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Wunderbare Weihnachten – jetzt erst recht! Wie das Fest trotz allem Freude bereithält

Distanz zur Verwandtschaft über Weihnachten, ein Silvester ohne Feiern mit Freunden und Bekannten – die Pandemie wirkt sich nach einem ohnehin zehrenden Jahr auch gravierend auf die anstehenden Feiertage aus. „Ich glaube, es kann dennoch ein wunderbares Weihnachten werden – jetzt erst recht! Es hat sogar Potenzial – bei aller Sorge und Herausforderung – das schönste und intensivste seit langem zu werden“, betont Dr. Peter Wendl vom Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Er beschäftigt sich seit langem mit den besonderen Herausforderungen von Familien, die mit Fernbeziehungen umgehen müssen.

 

Herr Wendl, welchen Charakter hatte Weihnachten bislang als Fest und welches Weihnachten ist im Vergleich in diesem Jahr zu erwarten?
Weihnachten ist und bleibt das ultimative Fest, das wir mit Familie, mit Gemeinschaft und Harmonie verbinden. Das wird auch in 2020 so sein. Allerdings werden wir nicht alle Lieben treffen können, denen wir begegnen möchten. Insofern werden wir deutlich auf das verwiesen, was uns wichtig ist – und vielleicht längst selbstverständlich war. Wir Menschen neigen dazu Wesentliches erst zu vermissen, wenn wir es nicht mehr „haben können“. Insofern wird dieses Weihnachten uns vor Augen führen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben. Für diejenigen, die einsam sind, wird sich dieses Gefühl auf negative Weise verstärken. Das ist jedes Jahr an Weihnachten so. Dieses Jahr wird das aber aufgrund der Regelungen aber umso deutlicher. Umso mehr müssen wir aufeinander Rücksicht nehmen, uns im wahrsten Sinn in den Blick nehmen und die Not lindern helfen, die wir wahrnehmen können. Manchmal wird in der kommenden Zeit schon ein Nachfragen, ein Anruf, eine freundliche Geste große Bedeutung haben.
    
Wie kann mit diesen Vorzeichen dennoch Vorfreude aufs Fest entstehen?
Ich glaube, es kann ein wunderbares Weihnachten werden – jetzt erst Recht! Es hat das sogar Potenzial, das schönste und intensivste seit langem zu werden. Heuer fällt viel Schnickschnack weg und wir bekommen vor Augen geführt, was wichtig ist. Wir fokussieren derzeit viel auf Negatives und sind gut beraten, uns dieses Weihnachten schön zu machen.  Ich kann nur sagen: Hört auf, Euch Weihnachten schlecht zu reden oder es mit Erwartungen zu überfrachten! Wir können, in der Nähe oder in der Ferne, froh sein, dass wir uns haben – und wir freuen uns darauf, wenn Begegnung wieder möglich ist. Jeder und jede ist aufgefordert dafür zu sorgen, dass wir in der Solidarität mit den Gefährdeten dieses Jahr mehr zuhause sind. Das lohnt sich, das ist wertvoll und notwendig. Insofern können wir uns das Fest nicht weniger als sonst auch selbst schön gestalten – und vielleicht wird es das bewussteste Weihnachten seit 75 Jahren!

Übrigens hilft es auch sehr, sich bewusst zu machen, warum wir das tun und dass es sehr sinnvoll ist Abstand zu halten dieses eine Weihnachten: Für viele geht es ums Überleben. Und um das Gesundheitssystem zu entlasten, dafür schaffen wir es Vorfreude dieses Jahr anders entstehen zu lassen. Nämlich auf die Einsamen zu schauen und unseren Lieben eben trotz der Sehnsucht – oder gerade wegen ihr - spüren zu lassen, dass wir auch entfern zusammengehören.
    
Für manchen war Weihnachten bislang vor allem ein Stressfaktor: Über einige Tage hinweg hat man deutlich mehr Zeit mit der eigenen Familie und Verwandten als im Alltag verbracht – Anlass für so manchen Streit. Nun haben viele Familien schon in den letzten Monaten zwangsläufig deutlich mehr Zeit zusammen erlebt. Hat die Pandemie in dieser Hinsicht abgehärtet oder halten die Feiertage nun womöglich noch mehr Konfliktpotenzial bereit als ohnehin?
Beides: Wir haben einen gewissen Erfahrungswert. Die Pandemie ist gewissermaßen ein Trainingslager für das Miteinander – ähnlich wie eine Fernbeziehung. Man merkt, worauf es ankommt. Wir wissen schon ein wenig, was belastend wirkt und was hilft. Nun kommt es darauf an nicht zu viel Druck durch Weihnachten aufkommen zu lassen. Dieses Weihnachten muss nicht harmonischer werden als andere. Und auch Konflikte und Streit sind immer mal normal, so lange sie respektvoll ausgetragen werden. Die Balance wird wichtig sein, unabhängig vom Wohnraum: Sich auch mal aus dem Weg gehen, einige Rituale – wenn möglich – gemeinsam planen und durchführen (kochen, essen, in die Natur gehen) und dann aber auch wieder Freiraum und Rückzugsmöglichkeiten lassen. Wichtig ist, nicht nur „aufeinander sitzen“ zu bleiben. Dann gibt es irgendwann eine „Explosionsgefahr“. Aber durchaus gilt es, gemeinsame Zeit zu genießen, sie sich schön zu machen, sich gegenseitig gut zu tun. Die Mischung aus Abstand, Nähe und vor allem Bewegung im Freien bei einem Spaziergang in der Natur bringt eine vielleicht nicht spektakulär heilige Zeit, aber dafür wohltuende Festtage, die genau das betonen, worauf es ankommt: „gut, dass wir uns haben“.    

Welche weiteren Empfehlungen haben Sie für den Umgang mit dieser Situation?
So platt es klingt: Wir müssen uns über die Zeit retten und die Situation aushalten. Gerade deshalb sind Gesten über die Distanz hinweg gerade so wertvoll. Unterstützung anbieten so gut es geht. Wer in der aktuellen Situation neben Senioren, Alleinerziehenden oder Erkrankten wenig wahrgenommen wird, sind meiner Meinung nach die Jugendlichen. Sie sind reduziert auf ihre Rolle Schülerinnen und Schüler. Gerade für sie sind die Gleichaltrigen wichtig, noch wichtiger als die Eltern. Und gerade ihre „Peergroup“ dürfen sie seit Monaten nicht treffen. Vor allem mit ihnen braucht man derzeit Geduld – gerade an Weihnachten. Vor allem hilft es, die Erwartungen an die gemeinsame Zeit herunterzuschrauben. Wenn wenig gestritten wird, ist schon ganz viel gewonnen. Wichtig bleibt es, den Tag zu strukturieren und – so banal es klingt – rauszugehen. Wer sich zu lange drinnen sicher fühlt, empfindet die Welt außerhalb als unsicher. Also: Einmal am Tag einen Spaziergang machen. Außerdem empfehle ich, nicht die Entwicklung der Infektionszahlen wie einen Wettkampf zu verfolgen, sonst macht man sich verrückt. Und: Die Kontakte auch auf Distanz weiterhin pflegen!

Die Vielfalt an Regelungen in den verschiedenen Bundesländern und die offene Frage, über welchen Zeitraum mit Einschränkungen zu rechnen ist, sind für viele zehrend. Wie teilt man sich die Kräfte ein, wenn gewissermaßen die Ziellinie nicht zu sehen ist?
Einzig, indem wir uns überschaubare Zeiträume setzen. Man kann dreimal drei Wochen auf Sicht fahren, jedoch nicht mit der Aussicht auf neun Wochen am Stück. In meiner Arbeit mit Soldatinnen und Soldatinnen etwa habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese vorab genau wissen müssen, wie lang ein Auslandseinsatz dauert. Wird dieser dann kurzfristig um zwei Wochen verlängert, sinkt die Motivation. Es sei denn, der Grund ist plausibel - etwa, weil Flüge wegen schlechten Wetters nicht möglich sind. Bezogen auf die Pandemie stellt sich auch die Frage: Wie lang bin ich belastbar und warum? Grundvoraussetzung dafür sind überschaubare Zeiträume und die Sinnhaftigkeit. Die Sinnhaftigkeit ergibt sich daraus, dass Menschen sterben können, wenn ich mich nicht an die Regeln halte. Nach dem 10. Januar werden dann die Bedingungen neu zu interpretieren sein. Wenn die Zahlen trotz allem steigen würden, wäre Angst ein motivierender Faktor, um weiter auszuharren. Wenn jedoch die Zahlen durch den Lockdown sinken, würde auch dies motivieren, weil man verspürt, dass der Verzicht eine Wirkung hat.
    
Haben Sie Tipps zum „Auftanken“ in der Weihnachtspause – sowohl für Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene?
Wir sollten uns zum einen körperlich Gutes tun – nicht nur mit Plätzen und Braten, sondern indem wir uns beispielsweise im Freien täglich mindestens eine Stunde bewegen und auch bewusst körperlich entspannen. Man sollte sich auch geistig Gutes tun, beispielsweise mit guter Musik, Literatur und Gesprächen – daheim oder am Telefon. Seelisch können wir uns und unseren Lieben Gutes tun, beispielsweise indem wir dieses Weihnachten ganz besonders schön gestalten und uns Zeit nehmen für Rituale, Spiritualität und Gebet, für Auszeit und Innehalten. Beispielsweise halten Kirchenräume auch außerhalb der Gottesdienstzeiten eine ganz besondere „Kraft“ bereit, die sich bewusst aufzusuchen sehr lohnt. Und wir können uns und anderen Gutes tun, indem wir aufmerksam sind für die konkrete Not um uns herum sowie – wo möglich – Unterstützung anbieten. Nächstenliebe und Altruismus machen nämlich nachweislich glücklich!

 

Zur Person
Dr. Peter Wendl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der KU. Er leitet eine langjährige Kooperation mit dem Katholischen Militärbischofsamt für die deutsche Bundeswehr. Dabei führte bisher mehr als 300 Intensivveranstaltungen mit Soldaten und Soldatinnen und ihren Angehörigen sowie Bezugspersonen durch. Schwerpunkt seiner Praxisinitiativen sind Themen der Paar- und Familientherapie, insbesondere die Scheidungsprävention sowie die Vor- und Nachbereitung von Auslandseinsätzen und die Begleitung von Wochenendbeziehungen. Wendl gehört zu den Autorinnen und Autoren der Broschüre „Durchhalten trotz Corona-Krise“, die das Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) herausgegeben hat. Diese bietet vielfältige Anregungen zum Umgang mit der Situation. Das Heft kann kostenlos über die Institutshomepage unter www.ku.de/zfg heruntergeladen werden.