Antike Weltkarte in neuem Licht: Historiker analysieren Tabula Peutingeriana mit MSI-Technik
Sie ist fast sieben Meter lang und die einzige überlieferte großformatige Weltkarte aus der Antike: Die Tabula Peutingeriana zeigt die damals bekannte Welt und das römische Straßennetz von Iberien bis Indien. Seit Jahren erforscht der Lehrstuhl für Alte Geschichte der KU dieses außergewöhnliche Dokument. Ein Kooperationsprojekt verspricht nun dank modernster Bildgebungstechnologie einen neuen Blick auf die alte Karte.
Das Team um Prof. Dr. Michael Rathman, Philipp Köhner und Adrian Karmann von der KU nutzt die Multispektralanalyse (Multi-Spectral-Imaging, MSI), mit der sich unterschiedliche Materialschichten und Farbreste sichtbar machen lassen. Durchgeführt werden die Aufnahmen durch Techniker des „Centre for the Study of Manuscript Cultures“ aus dem Exzellencluster „Understanding Written Artefacts“ der Universität Hamburg, das über besondere Expertise im Bereich der materialbasierten Handschriftenforschung verfügt. Auch die Österreichische Nationalbibliothek in Wien, wo die Tabula Peutingeriana aufbewahrt ist, unterstützt das Projekt und stellt das Dokument für die aufwändigen Bildaufnahmen vor Ort bereit. „Die Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Institutionen ermöglicht uns eine wirklich innovative Herangehensweise, denn gefordert sind sowohl technologische wie auch konservatorische und historische Expertise“, erklärt Historiker Rathmann.
Deutliche Beschädigungen im ersten Segment gerade dort, wo grünes Kupferpigment eingesetzt wurde: Der Fluss in Gallien und Stellen im Ärmelkanal sind löchrig.
Die Tabula Peutingeriana gilt als einzigartiges Zeugnis nicht nur der Kartographiegeschichte, sondern auch für die Raumwahrnehmung der Antike. Seit 2007 ist sie Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Das in Wien vorliegende Exemplar ist eine um 1200 entstandene Kopie einer ursprünglich hellenistischen Karte, deren letzte antike Überarbeitung etwa 435 datiert. Eine Besonderheit ist sie auch, weil sie nicht-maßstäblich ist: Die Darstellung der Welt ist extrem verzerrt, drängte sie sich doch auf eine Pergamentrolle mit einer Länge von 6,80 Meter, aber einer Höhe von nur 34 cm.
Schon seit vielen Jahren befassen sich die Eichstätter Historiker intensiv mit der antiken Karte. Im Rahmen eines DFG-Projekts entstand zwischen 2017 und 2023 ein umfassender Kommentar in Form einer Online-Datenbank, der die rund 3800 enthaltenen geographischen Informationen einordnet und deutet. Neu war die Herangehensweise, wie Michael Rathmann unterstreicht: „Wir betrachten die Tabula Peutingeriana als Produkt eines viele Generationen umfassenden, kontinuierlichen Arbeitsprozesses, der im Hellenismus beginnt und in dem auch die Inhalte immer wieder verändert wurden.“
Vermutlich frühneuzeitliche Hilfslinien in Oberitalien
Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt an, das naturwissenschaftliche und digitale Techniken zur Hilfe nimmt. An vielen Stellen ist die Tabula Peutingeriana heute verblasst oder beschädigt und so nur schwer lesbar. Bei der Multispektralanalyse werden von dem Pergament Aufnahmen in verschiedenen Wellenlängenbereichen gemacht und am Computer so bearbeitet, dass Kontraste zwischen verschiedenen Tinten deutlicher hervorgehoben werden. „Dadurch können wir Details sichtbar machen, die uns bislang verborgen geblieben sind“, sagt Philipp Köhner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte. Ob verschwundene Schriftzeichen, übermalte Zeichnungen oder Einstichlöcher des Zirkels und Hilfslinien – die innovative Technik ermöglicht die Betrachtung neuer Fragestellungen.
Die Ägäis mit der Insula Antiochia nach Welser (links oben). In der Ausgabe von Scheyb (rechts oben) fehlt die Insel. In der Tabula Peutingeriana wie sie heute erhalten ist (unten links), ist die Insel kaum zu erkennen - in den Fotos der Hyperspektralkamera schon (unten rechts).
Besonders interessiert sind Rathmann, Köhner und Karmann an den Wasserflächen: Aufgrund der Verwendung von grüner Kupferpigment-Farbe sind die Beschriftungen von Seen und Meeren mit der Zeit durch chemische Reaktionen unlesbar geworden. Die moderne Kameratechnik soll nun Aufschluss geben über das maritime Wissen. Wie vielversprechend das sein kann, unterstreichen einige Aufnahmen, die testweise 2022 in Kooperation mit der Universität Trier mit einer Hyperspektralkamera gemacht wurden. Darin erschienen die Umrisse einer Insel samt der Beschriftung Antiochia, die im Original nicht erkennbar sind.
In einer Abschrift der Karte von Welser aus dem Jahr 1598 ist die Insel auch vermerkt – in einer von Scheyb aus dem Jahr 1753 dagegen nicht. Für die Forschenden stellte sich die Frage nach der Genauigkeit Welsers und was wann wie gut auf der Tabula Peutingeriana zu lesen war. Dank MSI-Technik wird nun eine Beantwortung möglich: Welser hat hier sauber gearbeitet. Etwa hundert Einträge Welsers, die heute nicht mehr mit bloßem Auge erkennbar sind, hoffen die Eichstätter Historiker künftig kontrollieren zu können. Zudem sollen hunderte unsichere Lesungen von Ortsnamen und kartographischen Einträgen geprüft werden können. Sogar Passagen, die schon Welser vor über 400 Jahren nicht mehr sah, sollen wieder sichtbar werden. „Die neuen MSI-Aufnahmen bieten uns die Chance, die Tabula Peutingeriana in vielen Aspekten ganz neu zu betrachten“, sagt Philipp Köhner.
Letzte Einstellungen am Computer vor der MSI Aufnahme
Die aktuellen Untersuchungen sind der Ausgangspunkt für zukünftige Projekte. Perspektivisch soll auf Basis der neuen Bilddaten ein weiteres DFG-Projekt beantragt werden, das die Tabula Peutingeriana noch umfassender in den Blick nimmt. Damit bleibt die antike Weltkarte ein zentrales Forschungsobjekt an der KU – nun ergänzt durch modernste Technologie, die einen neuen Blick auf dieses bedeutende Zeugnis der Antike ermöglicht.
Einblick in die MSI-Aufnahmen Mitte April 2026 in Wien