Wer einen mittelhochdeutschen (mhd.) Text aufschlägt, wird manche Wörter mühelos erkennen, andere hingegen rätselhaft finden. Dass mhd. vater neuhochdeutsch (nhd.) Vater entspricht, erschließt sich intuitiv. Doch was bedeuten althochdeutsch (ahd.) muodi, mhd. höuwe oder frühneuhochdeutsch (frnhd.) weyb? Und nach welchen Regeln gelingt oder scheitert dieses spontane Verstehen?
Diesen Fragen geht Dr. Kerstin Dierolf in ihrer Dissertation nach und liefert erstmals empirische Antworten auf Fragen, die in der Sprachgeschichtsforschung bislang vorwiegend theoretisch behandelt wurden.
Die Arbeit überträgt dazu Konzepte und Methoden der Verstehbarkeitsforschung, die bisher an nah verwandten gegenwärtigen Sprachen und Varietäten angewendet wurden, auf das Ahd. (ca. 750–1050 n. Chr.), Mhd. (ca. 1050–1350) und Frnhd. (ca. 1350–1650) und verbindet quantitative und qualitative Verfahren: In einem Online-Test „übersetzten“ Studierende historische Wörter, vervollständigten Lückentexte und beantworteten Fragen zu mittelalterlichen Texten. Ergänzend wurden Lautdenkprotokolle erhoben, die Einblick in intuitive Erschließungsstrategien beim Umgang mit dem historischen Material geben.
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Erwartungsgemäß nimmt die Verstehbarkeit ab, je weiter man sich zeitlich von der Gegenwartssprache entfernt. Entscheidend für das Gelingen sind u. a. der graphische Abstand zum heutigen (kognaten) Wort sowie die Frequenz der nhd. Entsprechung. Auf Textebene kommt der syntaktische Abstand hinzu. Zudem beeinflussen Dialektkompetenz und Fremdsprachenkenntnisse die Verstehensleistung positiv. Die Arbeit plädiert dafür, die historischen Sprachstufen des Deutschen nicht als „fremde“ Sprachen zu behandeln, sondern ihre Anschlussfähigkeit an bestehende Sprachkenntnisse des Gegenwartsdeutschen und weiterer gelernter Sprachen und Varietäten gezielt zu nutzen.
Kerstin Dierolf studierte Deutsch und Latein für das Lehramt an Gymnasien in Regensburg und Eichstätt (Erstes Staatsexamen 2018) und erwarb anschließend einen M. A. in diesen Fächern. Seit 2021 ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Sebastian Kürschner) an der KU tätig, wo sie im Oktober 2025 promoviert wurde.
Ihr derzeitiges Forschungsinteresse gilt Variation, Kontakt und Wandel der deutschen Sprache im Süden Brasiliens.
Für ihre Arbeit mit dem Titel „Zwischenmenschliche Konflikte: Eine psychologische Analyse von Einflussfaktoren auf individuelle Reaktionen nach einer wahrgenommenen Transgression“ erhält Martina Grunenberg den Preis für die beste Dissertation. Die Arbeit ist eine kumulative Disserration. Sie entstand an der Professur für Sozial- und Organisationspsychologie und wurde von Prof. Dr. Elisabeth Kals betreut. In vier Publikationen untersucht Martina Grunenberg, weshalb Menschen unterschiedlich auf Konfliktsituationen reagieren und wie sie zu einem konstruktiveren Umgang mit Konflikten befähigt werden können.
Drei Studien widmen sich der Frage, wie persönliche und situative Faktoren Reaktionen auf eine wahrgenommene Ungerechtigkeit prägen. Die erste Studie zeigt: Narzisstisches Machstreben begünstigt den Wunsch nach persönlicher Rache, während ein starkes Gerechtigkeitsmotiv zusätzlich mit dem Wunsch nach Bestrafung durch Dritte einhergeht. Studie 2 zur interorganisationalen Zusammenarbeit macht deutlich, dass Vertrauen nicht allein durch gerechtes Handeln entsteht; vielmehr sollten ungerechte Entscheidungsprozesse aktiv vermieden werden, da damit verbundene Vertrauensverluste später nur begrenzt kompensierbar sind. Die dritte Studie verweist darauf, dass eine Bitte um Verzeihung nur dann Vergebung fördern kann, wenn sie als aufrichtig erlebt wird; eine formelhafte Entschuldigung ohne echte Einsicht ist hingegen eher entbehrlich. Ergänzend hierzu demonstriert schließlich die vierte Studie, dass sich Wissen über einen konstruktiven Konfliktumgang durch Online-Videos niedrigschwellig vermitteln lässt und dadurch konstruktive Überzeugungen sowie Verhalten in Konflikten gestärkt werden können.
In der Gesamtschau eröffnen die Befunde von Martina Grunenberg konkrete Wege, wie Menschen im Alltag Konflikte konstruktiver lösen können und so die gesamte Gesellschaft „konfliktkompetenter“ werden kann. Das Erstgutachten bezeichnet die Arbeit als „Meilenstein für die aktuelle und zukünftige Konfliktforschung“.
Martina Grunenberg studierte Psychologie im Bachelor und Master an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seit 2021 arbeitet sie dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sozial- und Organisationspsychologie, wo sie im interdisziplinären Kooperationsprojekt „KOKO. Konflikt und Kommunikation“ und in der Lehre tätig ist.
Die Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG beteiligt sich seit langem als Förderer des jährlichen Stiftungspreises für angehende Nachwuchswissenschaftler. Der satzungsgemäße Auftrag unserer Genossenschaft lautet, die Kunden und Mitglieder zu fördern. Angelehnt an diesen genossenschaftlichen Auftrag sehen wir es als Verpflichtung an junge, talentierte WissenschaftlerInnen mit dem Preis für ihre hervorragenden Leistungen zu fördern.