Forschung zur Neueren und Neuesten Geschichte

Laufende Projekte am Lehrstuhl

 

  • Zeiten in Deutschland 1879  1919. Konzepte, Kodizes, Konflikte (Dr. Rothauge)
  • Memory Matters!? (Kollektives) Erinnern und Außenpolitik (Dr. Rothauge u. Andreas N. Ludwig)

 

 

Projekttitel:

Zeiten in Deutschland 1879  1919. Konzepte, Kodizes, Konflikte (Habilitation; Arbeitstitel)
Dr. Caroline Rothauge

Projektbeschreibung

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Beschäftigung mit einer Vielzahl unterschiedlicher Zeiten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf globaler Ebene allgegenwärtig war, untersucht das Habilitationsprojekt, wie "Zeitfragen" im Kaiserreich diskutiert und welche Zeiten ‚von oben‘ dekretiert wurden, ob Zeitsignale überhaupt gleichmäßig und flächendeckend verteilt werden konnten, welche Vorstellungen der "zweckmäßigen" Zeiteinteilung bzw. -nutzung es gab und inwiefern es möglich war, sich den äußeren zeitlichen Zwängen zu entziehen. Dadurch trägt es 1) zum sogenannten temporal turn bei, indem es ‚Zeit‘ selbst als historisch gewachsene und wandelbare Kategorie in den Mittelpunkt des Interesses rückt. 2) Ferner ermöglicht es einen genaueren, differenzierten Blick auf temporale Transformationsprozesse während der  „Kulturschwelle“ (Dipper) um 1900: Es zeigt, dass bestimmte Zeitvorstellungen sehr viel langlebiger sowie die Versuche, bestimmte Zeitordnungen einzuführen, sehr viel umstrittener und konfliktträchtiger waren, als gängige Auffassungen zu dem Aufkommen und der Durchsetzung des einen ‚modernen‘ Zeitregimes es vermuten lassen. Schließlich leistet die Untersuchung 3) einen Beitrag zu verflechtungsgeschichtlichen Perspektiven auf die „Hochmoderne“ (Herbert), da es bewusst herausarbeitet, ihn welchen transnationalen Zusammenhängen die in Deutschland geführten Zeitdiskurse verortet waren.

 

Projekttitel:

Memory Matters!? (Kollektives) Erinnern und Außenpolitik (gemeinsames Forschungs- und Lehrprojekt mit dem Lehrstuhl für Internationale Beziehungen, hier projektverantwortlich: Andreas N. Ludwig, M. A.)

Projektbeschreibung

Für Kriege, Revolutionen und Diktaturen im 20. Jahrhundert, dem „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm), gibt es viele Beispiele. Entsprechend zahlreich sind mittlerweile geschichtswissenschaftliche Publikationen, die sich nicht allein mit der Ereignisgeschichte dieser historischen Zäsuren beschäftigen, sondern sich darauf konzentrieren, wie historische AkteurInnen im Nachhinein mit diesen Ereignissen umgingen. In diesen Arbeiten geht es demnach zentral um Fragen der Wahrnehmung und der Sinngebung – um Fragen also, mit denen sich innerhalb der Geschichtswissenschaft vor allem HistorikerInnen beschäftigen, die sich Vergangenheit aus der Perspektive der (Neuen) Kulturgeschichte nähern. Ihre Forschungen verdeutlichen, dass Bedeutungszuschreibungen historisch wirksam werden können, da AkteurInnen sich auf ihrer Grundlage verhalten, Entscheidungen treffen bzw. handeln. Erinnerungskulturgeschichtliche Forschungen interessiert in diesem Zusammenhang speziell, wie auf Basis welcher jeweils gegenwärtigen Interessenslagen unterschiedliche Kollektive (Familien, Berufsgruppen, Generationen, Nationen, internationale Organisationen…) Bezug nehmen auf Vergangenheit.

In der Außenpolitikforschung, aber auch den Internationalen Beziehungen, hat der kultur- und geschichtswissenschaftliche „memory boom“ bislang kaum Fuß gefasst. Dabei spielt einerseits die dynamische, historisch-kontingente (Fort-) Entwicklung immaterieller Strukturen – wie etwa politischer Institutionen, Normen und Werte – als Rahmen der Wahrnehmungen oder Entscheidungen von Individual- bzw. KollektivakteurInnen eine zentrale Rolle bei der Analyse von Außenpolitik, insbesondere aus Sicht reflektivistischer Ansätze. Andererseits kommt der Beschäftigung mit den Weltbildern, Charakter- und Führungseigenschaften von EntscheidungsträgerInnen eine bedeutende Rolle zu.

Auf Grundlage dieser Überlegungen nimmt das Projekt die Wechselwirkungen zwischen Prozessen (kollektiven) Erinnerns und außenpolitischem Entscheidungshandeln in den Blick: Welchen Einfluss übt(e) die Eigendynamik eines jeden kollektiven Erinnerungsprozesses auf außenpolitisches Entscheidungshandeln aus? Welchen Beitrag leiste(te)n umgekehrt speziell außenpolitische EntscheidungsträgerInnen zu Prozessen kollektiven Erinnerns? Diese übergeordneten Fragen versprechen zum einen fundierte Einblicke in den Konstruktcharakter von Außenpolitik, die demnach zu historisieren ist, und zum anderen weiterführende Erkenntnisse über die Art und Weise, wie historische Strukturen (re-) produziert und verbreitet, aber auch verändert und womöglich gar ad absurdum geführt werden.

Ausgewählte Fallbeispiele aus dem 20. Jahrhundert, mit einem räumlichen Fokus auf Deutschland und dem Vereinigten Königreich, werden die Prämissen, theoretischen Überlegungen und begrifflichen Konzepte hinterfragen und der Thesenentwicklung dienen. Entscheidende Komponenten dieses Forschungsprojektes sind seine Einbindung in die Lehre sowie die geplante Veranstaltung einer einschlägigen interdisziplinären wissenschaftlichen Tagung zur Diskussion und Erweiterung der genannten Perspektiven.