Galant, gelehrt, gefeiert: Die Wiederentdeckung der Aurora von Königsmarck

Voltaire nennt sie „die berühmteste Frau zweier Jahrhunderte“: Maria Aurora von Königsmarck (1662-1728) war gefeierte Organisatorin höfischer Feste, Dichterin, Musikerin und Vertraute von Intellektuellen und Fürsten. Das literarische Werk und die Rolle der deutsch-schwedischen Gräfin sind heute jedoch weitgehend vergessen. Ein neues Projekt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) will das ändern. In Kooperation mit Forschenden der Universität Würzburg und der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt entsteht eine hybride Edition des literarischen Werks und ausgewählter Korrespondenzen einer der schillerndsten Frauenfiguren der Frühen Neuzeit.

„Unsere Edition bringt eine Autorin zum Vorschein, die zu ihrer Zeit enorm prominent und vernetzt war“, sagt Prof. Dr. Isabelle Stauffer, die an der KU die Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft innehat. Sie leitet das Projekt gemeinsam mit ihren Kollegen Prof. Dr. Stephan Kraft von der Universität Würzburg und Prof. Dr. Thomas Stäcker von der Universitäts- und Landesbibliothek der TU Darmstadt. Für die kommenden drei Jahre fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das Vorhaben mit rund 300.000 Euro.

Wandteppich mit Aurora von Königsmarck
© Stauffer Wandteppich "Triumftapete" von ca. 1700, Aurora von Königsmarck auf einem Streitwagen gezogen von Löwen (Östergötlands Museum, Linköping/Schweden).

Maria Aurora von Königsmarck entstammte einem der mächtigsten Adelsgeschlechter Europas und verfügte so nicht nur über eine exzellente Ausbildung, sondern auch über höfische Kontakte. Ihre männlichen Verwandten verstarben entweder früh oder waren liberal, verheiratet war die Gräfin nie – so besaß sie als Frau für die damalige Zeit vergleichsweise viele Freiheiten. Für wenige Jahre war sie Mätresse des sächsischen Kurfürsten August des Starken, mit dem sie einen Sohn hatte: Moritz von Sachsen stieg unter Ludwig XV. zum Marschall von Frankreich auf. Aurora von Königsmarck selbst wurde später Pröpstin des reichsfreien Damenstifts in Quedlinburg – auch das eine Position, die ihre viele Freiheiten ließ. 

Ihr Aufstieg begann mit der Aufführung eines Stücks des französischen Autors Racine am schwedischen Hof. Schnell machte sie sich als Organisatorin imposanter Feste einen Namen. „Heute würde man sagen, sie war Event-Managerin“, erklärt Isabelle Stauffer. Darüber hinaus war sie eine umtriebige Autorin. Ihr Portfolio umfasste weltliche und religiöse Lyrik, Dramen, autofiktionale Erzählungen, Arien und galante Briefe, auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Schwedisch und Latein.

Mit diesem Profil entwickelte sie sich bald zur zentralen Figur der Galanterie im deutschsprachigen Raum. Die Galanterie war um 1700 ein höfisches Verhaltens- und Kommunikationsideal, das Höflichkeit, Bildung, Anstand, Eleganz und eine neue Kultur der Liebe und des Scherzens zwischen den Geschlechtern einführte. Seinen Ursprung hat es in Frankreich, wo in literarischen Salons wie dem von Madeleine de Scudéry Frauen und Männer auf Augenhöhe interagierten und diskutierten. Im deutschen Sprachraum war die Galanterie zunächst Männersache: Professoren wie Christian Thomasius hielten darüber Vorlesungen, Autoren wie Christian Friedrich Hunold schrieben galante Romane. Gräfin Maria Aurora von Königsmarck war es jedoch, die die galante französische Salonkultur im deutschen Reich verbreitete und etablierte. „Mit ihren besonderen Freiheiten war sie eine der wenigen Frauen, der das möglich war“, sagt Literaturwissenschaftlerin Isabelle Stauffer. „Ihren Zeitgenossen galt sie als das unerreichte Vorbild der galanten Dame.“  

Brief von Aurora von Königsmarck
© Stauffer Brief von Aurora von Königsmarck an Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel, Quedlinburg, 12. November 1708.

Dass ihre Werke trotz dieser Prominenz heute so schwer greifbar sind, führt Stauffer auf die damaligen Normen zurück: „Für den Adel galt es als nicht standesgemäß, drucken zu lassen. Die Werke zirkulierten häufig nur als Handschriften oder erschienen anonym. Für adelige Frauen galten diese Regeln in verschärftem Maße.“ Keine der bisherigen Editionen enthält daher mehr als ein Viertel des Materials. „Wir haben hier einen ungehobenen Schatz“, sagt Stauffer, die mit ihren Kollegen diese Forschungslücke füllen möchte. 

Die aufwändige Materialrecherche läuft bereits seit mehreren Jahren. In Eichstätt wurde das Projekt vom KU Zentrum Religion, Kirche, Gesellschaft im Wandel (ZRKG) und vom Zentrum für Forschungsförderung gefördert. Isabelle Stauffer und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Patrick Angerer kümmern sich um die Briefe der Gräfin. Gefunden haben sie mittlerweile rund 400 Stück in Archiven in Schweden, Wolfenbüttel, Dresden, Stade und weiteren Orten. Etwa 120 davon sollen in die Edition einfließen. Die Korrespondenzen von Aurora von Königsmarck sind laut den Eichstätter Forschenden ein ebenso spannender Forschungsgegenstand wie deren literarische Werke, stand sie doch in regem Austausch mit Intellektuellen wie Gottfried Wilhelm Leibniz und August Hermann Francke. „Auch die privaten Briefwechsel sind sehr reizvoll“, erzählt KU-Professorin Stauffer. „In den Korrespondenzen mit ihrem Sohn Moritz und dem Vater des Kindes, August dem Starken, finden sich Erziehungsfragen getrennter Eltern und Mutter-Kind-Dialoge, die erstaunlich zeitlos anmuten.“

Prof. Dr. Isabelle Stauffer und Patrick Angerer
Prof. Dr. Isabelle Stauffer und Patrick Angerer

Für die Hybridedition werden die Briefe digitalisiert, transkribiert und nach Bedarf übersetzt. „Uns geht es aber nicht nur darum, die Fundstücke sichtbar, sondern auch zugänglich zu machen“, betont Patrick Angerer. In Fußnoten werden mythologische und literarische Anspielungen sowie Namen und Orte erklärt. Um den kommunikativen Kontext zu illustrieren, wird die Edition entsprechend der Wirkungsorte von Aurora von Königsmarck gegliedert, die jeweils einen eigenen Einführungstext erhalten: Schweden, die welfischen Höfe in Hannover und Wolfenbüttel, Dresden, Hamburg und Quedlinburg. 

Pünktlich zum 300. Todestag Königsmarcks am 16. Februar 2028 soll die Edition in Buchform im Verlag Olms und online am Zentrum für digitale Editionen in Darmstadt erscheinen. Für Stauffer ist diese Wiederentdeckung von Maria Aurora von Königsmarck auch wichtig, um Autorinnen in der Literaturgeschichte sichtbarer zu machen: „Es wird Zeit, dass diese wichtige weibliche Stimme von europäischem Rang wieder bekannter wird.“