138 Millionen Kinder weltweit arbeiten, in ärmeren Ländern wie Peru sogar mehr als jedes vierte Kind. Diese Zahl steht im Zentrum des Nachhaltigkeitsziels SDG 8.7 der Vereinten Nationen, das Kinderarbeit jeder Form weltweit beenden will. So moralisch richtig das Ziel erscheine, so schwierig sei es mit der Lebenswirklichkeit der betroffenen Kinder vereinbar, kritisiert Nina Schneider. Sie hat an der KU die Professur für Geschichte Lateinamerikas inne und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Thematik. „Für viele Kinder ist Arbeit keine Option, sondern eine Notwendigkeit, um Geld für Nahrung, Kleidung oder Schulmaterialien zu verdienen“, sagt Schneider. Ein Verbot von Kinderarbeit allein würde deren Ursachen nicht beheben. „Es gibt zahlreiche Studien, die empirisch belegen, dass sich die Situation der betroffenen Kinder sogar dramatisch verschlechtert, wenn man Kinderarbeit verbietet“, erklärt die Historikerin. „Um Geld zu verdienen, gehen sie dann in den Untergrund, in sehr gefährliche Bereiche wie Drogenhandel oder Prostitution – mit massiven Auswirkungen auf ihre psychische und physische Gesundheit.“
Formuliert wird die Forderung nach einer kompletten Abschaffung von Kinderarbeit insbesondere durch die Internationale Arbeiterorganisation (ILO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Sie hat auch 2002 den Internationalen Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni ins Leben gerufen. Der Widerstand gegen das Ziel kommt nicht nur aus Teilen der Forschung, sondern von betroffenen Kindern selbst, organisiert in Kindergewerkschaften. „Das sind arbeitende Kinder, die sich gewerkschaftlich strukturieren und regelmäßig national und international treffen“, erklärt Nina Schneider. Die erste Kindergewerkschaft wurde 1976 in einem Slum der peruanischen Hauptstadt Lima gegründet, Unterstützung fanden die Minderjährigen bei Salesianer-Mönchen. Von Peru aus breitete sich die Gewerkschaftsbewegung in Lateinamerika und ab den 1990er Jahren auch in Afrika und Asien aus. 1996 gab es erstmals ein Welttreffen der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher in Kundapur, Indien. „Die Vertreterinnen und Vertreter der Kindergewerkschaften sprachen sich dort und in der Folge gegen die Ausbeutung von Kindern aus, aber auch gegen eine Kriminalisierung von ,weniger gefährlicher‘ Kinderarbeit“, erläutert Nina Schneider. „Sie fühlen sich von einer Kriminalisierung ihrer Tätigkeiten durch ein striktes Mindestalter finanziell bedroht und in ihrer Selbstständigkeit angegriffen. Sie fordern stattdessen eine gesellschaftliche Anerkennung ihrer Arbeit.“
Ein Dialog zwischen ILO und Kindergewerkschaftsbewegung war bislang nicht erfolgreich. Zu ihrer Weltkonferenz zur „nachhaltigen Ausrottung der Kinderarbeit“ 2017 lud die ILO arbeitende Kinder beispielsweise bewusst gar nicht ein. Diese fanden stattdessen bei einer Alternativveranstaltung, dem „Internationalen Forum für die Rechte arbeitender Kinder“ in La Paz, Bolivien, zusammen. Die Auseinandersetzung ist aus Sicht von Historikerin Nina Schneider symptomatisch für das sehr komplexe, konfliktäre Feld Kinderarbeit. „In der englischsprachigen Forschung gibt es allein schon eine hitzige Debatte, ob der Begriff child labour oder child work genutzt werden sollte.“ Während ersterer negativ konnotiert ist und Ausbeutung suggeriert, wird child work als neutraler Begriff angesehen. Er wird vor allem von Sozialwissenschaftlern und Anthropologen befürwortet, die argumentieren, dass Kinder bei ungefährlichen Tätigkeiten auch etwas lernen könnten und Verantwortung für sich selbst übernähmen. Der deutsche Begriff Kinderarbeit sei zwar weniger kontrovers, so Schneider, doch die Eingrenzung was Kinderarbeit sei, bleibe sprachübergreifend ein Streitpunkt in Forschung, Politik und Gesellschaft.
„Historisch gesehen war Kinderarbeit jahrhundertelang normal und sogar gesellschaftlich erwünscht“, sagt Schneider. Andere Kulturen wie die Yoruba in Westafrika betrachten Kinderarbeit als Bestandteil gesellschaftlicher Teilhabe. Zudem sei umstritten, was konkret unter Kinderarbeit zu verstehen ist. Bis heute gibt es keine einheitliche Definition. Gehört beispielsweise stundenlange Hausarbeit oder Mithilfe im Familienbetrieb dazu? Welche Tätigkeiten sind gefährlich – und welche Teil von Bildung und Selbstständigkeit? Nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs gebe es unterschiedliche Flügel, unterstreicht Nina Schneider.
Das abzubilden, ist Ziel ihrer Forschung. In ihrer 2025 erschienenen Habilitationsschrift untersucht die Historikerin die globale Bewegung gegen Kinderarbeit und beleuchtet Akteurinnen und Akteure, die sich bereits lange vor den Aktivitäten der Internationalen Arbeiterorganisation (International Labour Organisation, ILO) aktiv gegen Kinderarbeit einsetzten und miteinander vernetzten. Die Motive waren und sind vielfältig – und nicht immer uneigennützig. „Die Arbeiterbewegung beispielsweise setzte sich früh für die Regulierung von Kinderarbeit ein, wollte aber so vor allem die Arbeitsplätze erwachsener Männer vor Konkurrenz schützen“, erklärt Nina Schneider. Der Diskurs über Kinderarbeit sei auch als Spiegel gesellschaftlicher Interessen zu betrachten und eng verknüpft mit dem sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontext.
Um diese Vielfalt sichtbar zu machen, plant die KU-Professorin die Gründung eines „Digital Child Labor Archives“, das neben einem klassischen Archiv auch eine Online-Enzyklopädie sowie die Bereitstellung von Lehrmaterial von der Grundschule bis zur Universität umfassen soll. „Meine Vision ist es, alle Perspektiven auf Kinderarbeit in dieses Archiv einzubringen, insbesondere die der Kinderarbeiterinnen und Kinderarbeiter selbst“, sagt Schneider. Denn gerade dieser Blickwinkel fehle bislang häufig – sowohl in der Forschung als auch in politischen Entscheidungsprozessen.