konventionellen Moderation insgesamt positiver wahrgenommen wird. Darüber hinaus zeigt sich, dass eine diskursive Moderation (Selbst-)Reflexion und Verständnis für Menschen mit anderen Positionen fördern kann: Teilnehmende, die Videoausschnitte mit einer diskursiven Moderation gesehen hatten, gaben über alle Wellen hinweg häufiger an, stärker über die Debatteninhalte und ihre eigene Position dazu nachgedacht zu haben als Personen, die ein Video mit einer konventionellen Moderation gesehen hatten. Zudem berichteten sie eher, dass ihnen das Video dabei geholfen habe, Vorurteile abzubauen, Argumente besser zu verstehen, denen sie selbst widersprechen, und das Gefühl zu stärken, dass Menschen mit anderer Meinung ihre eigene Position verstehen und respektieren können.

Sehl resümiert: „Konflikte verschwinden dadurch nicht, aber die Ursachen und Perspektiven dahinter werden verständlicher. Im Idealfall entsteht dadurch Offenheit für andere Positionen und die Bereitschaft, sich zumindest mit den Argumenten der anderen auseinanderzusetzen, was wesentlich für den demokratischen Diskurs ist.“

Prof. Dr. Elisabeth Kals und ihre Mitarbeitenden Dr. Martina Grunenberg, Adrian Landwehr und Dr. Svenja Schütt haben in einer experimentellen Studie untersucht, inwiefern sich das Gerechtigkeits- und Konfliktwissen durch kurze, niedrigschwellige Erklärvideos fördern lässt. Die Erklärvideos, die unter dem Namen „Streitkultour“ auch auf YouTube, TikTok und Instagram zu finden sind, basieren auf Interviews über persönliche Konflikte, Alltagsthemen und politische Streitfragen, die in einem projekteigenen Aufnahmetruck mit unterschiedlichsten Menschen aus ganz Deutschland geführt wurden. Im Nachhinein ergänzten zwei Psychologen des Teams der UniBwM die Interviews um konfliktpsychologische Erkenntnisse und konkrete Handlungsempfehlungen. Die Studienergebnisse zeigen, dass bereits vier kurze, psychologisch fundierte Erklärvideos dazu beitragen können, produktive Konfliktüberzeugungen zu stärken, konstruktive Konfliktbereitschaften zu fördern und ein flexibleres Konflikthandeln anzuregen.

Kals ordnet ein: „Es ist zentral, die Tiefenstruktur von Konflikten zu verstehen, denn in Konflikten geht es selten nur um den sichtbaren Streitgegenstand. Häufig geht es auch um Anerkennung, Respekt, Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit – einschließlich des Bedürfnisses, gehört zu werden. All dies ist unter der Oberfläche verborgen und wartet darauf, entdeckt zu werden.“

Weitere Informationen zum Projekt

Das Forschungsprojekt „KOKO. Konflikt und Kommunikation“ ist an der Universität der Bundeswehr München (UniBwM) angesiedelt, wird seit 2021 durchgeführt und durch dtec.bw, das Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr, gefördert. dtec.bw wird wiederum im Rahmen von NextGenerationEU von der Europäischen Union finanziert. Die Projektleitung liegt bei Prof. Dr. Jürgen Maes und Dr. Mathias Jaudas von der Professur für Sozial- und Konfliktpsychologie der Universität der Bundeswehr München. Weitere Beteiligte sind Prof. Dr. Stephan Stetter (Professur für Internationale Politik- und Konfliktforschung) und Prof. Dr. Sonja Kretzschmar (Professur für Innovationen im Journalismus) von der UniBwM. Darüber hinaus besteht eine Kooperation mit Prof. Dr. Annika Sehl, Inhaberin des Lehrstuhls für Journalistik mit dem Schwerpunkt Medienstrukturen und Gesellschaft an der KU, und Prof. Dr. Elisabeth Kals, Inhaberin der Professur für Sozial- und Organisationspsychologie an der KU. Weitere Informationen zum Projekt KOKO finden sich hier, Details und Videos zur „Streitkultour“ gibt es hier.

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