"[A]lle Hoffart [...] komme von den Mägden her." Arbeit und Geschlecht in der frühneuzeitlichen Querelle des servantes.

Dr. Tim Rütten (Universität der Bundeswehr München

Die Fachgruppe Geschichte der Universität Eichstätt organisiert in diesem Semester eine Vortragsreihe zum Thema "Frauen in der Geschichte: Weibliche Lebenswelten von der Antike bis zur Neuzeit", um ein oft vernachlässigtes, aber zentrales Thema der historischen Forschung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Frauen haben in allen Epochen der Geschichte eine entscheidende Rolle gespielt, doch ihre Leistungen und Lebensrealitäten finden häufig nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Mit der Vortragsreihe soll Studierenden und Dozierenden die Möglichkeit geben werden, mehr über verschiedenen Aspekte weiblicher Lebenswelten und Wirklichkeiten zu erfahren. Die Vorträge beleuchten sowohl bekannte Persönlichkeiten, als auch das Alltagsleben von Frauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten. Ziel ist es, die historische Vielfalt und Komplexität weiblicher Erfahrungen sichtbar zu machen und ein Bewusstsein für die Bedeutung von Geschlechterperspektiven zu fördern.

Zum Vortrag:
Was passiert, wenn eine bestimmte Arbeit als unzuverlässig markiert wird? Was geschieht, wenn dennoch fast alle davon überzeugt sind, dass diese Arbeit notwendig ist? Über Mägde wurde in der Frühen Neuzeit nicht gesprochen, weil es sie gab. Man sprach über Mägde, weil sich mit und an ihnen Ordnungen verhandeln ließen: die des Hauses, der Arbeit, der Stände oder jene der Geschlechter. Der Vortrag fragt, warum sich gerade die Figur der Magd dazu eignete, Arbeit und Geschlecht so eng miteinander zu verschalten. 
Entlang zweier Fälle sollen jene Grenzbereiche sichtbar werden, in denen die Magd zur Streitfrage wurde. Den Rahmen bilden Anna Louisa Karsch, die später als „deutsche Sappho" gefeierte Dichterin, die in autobiographischen Briefen auf ihre frühen Diensterfahrungen zurückblickt, und die Frankfurter Köchin Catharina Agricola, die 1749 ihren Prozess gegen ihren Dienstherrn, den Senator Johann Erasmus von Senckenberg, drucken ließ. An beiden zeigt sich Dienst als Arbeit, Abhängigkeit, körperliche Gefährdung und Kampf um Ehre. 
Von dort führt der Vortrag in das diskursive Reservoir, aus dem solche Beschreibungspraktiken oder Verdächtigungen schöpften. Die Querelle des servantes war ein Streit um Mägde (und Knechte), der sich seit dem späten Mittelalter Bahn brach, zwischen 1680 und 1730 in einer dichten Folge von Schmäh- und Verteidigungsschriften kulminierte und sich dabei zunehmend vergeschlechtlichte. An Beispielen soll gezeigt werden, wie aus einem Gesinde- ein Geschlechterproblem wurde. Dienst wurde zunehmend als weibliche Arbeit markiert. Weiblichkeit wiederum begründete, warum diese Arbeit kontrolliert werden musste. Arbeit machte Geschlecht, und Geschlecht machte Arbeit.