„Das Menschliche bewahren“: Stimmen zur Enzyklika von Papst Leo

Papst Leo
© DBK / Jessica Krämer

Papst Leo XIV. hat mit „Magnifica humanitas“ seine erste Enzyklika veröffentlicht. Im Zentrum des Lehrschreibens steht die Frage, wie Künstliche Intelligenz menschenwürdig, gerecht und am Gemeinwohl orientiert gestaltet werden kann. Der Papst würdigt die Chancen technologischer Entwicklungen, warnt aber zugleich vor Machtkonzentration, sozialer Ungleichheit, digitaler Ausbeutung und den Risiken autonomer Waffensysteme. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der KU ordnen das Schreiben aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven ein.

Unterzeichnet hatte der Papst die Enzyklika bereits am 15. Mai und damit am 135. Jahrestag der Veröffentlichung von Rerum novarum von Leo XIII. (1878-1903). Vorgestellt wurde „Magnifica humanitas“ (übersetzt: „Großartige Menschheit“) am Pfingstmontag im Rahmen einer Pressekonferenz im Vatikan. Dabei sprach Papst Leo XIV. selbst über sein Lehrschreiben – ein in dieser Form bislang einmaliger Vorgang in der Kirchengeschichte. Schon daran zeigt sich die besondere Bedeutung, die er dem Thema beimisst. Neben mehreren Kardinälen sprach bei der Präsentation im Vatikan auch Christopher Olah, Mitgründer des kalifornischen KI-Unternehmens Anthropic, der maßgeblich an der Entwicklung der Sprachmodelle namens Claude beteiligt war.

Welche Akzente die erste Enzyklika von Leo XIV. setzt und wie sie aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven gelesen werden kann, zeigen die folgenden Einordnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der KU.

Über das Lehrschreiben des Papstes

Was ist eine Enzyklika?

Eine Enzyklika ist ein päpstliches Lehrschreiben. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Rundschreiben“ oder „Brief, der im Kreis versandt wird“. In Enzykliken greift der Papst grundlegende Fragen von Glaube, Moral, Kirche und Gesellschaft auf. Als wichtiges Instrument der päpstlichen Lehre hat sich diese Form vor allem seit dem 19. Jahrhundert etabliert.

Die erste Enzyklika eines neu gewählten Papstes hat meist eine besondere Bedeutung. Sie gilt oft als eine Art „Regierungsprogramm“, weil sich in ihr die theologischen Schwerpunkte, persönlichen Akzente und zentralen Anliegen des neuen Pontifikats zeigen. Häufig klingen dort bereits die Themen an, die den weiteren Weg eines Papstes prägen werden.

Das zeigt sich auch bei den jüngeren Päpsten: Johannes Paul II. legte in Redemptor hominis (1979) sein christozentrisches Menschenbild und wichtige Linien seines Pontifikats dar. Benedikt XVI. stellte in Deus caritas est (2006) die Liebe Gottes und die christliche Nächstenliebe in den Mittelpunkt. Franziskus betonte in Lumen fidei (2013), das noch stark von Benedikt XVI. vorbereitet worden war, die gesellschaftliche Verantwortung des Glaubens.

Um was geht es in „Magnifica humanitas“?

Die Enzyklika „Magnifica humanitas“ ist in fünf Kapitel gegliedert und entfaltet die Frage nach dem Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz aus sozialethischer und friedensethischer Perspektive. 

Im ersten Kapitel verortet der Papst seine Überlegungen in der katholischen Soziallehre, die er nicht als starres Regelwerk, sondern als dynamische Orientierung für die Deutung gegenwärtiger Entwicklungen versteht. Das zweite Kapitel benennt mit Menschenwürde, Gemeinwohl, universaler Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit die grundlegenden Maßstäbe, an denen auch digitale Technologien zu messen seien. Dabei betont der Papst, dass technologische Ressourcen und ihre Erträge nicht in den Händen weniger konzentriert werden dürften.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Verhältnis von Technik, Verantwortung und Herrschaft. Leo XIV. fordert hier klare rechtliche Rahmenbedingungen, Rechenschaftspflicht, unabhängige Aufsicht und einen ethischen Kodex für den Einsatz von KI. Entscheidender Maßstab sei, dass technologische Entwicklung dem Menschen dient und nicht zum Instrument wirtschaftlicher, politischer oder militärischer Dominanz wird. Zugleich warnt die Enzyklika vor trans- und posthumanistischen Vorstellungen, die menschliche Begrenztheit überwinden wollten, und stellt dem die Beziehungsoffenheit und Verletzlichkeit des Menschen gegenüber.

Im vierten Kapitel stehen Wahrheit, Arbeit, Freiheit und Bildung im Mittelpunkt. Der Papst fordert Transparenz bei der Auswahl und Verbreitung digitaler Inhalte, den Schutz persönlicher Daten sowie eine kritische Medien- und Bildungskultur. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Arbeitswelt: Technologischer Fortschritt dürfe nicht einseitig der Effizienzsteigerung dienen, sondern müsse die Würde der Arbeit achten. Zugleich thematisiert Leo XIV. neue Formen von Ausbeutung entlang globaler Lieferketten, etwa beim Rohstoffabbau, in Rechenzentren und in der Produktion digitaler Endgeräte.

Das fünfte Kapitel richtet den Blick auf Krieg, Frieden und internationale Ordnung. Mit besonderem Nachdruck warnt der Papst vor KI-gestützten autonomen Waffensystemen und hält fest, dass tödliche oder irreversible Entscheidungen niemals künstlichen Systemen anvertraut werden dürfen. Darüber hinaus kritisiert die Enzyklika eine internationale Politik, die zunehmend von Machtlogiken, Aufrüstung und einem geschwächten Multilateralismus geprägt sei. Dem setzt Leo XIV. die Perspektive einer „Zivilisation der Liebe“ entgegen, die auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Dialog, Verantwortung und Frieden gründet.

Wo kann man den Originaltext nachlesen?

Den Originaltext der Enzyklika stellt der Heilige Stuhl auf seiner Website zur Verfügung.

Ein prophetisches Wort, gerade für Europa

Martin Kirschner
© Christian Klenk Prof. Dr. Martin Kirschner

Von Martin Kirschner

Mit „Magnifica humanitas“ stellt Papst Leo XIV. die Frage nach Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung in die Tradition der katholischen Soziallehre. Wie Leo XIII. in Rerum novarum auf die sozialen Umbrüche der Industrialisierung antwortete, reagiert Leo XIV. auf die gegenwärtige digitale Transformation. Im Zentrum steht dabei nicht nur die technische Innovation selbst, sondern die Machtfrage: Wer kontrolliert digitale Systeme, welche Interessen prägen sie, und was bedeutet das für Menschenwürde, Verantwortung und Gemeinwohl?

Die Enzyklika ist ein prophetisches Wort, weil sie Themen adressiert, die auch in der europäischen und deutschen Öffentlichkeit oft mit einer Schlagseite erörtert oder tabuisiert werden. Ich möchte drei Bereiche herausgreifen, die eng zusammenhängen:

1. Der Papst fragt im Umgang mit KI und neuen Technologien konsequent danach, wem jeweils die Kontrolle und Entscheidungsmacht zukommt, welche Interessen mit den Technologien verfolgt werden und wem sie zugutekommen. Dabei macht er deutlich, dass es nicht nur darum geht, welche moralischen Standards in eine Technologie einprogrammiert werden, sondern wer darüber entscheidet, ob Kriterien transparent sind und in einem kritischen, öffentlichen Diskurs entwickelt werden. Entscheidend ist für ihn, dass eine „moralischere KI“ nichts nützt, „wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird“ (MH 107f.). Entsprechend warnt er davor, dass KI vor allem die Macht derjenigen stärkt, die bereits über Ressourcen, Kompetenzen und Zugang zu Daten verfügen, und fordert klare Kriterien und wirksame Kontrollen, insbesondere dort, wo öffentliche Güter und Grundrechte betroffen sind (MH 108).

In diesem Zusammenhang führt er ein Leitmotiv der Enzyklika ein, das er auch in der öffentlichen und persönlichen Vorstellung des Dokuments ins Zentrum gerückt hat: Es gehe darum, die KI zu „entwaffnen“ (MH 110). Damit meint Leo keinen Technikverzicht, sondern den Bruch mit einer Logik, die technische Überlegenheit mit Herrschaftsanspruch verbindet. „Entwaffnen“ heißt für ihn, Technologie den Monopolen zu entziehen, sie hinterfragbar und anfechtbar zu machen und auf ein menschenfreundliches Zusammenleben hin auszurichten.

Die Forderung der Entwaffnung zielt damit auf eine Kultur im Umgang mit der Technologie, die partizipativ ist, dem Menschen dient und zu einem gemeinsamen Bauen an einer lebenswerten Zukunft führt. Bei der „Entwaffnung“ geht es grundsätzlich darum, an welcher Art des Zusammenlebens wir bauen. Indem er das Thema der Künstlichen Intelligenz und Technologie machtkritisch verhandelt, verknüpft er es mit den Themen der Wahrheit, Kommunikation und Demokratie (132–147) sowie mit der äußersten Zuspitzung einer „Kultur der Macht“ in der Logik von Krieg und eskalierender Gewalt. Es geht ihm dabei nicht um allgemeine Technikkritik, sondern um die Kontrolle und Kritik an der enormen Macht, die durch die neuen Technologien in intransparenter Weise in den Händen weniger konzentriert wird.
 

2. Wie weit diese Macht reicht, zeigt sich insbesondere im Bereich der „öffentlichen und politischen Kommunikation“, die für die politische und ethische Verständigung und Urteilsbildung fundamental ist. Dabei ist der Papst sich offenbar bewusst, dass die Bekämpfung von Falschinformation selbst ein Mittel der Manipulation und intransparenter Machtausweitung sein kann. Denn „wahrheitsgetreue Information entsteht […] nicht durch zentralisierte oder automatisierte Kontrolle“ (MH 132). Wahrheit hat für ihn zwar eine rationale Dimension der Verifizierung und Quellenprüfung, entsteht aber vor allem in vertrauensvollen Beziehungen und im gemeinsamen Handeln.

Monopole und eine starke Machtkonzentration gefährden die Suche nach Wahrheit, „die ein wesentlicher Bestandteil von Demokratie ist“ (MH 134). Sie birgt die Möglichkeit, interessegeleitet eine Sicht der Wirklichkeit zu konstruieren, die sowohl die Erfahrung von Wirklichkeit wie moralische Orientierungen beeinflussen und die Unterscheidung von wahr und falsch unterlaufen kann. Dabei gehe es nicht nur um „Übermittlung von Informationen“, sondern immer auch um „Schaffung einer Kultur“ (MH 135). Wer über gewaltige technische und wirtschaftliche Ressourcen verfügt, besitzt nach Leo die Fähigkeit, kulturelle Veränderungen herbeizuführen und Menschen in ihrem Verständnis von Mensch, Welt, Sinn, Familie und sogar Gott zu beeinflussen. Darin sieht er „reine Macht ohne Wahrheit“ (MH 133).

Digitalisierung und KI sind auf einer grundlegenden, ontologischen und epistemologischen Ebene ein politisches Problem, denn es geht darum, wie wir uns über die geschichtliche Wirklichkeit verständigen, in der wir leben und in welcher wir leben wollen. Die Kontrolle digitaler Plattformen und Medien bedeutet deshalb immer auch Macht über die kollektive Vorstellungskraft und darüber, welche Wirklichkeit als erstrebenswert erscheint (MH 136). Den Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn der Menschen in ihrer öffentlichen Verständigung zu beeinflussen, stellt die sublimste und darin gefährlichste Form von Herrschaft und Manipulation dar. „Prophetisch“ scheint mir, dass der Papst dies in seiner Enzyklika nicht nur offen benennt und analysiert, sondern dass er es darüber hinaus auf den sensibelsten und gefährlichsten Bereich bezieht: auf den Bereich von Krieg und Frieden, der Legitimation von Gewalt und eines öffentlichen Diskurses der Aufrüstung und Angst, der auf „Kriegstüchtigkeit“ zielt und damit Krieg als vermeintlich unausweichliches Mittel internationaler Politik propagiert.
 

3. Die Ausführungen von Papst Leo zu dieser „Kultur der Macht“, die auf eine schiefe Ebene in Richtung immer weiterer Kriegseskalation führt, sind deutlich und analytisch scharf. Ich beschränke mich auf die Grundlinien seiner Argumentation:

Durch Digitalisierung und KI wird die Kriegsführung und der Umgang mit Krieg und Frieden auf mindestens drei Ebenen in Richtung einer „Kultur der Macht“, einer Senkung der Schwelle zur Anwendung auch extremer Gewalt und einer Rehabilitation des Krieges als Mittel internationaler Politik verschoben.

Zum einen besteht in der Kriegsführung selbst die Gefahr, dass Technik, losgelöst von Ethik und Verantwortung, Entscheidungen über Leben und Tod beschleunigt und entpersonalisiert (MH 182). Indem Entscheidungen über Leben und Tod durch automatisierte Systeme getroffen werden, wird der Soldat scheinbar zum ausführenden Organ; die eigene Verantwortung, natürliche Tötungshemmung und situative Entscheidungsnotwendigkeit werden verwischt. Der Einsatz von KI kann so „die Schwelle für den Einsatz von Gewalt senken, Verantwortlichkeiten verschleiern“ und dazu beitragen, dass „das Opfer auf einen ‚Kollateralschaden‘ reduziert wird“ (MH 183).

Der Papst erkennt darin und darüber hinaus eine neue „Grammatik von Konflikten“ (MH 183), indem sich zur sichtbaren Kriegsführung weitere hybride Formen gesellen: Cyberangriffe, Informationsmanipulation, Einflusskampagnen und die Automatisierung strategischer Entscheidungen. Diese unterlaufen die Unterscheidungen von Krieg und Frieden, von Kombattanten und Zivilisten, von Angriff und Verteidigung, von innerem und äußerem Feind.

Dies gehe drittens mit einer Verschiebung des öffentlichen Diskurses einher, der einen Bruch mit der seit dem Zweiten Weltkrieg leitenden Überzeugung darstelle, dass Krieg eine extrema ratio bleiben müsse (MH 189). Papst Leo benennt diese Normalisierung des Krieges sehr deutlich, wenn er von einer „Rehabilitierung des Krieges als Instrument der internationalen Politik“ spricht (MH 190). Sich hinziehende Konflikte, eskalierende Spannungen und gegenseitige Drohungen würden dadurch fast zur Normalität, während polarisierende, algorithmisch verstärkte Narrative Konflikte und Konfrontationen in den Vordergrund rücken (MH 190).

Und auch hier wird er konkret und benennt die Faktoren, die eine solche Entwicklung ermöglichen und vorantreiben: den „Verlust an historischem Gedächtnis“ in einem Klima von „Fake News und narrative[n] Manipulationen“ (MH 191); die kulturelle und mediale Vorbereitung von Kriegen durch „vereinfachende Narrative, Freund-Feind-Logik, Desinformation und Angst“ (MH 192), die Darstellung von Gewalt als „unvermeidlich“ und die Abwertung von Dialog, Diplomatie und Vergebung (MH 192); das „Wachstum der Rüstungsindustrie“ und die enge Verbindung zwischen wirtschaftlichen Interessen, politischen Entscheidungen und Militärapparat, die eine „bewaffnete Nation“ schafft, „in der Krieg fast wie eine natürliche Fortsetzung der Politik erscheint“ (MH 194).
 

Entscheidend ist, dass Papst Leo in der gesamten Enzyklika keine pauschale Verdammung bestimmter Technologien vornimmt und auch nicht einfach Verfallsszenarien zeichnet, sondern eine Entscheidungssituation zwischen zwei konkurrierenden, einander ausschließenden Logiken zeichnet. Er folgt hier ganz seinem Lehrer Augustinus, der zwei Arten von Liebe und Logiken von Vergemeinschaftung miteinander kontrastiert: Die eine folgt einer Logik der Eigenliebe, der Selbstbehauptung und einer „Kultur der Macht“, die im Sinne einer kontrollierbaren Einheitskultur die Technologie im Sinne des Turmbaus zu Babel einsetzt: Ihr Prinzip ist eine angstgetriebene Selbstbehauptung, die bis zur Negation und Vernichtung des Anderen gehen kann. Die andere folgt einer Logik der (Mit-)Menschlichkeit und der (sozialen) Liebe, welche Eigeninteressen und Selbstbehauptung im Blick auf die Lebensmöglichkeiten aller zurückstellen kann, welche die Grenzen und Fehleranfälligkeit des Menschen akzeptiert, auf Gott als letzte Orientierung ausgerichtet ist und nach dem Vorbild von Nehemia 2-6 den Wiederaufbau menschlicher Gemeinschaft als etwas begreift, das nur unter Beteiligung aller und in Vielfalt erfolgen kann. Die Beurteilung digitaler Technologien richtet sich dann danach, ob, inwieweit und in welcher Form ihrer Nutzung sie dem Aufbau einer solchen menschlichen Gemeinschaft dienen.  

Prof. Dr. Martin Kirschner ist Inhaber des Lehrstuhls für Theologie in den Transformationsprozessen der Gegenwart an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Das Herz der KI? Einwurf zur Bewahrung der Menschlichkeit

Katharina Karl
© Christian Klenk Prof. Dr. Katharina Karl

Von Katharina Karl

In seiner Enzyklika greift Leo XIV. mit dem Thema KI eine epochale Signatur der Gegenwart auf. Er spricht nicht über die Kirche, auch nicht in erster Linie über gesellschaftliche Herausforderungen an sich, sondern über den Menschen und seine Verantwortung in Bezug auf das Phänomen der Künstlichen Intelligenz. Damit knüpft er aus pastoraltheologischer Sicht an der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ an, die alles „wahrhaft Menschliche“ (GS 1) ins Zentrum der Theologie rückt – und ein Menschenbild propagiert, das sowohl auf der Verbundenheit der „Menschheitsfamilie“ als auch auf eine Anwaltschaft für die Schwachen, die Armen und Unterdrückten aufbaut. Die Größe des Menschen liegt, so Leo im dritten Kapitel seines Schreibens, nicht in seiner Überlegenheit, sondern in seiner Verletzlichkeit, die seine Würde mit ausmacht und die es zu schützen gilt. Begrenztheit ist kein Mangel, sondern Kern dessen, was den Menschen ausmacht (vgl. MH 118).

Die Enzyklika wertet den Prozess der Digitalisierung und Technologisierung nicht ab, aber warnt eindeutig vor Missbrauch und Entmenschlichung. Dabei stechen vor allem zwei Bilder aus den Ausführungen der Enzyklika hervor, die (man kann es als Stärke oder Schwäche dieses literarischen Genus ansehen) eine Menge an Themen streift: das Bild der zwei Städte und das Bild der Baustelle und des Baumeisters.

Babel als Metapher für menschliche Hybris und Jerusalem als Stadt der Gottesherrschaft – wie Norbert Paulo treffend anmerkt, ein sicherlich etwas unterkomplexes Bild angesichts der Tatsache, dass alle historischen Entwicklungen sowohl Licht- als auch Schattenseiten hervorbringen, dass es ethische Entscheidungen gibt, in denen mehr als „zwei Arten“ der Liebe zum Tragen kommen, und dass auch ein vermeintlicher Gottesbeweis und Gottesbezug missbräuchliche Praktiken legitimieren kann. Die Einfachheit des Bildes besticht aber zugleich durch den Impetus: auf gemeinschaftliche Verantwortung abzuzielen.

Die Baustelle und der Baumeister, das zweite Bild, repräsentieren somit nicht nur das einzelne Individuum, sondern auch die Solidargemeinschaft, die an der „Baustelle unserer Zeit“ (MH 236-242) arbeitet. Den als spirituellen Idealtypus entworfenen Baumeister zeichnen drei Eigenschaften aus: die Gottesbeziehung, Anerkennung der „menschlichen Begrenztheit als etwas natürliches und positives“ (MH 236) und die Mitverantwortung für Würde und Wohl aller, also die Ausrichtung auf die Gemeinschaft (vgl. ebd.). Diese Grundlinien zeichnet Leo schon zu Beginn der Enzyklika als Voraussetzungen, um die „im Guten auf[zu]bauen“ (MH 11-14). Sich im Umgang mit der KI daran zu orientieren, ist, so Leo, das entscheidende Kriterium.

Diese zentrale Zuspitzung, „das Menschliche zu bewahren“ (MH 112) ist sicher ein wesentlicher Einwurf aus Sicht eines christlichen Menschenbilds. „Gerade weil [der Mensch] seine Begrenztheit erfährt, – Verletzlichkeit, Schmerz und Versagen – kann er die eigene Würde und die der Mitmenschen als unantastbar anerkennen“ (MH 122). KI-spezifisch ist er allerdings nicht. Das Gesagte ließe sich auf beinahe alle aktuellen gesellschaftlichen Konflikte und Debatten übertragen. 

Innertheologisch ist dieser anthropologische Entwurf zu würdigen, der Vulnerabilität und Scheitern als Chance begreift, und dies in den anthropologischen Diskurs einspeist. Ob die Argumentation auch in säkularen Kontexten und Debatten überzeugen kann, bleibt offen. So greift diese erste Enzyklika zwar, ähnlich wie Laudato Si´von Papst Franziskus, ein aktuelles Thema auf, gibt aber weniger wegweisende Impulse, sondern erinnert an etwas Grundsätzliches, das Religionen in ihrem besten Sinn zu vermitteln haben: den Schutz des Menschlichen und des Gemeinwohls. Dies dürfte weit über die KI hinaus ein Anliegen für eine menschenwürdige Gestaltung der Zivilisation bleiben. Es ist immer wieder dort zu artikulieren, wo Zukunftsfragen der Menschheit verhandelt werden.

Prof. Dr. Katharina Karl ist Inhaberin der Professur für Pastoraltheologie und Dekanin der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. 

KI unter Verdacht: Wo die Enzyklika zu kurz greift

Norbert Paulo
© Christian Klenk Prof. Dr. Norbert Paulo

Von Norbert Paulo

Die Enzyklika Magnifica humanitas ist keine kulturpessimistische Absage an Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, wie sie einige vielleicht erwartet haben. Sie erkennt an, dass technologische Entwicklungen dem Menschen dienen und gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichen können. Dennoch liegt ihr Schwerpunkt klar auf den Gefahren der gegenwärtigen digitalen Transformation. Die positiven Potenziale von KI, etwa in den Bereichen Medizin, Wissenschaft oder Bildung, werden nur am Rande erwähnt. Stattdessen dominiert die Warnung vor den Risiken eines entgrenzten technologischen Fortschritts.

Diese Gefahren führt der Text vor allem auf zwei geistige Strömungen zurück: ein „technokratisches Paradigma“ sowie trans- oder gar posthumanistische Denkweisen. Die Enzyklika versteht unter dem „technokratischen Paradigma“ eine Denkweise, die die Welt primär unter den Gesichtspunkten von Effizienz, Kontrolle und technischer Machbarkeit betrachtet und dabei menschliche Würde, moralische Verantwortung und soziale Beziehungen funktionalisiert. Trans- und Posthumanismus erscheinen ihr als radikale Zuspitzung dieses Denkens, da sie den Menschen nicht mehr als begrenzte und relationale Person verstehen, sondern als optimierbares oder sogar technisch überwindbares Wesen. Jeder, der schon einmal eine Rede von Elon Musk oder Peter Thiel gehört hat, weiß, was gemeint ist. Die Kritik an diesen geistigen Strömungen ist nachvollziehbar und trifft reale Entwicklungen unserer Zeit.

Gerade deshalb wäre eine tiefere Auseinandersetzung mit diesen realen Entwicklungen wünschenswert gewesen, selbst wenn dies auf Kosten der thematischen Breite gegangen wäre. Die Enzyklika benennt die problematischen Tendenzen eher abstrakt, ohne genauer zu unterscheiden, wo sich technokratische oder transhumanistische Denkweisen tatsächlich durchsetzen und wo nicht.

Besonders deutlich wird diese Vereinfachung bei den beiden biblischen Leitbildern der Enzyklika: dem Turmbau zu Babel und dem Wiederaufbau der Mauern Jerusalems. Babel steht für Hybris, grenzenloses Effizienzstreben und die Selbstüberschätzung des Menschen, Jerusalem hingegen für gemeinschaftliche Verantwortung und solidarischen Wiederaufbau. Während das erste Bild als Diagnose der Gegenwart erscheint, stellt das zweite einen normativen Gegenentwurf dar.

So eindrücklich diese Symbolik ist, so problematisch bleibt ihre Zuspitzung. Wie die Enzyklika wiederholt betont, sind technologische Innovation und Gemeinschaftsorientierung keine Gegensätze. Moderne Gesellschaften müssen vielmehr versuchen, beides miteinander zu verbinden. Technologische Innovation im Bereich der Digitalisierung als „technokratisch” zu brandmarken und auf die idealen Prinzipien der Soziallehre zu verweisen, wirkt letztlich eher moralisch appellativ als ethisch überzeugend. 

Die Enzyklika will nicht kulturpessimistisch auf Künstliche Intelligenz und Digitalisierung blicken. Sie sucht jedoch noch die richtige Brille, um die positiven Aspekte scharf zu sehen und diesseits der Ideale den richtigen Weg zu finden.

Prof. Dr. Norbert Paulo ist Inhaber der Stiftungsprofessur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Vice Chair der School of Transformation and Sustainability. 

Die Macht der Algorithmen und die Würde des Menschen

Martin Schneider
© Geraldo Hoffmann

Von Martin Schneider

Dass sich Kirche und Christinnen und Christen in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Fragen einmischen und dies als Ausdruck ihres Glaubens verstehen, ist keineswegs selbstverständlich. Nicht selten wird der Kirche empfohlen, sich auf ihren vermeintlichen „Kernbereich“ zurückzuziehen. Gerade hier setzt Leo XIV. im ersten Kapitel von Magnifica Humanitas an. Er versteht die Kirche weder als moralische Oberaufsicht noch als politische Gegenmacht, sondern als Gesprächspartnerin inmitten gesellschaftlicher Prozesse. Mit Bezug auf das Zweite Vatikanische Konzil formuliert er zugleich eine selbstkritische Warnung an die Kirche: Soziallehre verliere ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie als äußerer Moralkodex oder als unzulässige Einmischung „von oben“ erscheine. Die Kirche müsse auf der einen Seite „die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ anerkennen, auf der anderen Seite aber „gemeinsam mit der Menschheit unterwegs“ sein und auf diesem Weg dem „Gemeinwohl dienen“ (MH 18). Ihr Auftrag bestehe darin, dazu beizutragen, „das zu erkennen und zu fördern, was der Würde der Menschen, der Vitalität der Gemeinschaften und dem Wohl aller dient“ (MH 24).

Dabei greift Leo XIV. eine Perspektive auf, die auch Papst Franziskus in Laudato si’, stark gemacht hat: In ihrem öffentlich-politischen Auftrag solle es der Kirche nicht darauf ankommen, „Machtpositionen zu besetzen oder kulturelle Festungen zu bewachen“, sondern an gesellschaftlichen Transformationsprozessen mitzuwirken. Entscheidend sei das Anstoßen von „Prozesse[n] des Guten“ (MH 25), die in konkreten Lebenswelten wachsen und sich dialogisch im Zusammenleben von Menschen, Kulturen und Gemeinschaften entfalten können. 
 

Epochenwandel als bleibende Herausforderung für die kirchliche Soziallehre

In dieser Hinsicht verfolgt Leo XIV. ein ambitioniertes Ziel: die klassische katholische Soziallehre auf eine neue geschichtliche Situation anzuwenden – auf das Zeitalter der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz. Damit steht Magnifica Humanitas in der Tradition von Rerum Novarum (1891), mit der Leo XIII. auf die sozialen Verwerfungen der Industrialisierung reagierte. Die „neuen Dinge“ der Gegenwart sind jedoch nicht mehr Fabriken und Dampfmaschinen, sondern Daten, Plattformen, Algorithmen und digitale Machtstrukturen.

Das zweite Kapitel der Enzyklika kann als konzentrierte Einführung in die Grundlinien katholischer Soziallehre gelesen werden. Dabei wird deutlich, dass diese Soziallehre kein starres System zeitloser Antworten darstellt. Leo XIV. beschreibt sie vielmehr als einen geschichtlichen Lernprozess der Kirche. Die Soziallehre sei nicht „das Ergebnis eines am Schreibtisch ausgearbeiteten Entwurfs“, sondern das Resultat eines langen Ringens um die Deutung gesellschaftlicher Umbrüche im Licht des Evangeliums (MH 45). Jede Epoche bringe neue Herausforderungen hervor, auf die die Kirche neu antworten müsse.

Der rote Faden dieser Tradition bleibt dabei erkennbar: die Würde der menschlichen Person, der Wert der Arbeit, die allgemeine Bestimmung der Güter, Solidarität und Subsidiarität, die Bewahrung der Schöpfung sowie Frieden und Geschwisterlichkeit (MH 45). Neu ist jedoch die Weise, wie diese Prinzipien auf die digitale Moderne bezogen werden. Daten, Algorithmen und digitale Infrastrukturen erscheinen nun selbst als soziale Machtfaktoren, deren Kontrolle und Verteilung über Teilhabe und Ausschluss entscheiden. Gerade deshalb versteht Leo XIV. die Soziallehre nicht als rückwärtsgewandte Moral, sondern als Instrument gesellschaftlicher Orientierung inmitten eines tiefgreifenden Epochenumbruchs.
 

Begrenzung der Macht-Logik

Die eigentliche Pointe der Enzyklika liegt weniger in seiner Technikethik als in seiner anthropologischen, sozio-strukturellen und demokratischen Machtkritik.

Einem Menschenbild, das auf Optimierung, technische Selbststeigerung und Herrschaft ausgerichtet ist, setzt die Enzyklika ein relationales Verständnis des Menschen entgegen. Der Mensch erscheint nicht primär als souveränes Subjekt, sondern als leibliches, verletzliches und endliches Wesen, das auf Beziehungen und Anerkennung angewiesen ist. Menschliche Würde zeigt sich nicht trotz, sondern in der Begrenztheit und Verwundbarkeit des Menschen (MH 118 f.; MH 122).

Deshalb kritisiert die Enzyklika nicht nur einzelne Anwendungen Künstlicher Intelligenz, sondern grundsätzlicher die Vorstellung, der Mensch müsse seine Endlichkeit technisch überwinden oder sich permanent optimieren. Gegenüber transhumanistischen Entwürfen betont sie, dass Maschinen keine Erfahrungen machen, keinen Leib besitzen und nicht in Beziehungen reifen. Sie kennen weder Verantwortung noch Fürsorge. Menschlichkeit entstehe demgegenüber aus Beziehung, Verletzlichkeit und wechselseitiger Anerkennung.

Kritisch anzumerken bleibt, dass die Enzyklika nicht zwischen trans- und posthumanistischen Ansätzen differenziert. Die pauschale Gegenüberstellung von „Mensch“ und „Maschine“ greift daher mitunter zu kurz. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass die Enzyklika trotz ihrer relationalen Perspektive letztlich an einem anthropozentrischen Grundmuster festhält. Zwar verweist sie mit Papst Franziskus auf einen „situierten Anthropozentrismus“ (MH 237), der den Menschen als Geschöpf innerhalb eines Netzes von Beziehungen zur gesamten Schöpfung versteht. Doch gerade aus relationaler Perspektive ließe sich fragen, ob nicht auch dieser Anthropozentrismus noch stärker relativiert werden müsste. Wenn Relationalität ernst genommen wird, dann erscheint der Mensch nicht als Mittelpunkt, sondern als Teil eines umfassenden Beziehungsgefüges mit anderen Menschen, Lebewesen, technischen Umwelten und ökologischen Zusammenhängen.

Die Enzyklika entfaltet auch eine sozial-strukturelle Machtkritik. Besonders eindringlich beschreibt sie die Konzentration digitaler Macht in den Händen weniger Konzerne und Plattformen. Wer über Daten, Algorithmen und digitale Infrastrukturen verfügt, kontrolliert zunehmend auch die Bedingungen gesellschaftlicher Teilhabe (MH 5, MH 71 f., MH 79 f., MH 95). Macht erscheint dabei oft unsichtbar, weil Algorithmen Neutralität vortäuschen, obwohl sie Interessen, Vorentscheidungen und Wertungen in sich tragen. Genau darin liegt eine neue Form von Herrschaft: Sie operiert nicht mehr primär durch offene Gewalt, sondern durch die Strukturierung von Aufmerksamkeit, Kommunikation und Wahrnehmung. Explizit wird hier auf dem befreiungstheologisch inspirierten und von Papst Johannes Paul II. in die Soziallehre eingeführten Begriff der „Strukturen der Sünde“ (MH 79) verwiesen.

Vor diesem Hintergrund werden die klassischen Prinzipien der katholischen Soziallehre – Menschenwürde, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität und soziale Gerechtigkeit – zu Maßstäben für die Bewertung digitaler Machtstrukturen. Entscheidend ist, ob digitale Infrastrukturen Teilhabe fördern, Verantwortung ermöglichen und dem Wohl aller dienen oder bestehende Machtasymmetrien weiter verschärfen (MH 96). 

Zur Machtkritik der Enzyklika zählt, dass konsequent die Perspektive der Opfer eingenommen wird (MH 117). Sie fragt nicht zuerst nach technischem Fortschritt, sondern danach, wer die Kosten dieses Fortschritts trägt. Wer wird ausgeschlossen? Wer verliert Kontrolle über seine Arbeit, seine Daten oder seine Öffentlichkeit? Wer bleibt bloßes Trainingsmaterial für algorithmische Systeme? Die Enzyklika spricht ausdrücklich von der „unsichtbaren, oft von Ausbeutung begleiteten Arbeit“ (MH 109) hinter digitalen Modellen. Damit verbindet sie die neue digitale Frage mit der klassischen Sozialfrage. 

Hier liegt ein wichtiger Bezugspunkt des Textes. Frühere Gesellschaften hielten Sklaverei, Kinderarbeit oder koloniale Ausbeutung lange für selbstverständlich und ökonomisch notwendig. Erst moralische Lernprozesse machten sichtbar, was zuvor unsichtbar blieb (MH 123). Ähnlich fordert die Enzyklika heute dazu auf, die neuen Formen digitaler Abhängigkeit und Ausbeutung überhaupt erst wahrzunehmen. Sie hofft auf einen moralischen Fortschritt, der die Macht-Logik begrenzt.

Besonders inspirierend ist der Versuch der Enzyklika, das klassische Gemeingut-Denken auf die digitale Welt zu übertragen. Nicht nur natürliche Ressourcen oder soziale Infrastrukturen, sondern auch Wahrheit, Kommunikation und Daten erscheinen als Gemeingüter, von denen demokratische Gesellschaften leben. Damit greift die Enzyklika ausdrücklich Gedanken Hannah Arendts auf (MH 135): Demokratie beruht nicht allein auf Verfahren, sondern auf einer gemeinsamen Wirklichkeit, auf die sich Menschen beziehen können. Wo Wahrheit durch Reichweite, Nützlichkeit oder algorithmische Verstärkung ersetzt wird, erodieren die Voraussetzungen demokratischer Öffentlichkeit. Die Gleichgültigkeit gegenüber Wahrheit führe – so die Enzyklika mit Arendt – schleichend in autoritäre Verhältnisse. 

Gerade darin liegt die eigentliche Machtkritik des Textes. Digitale Plattformen kontrollieren nicht nur Informationsflüsse, sondern strukturieren Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und gesellschaftliche Wirklichkeit. Wer über Daten, Algorithmen und Kommunikationsräume verfügt, gewinnt Macht über demokratische Öffentlichkeit selbst. Vor diesem Hintergrund entwickelt die Enzyklika eine Art digitale Gemeingüterethik: Daten, Wissen und kommunikative Räume dürfen nicht ausschließlich privaten Profitinteressen oder monopolartigen Machtstrukturen überlassen werden, sondern müssen dem Gemeinwohl verpflichtet bleiben. Das Gemeingut-Denken wird damit zu einem normativen Gegenmodell gegenüber der Privatisierung digitaler Wirklichkeit.
 

Innerkirchliche Machtkritik

Magnifica Humanitas ist weit mehr als ein kirchliches Dokument zur Künstlichen Intelligenz. Die Enzyklika versteht die digitale Transformation letztlich als anthropologische, sozialstrukturelle und demokratische Machtfrage. Sie erinnert daran, dass technischer Fortschritt allein noch keine humane Gesellschaft hervorbringt. Freiheit, Demokratie und Menschenwürde bleiben darauf angewiesen, dass Menschen einander nicht als Ressourcen, Datenpunkte oder Objekte der Optimierung behandeln, sondern als personale Gegenüber anerkennen.

Wichtig ist dabei, dass die Machtkritik der Enzyklika nicht nur nach außen gerichtet bleibt. Leo XIV. verbindet seine Analyse digitaler Macht ausdrücklich mit einer selbstkritischen Reflexion kirchlicher Machtstrukturen. Die Kirche könne nur dann glaubwürdig von Wahrheit, Würde und Gerechtigkeit sprechen, wenn sie sich auch den eigenen Formen von Machtmissbrauch stellt. Eindringlich verweist die Enzyklika auf die „schmerzhaften Wahrheiten“, die über Mitglieder der Kirche und kirchliche Institutionen ans Licht gekommen seien, und würdigt ausdrücklich die Rolle von Journalistinnen und Journalisten, die geholfen haben, „Ungerechtigkeit und Missbrauch ans Licht zu bringen“ (MH 138).

Gerade dadurch gewinnt die Enzyklika an Glaubwürdigkeit. Die Frage nach Wahrheit als Gemeingut richtet sich nicht nur an digitale Plattformen oder politische Akteure, sondern auch an die Kirche selbst. Wahrheit darf weder durch institutionelle Interessen noch durch Machtlogiken verdrängt werden. Die öffentliche Verantwortung der Kirche beginnt deshalb mit der Bereitschaft zur Transparenz, zur Anerkennung von Schuld und zur Perspektive der Betroffenen. Nur so kann ihre Kritik an den Machtstrukturen der digitalen Moderne mehr sein als moralische Belehrung von außen.

Prof. Dr. Martin Schneider ist Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der School of Transformation and Sustainability der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Zwischen technischer Innovation und moralischer Verantwortung

Markus Riedenauer
Prof. Dr. Markus Riedenauer

Von Markus Riedenauer

Die neue Enzyklika schreibt sich ein in die Entwicklung der kirchlichen Sozialethik, welche sukzessive aktuelle Herausforderungen aufgegriffen und ihre Prinzipien geklärt hat – ähnlich der stufenweisen Formulierung und Kodifizierung von Menschenrechten, auf welche der Papst ausdrücklich hinweist. Sie schreibt diese Entwicklung fort unter dem Druck der technischen und damit verbundenen politischen Transformationen durch Digitalisierung und durch sogenannte „KI“. 

Dem Genre päpstlicher Lehrschreiben gemäß werden konkrete Neuerungen, Chancen und Gefahren eher angedeutet, auch weil technische Entwicklungen jeden dargestellten Sachstand rasch überholen (vgl. MH 98). In der Durchführung werden doch sehr konkrete Phänomene genannt, welche Papst Leo große Sorgen bereiten – trotz seiner wiederholten Feststellung, dass im Grundsätzlichen Technik zur Kreativität des Menschen gehört und zum Guten wie zum Bösen dienen kann. Zentral ist aber die Erinnerung an unverzichtbare Prinzipien des menschlichen Lebens und Zusammenlebens und das Beharren auf der moralischen Verantwortung – bevor diese an Systeme abgegeben wird. In der Konfrontation dieser erkämpften, erlittenen und bewährten Einsichten mit Entwicklungen, die unseren Alltag stark prägen, während hinter den Benutzeroberflächen tatsächlich tiefgreifende systemische Transformationen und Deformationen ablaufen, liegt das Innovative, Beunruhigende und auch Klärende dieser Enzyklika.

In Fortführung der fundamentalen Kritik von Papst Franziskus am technokratischen Paradigma widmet sich das dritte Kapitel der Enzyklika der neuen digitalen Macht. Diese umfasst nicht nur „KI“, sondern auch Nanotechnologien, Robotik und Biotechnologie (MH 92-93), wobei Papst Leo die „entscheidende Tatsache“ darin sieht: „Im digitalen Bereich liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen.“ (MH 95, vgl. 108). Damit werden demokratische Möglichkeiten der Mitbestimmung über die Entwicklungen und gesetzliche Grenzen ausgehebelt, ja bereits die „accountability“ an sich (vgl. MH 105). Die wesentliche Frage ist die nach der Machtausübung, welche von Menschenbildern, damit verbundenen Verständnissen von Gesellschaft und Politik bestimmt wird – kurz gesagt von politischer Anthropologie (MH 104). 

Im Hintergrund sieht der Papst trans- und posthumanistische Ideologien, deren Auswirkungen sich tatsächlich bereits in Umfrageergebnissen zeigen (vgl. MH 116). Demgegenüber erinnert er an universale (keineswegs nur christliche) Werte des Menschlichen: Mitgefühl und Barmherzigkeit, Vergebung und Verantwortung, Solidarität und Fürsorge – und das Wachsen an Begrenzungen und Vulnerabilität, was die Träume von einem verbesserten Menschen, einem leidfreien oder gar todfreien Leben verhindern. Insoweit Technik hier mit Heilsverheißungen argumentiert, muss die Kirche vor der darin steckenden Unmenschlichkeit warnen. In MH 109 wird zusammengefasst, was die (in Kapitel 2 dargelegten) Prinzipien der Sozialethik angesichts der Digitalisierung bedeuten: Gemeinwohl, allgemeine Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität und Gerechtigkeit. 

Innerhalb dieses großen Bildes ist natürlich zu fragen, worin genau die Gefahren der Digitalisierung für das Selbstverständnis des Menschen und für menschliche Bedingungen des Lebens und Zusammenlebens liegen. Die Enzyklika macht zunächst auf die irreführende Bezeichnung der künstlichen „Intelligenz“ aufmerksam (sei sie bewusst gesetzt worden zwecks besserer Vermarktung oder selbst ein Symptom der Verwirrung der menschlichen Selbstdeutung), was MH 99 beschreibt: Diese Systeme autonomer Datenverarbeitung haben keinen Leib, keine Gefühle, keine Erfahrungen, keine Beziehungen, kein Verständnis für Bedeutungen irgendeiner Art und kein Gewissen. All das wird nur simuliert, weswegen eigentlich von einem Einsichtsvermögen nicht die Rede sein kann. Ich würde lieber von maschineller Rationalität sprechen, worin die alte Unterscheidung zweier verschiedener intellektueller Vermögen anklingt: der basaleren ratio, mit welcher Begriffe (kontradistinguierend) gebildet, logische Beziehungen etabliert, Schlussfolgerungen gezogen werden und gerechnet wird einerseits, und einer höheren, reflexiven und integrativen Fähigkeit andererseits, welche die antike Philosophie nous nannte und die wesentlich mit praktischer Vernunft, damit Moral und personaler Identität zusammenhängt. 

Wenn Papst Leo „neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit“ (MH 95) befürchtet, kann darunter verstanden werden: Verlust von kognitiven Kompetenzen besonders junger und zukünftiger Generationen, Kommodifizierung von Aufmerksamkeit, soziale Kontrolle durch „profiling“, Verhaltenssteuerung, Konformitätsdruck und Selbstzensur, ungerechte Verteilung von Chancen und Ressourcen (vgl. MH 170 ff.), ja die Abhängigkeit ganzer Staaten von „providern“. Die Ausgrenzung erfolgt bereits durch rücksichtslose Digitalisierungsstrategien, worin Deutschland durchaus negativ hervorsticht; Ungerechtigkeit entsteht genau hier, wo der Zugang zu Dienstleistungen, Gütern und sozialem Leben ungleich und unfair verteilt wird. Manipuliert wird durch alle möglichen „bots“, durch einseitige und radikalisierende Algorithmen, Blasenbildung – das Gegenteil des Dialogs, welchen die Enzyklika als den menschlichen Weg betont. 

In Bezug auf „Gesundheitsdaten, epidemiologische Profile, genetische Karten und demografische Daten“ (MH 178) spricht die Enzyklika sogar von einem neuen Kolonialismus, Ausbeutung und neuen Formen der Sklaverei (MH 173-179). Als wichtig erscheint auch, dass die unterschätzten ökologischen Kosten für „KI“ genannt werden (MH 101). 

Wenn gewarnt wird, es werde „die Schöpfung zu einem Objekt der Ausbeutung und werden die Menschen zu Rädchen in einem System erniedrigt“ (MH 92), mag das als extrem kurz gefasster und weiterer Ausführung bedürftiger Hinweis für eine epochale Entwicklung genommen werden, die Ivan Illich aus historischer Sicht beschrieben hat als Übergang vom Zeitalter der Instrumente zum Zeitalter der Systeme. Dann wäre die durchgängige Rede von digitalen „Werkzeugen“ noch einmal zu problematisieren. 

Was die Kirche zu solchen Debatten beitragen kann, ist erinnern, überzeugen, ermahnen und ermutigen. Die Frage, inwieweit das gegen die Kapitalmacht globaler Konzerne und ihrer Interessen Kraft entfalten wird, bleibt offen. Immerhin zeigten sich einzelne Vertreter großer Technokomplexe interessiert an einem Dialog mit der Kirche; insoweit sie dies ernst meinen, gibt es Hoffnung und einen Ansatzpunkt für das Kernanliegen der Enzyklika: dass die Menschheit ihre Geschichte gemeinsam und verantwortungsvoll gestalte.

Prof. Dr. Markus Riedenauer ist Inhaber des Lehrstuhls für Philosophische Grundfragen der Theologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Warum Papst Leo einen unabhängigen Journalismus stark macht

Klaus Meier
© Christian Klenk Prof. Dr. Klaus Meier

Von Klaus Meier

Mit dieser Enzyklika verfolgt Papst Leo eine Linie, die weit in die Amtszeit seines Vorgängers Papst Franziskus hineinreicht. Ich war mit dem Präsidium der KU im März 2025 im Vatikan, und wir haben dort mit dem irischen Kurienbischof Paul Tighe aus dem Dikasterium für die Kultur und die Bildung über die vatikanische „Note über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz“ diskutiert, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war. Wesentliche Bausteine aus dieser Note finden sich jetzt in der Enzyklika. 

Zur Regulierung von KI und der Macht der Technologiekonzerne

Wir hatten damals angemerkt, dass im Text wichtige Aspekte der Regulierung von KI fehlten, also die Frage, wie sich die unglaubliche Macht der Technologiekonzerne politisch eindämmen lässt. Diese Frage der Regulierung von KI – und vor allem die Machtfrage – werden jetzt in der Enzyklika deutlich angesprochen, wenngleich ich mir gewünscht hätte, dass der Text noch konkreter und politischer wird: Europa ist die Weltregion, die sich um Regulierung bemüht, wird jedoch unter anderem von der derzeitigen US-amerikanischen Regierung dabei ausgebremst. Aber natürlich kann ein päpstliches Lehrschreiben nicht noch konkreter die aktuelle Politik thematisieren. Bemerkenswert ist die strategische Einladung von KI-Pionier und Anthropic-Mitgründer Christopher Olah zur Vorstellung der Enzyklika. Er stellte sich als einer der wenigen Techmilliardäre gegen die Trump-Regierung und befindet sich in Regulierungsauseinandersetzungen mit der US-Regierung, unter anderem weil sich Anthropic gegen den Einsatz von KI für militärische Zwecke wehrt. 

Einsatz von KI in der öffentlichen Kommunikation: Wahrheit als Gemeingut

Auch was die Aussagen über öffentliche Kommunikation und Journalismus in der Enzyklika betrifft, reicht die Linie weit zurück. Papst Franziskus hat den Wert des unabhängigen Journalismus für die Demokratie und den Frieden immer wieder betont, zum Beispiel 2018 zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Später haben sowohl Franziskus als auch Leo immer wieder einen unabhängigen und verantwortungsvollen Journalismus angemahnt.

Bemerkenswert deutlich wird in der Enzyklika die „Wahrheit als Gemeingut“ bezeichnet. Man kann das als Erweiterung des kirchlichen Wahrheitsbegriffs deuten. Traditionell betont die Kirche die „tiefere Wahrheit“ des Glaubens: Das Johannesevangelium lässt Jesus wiederholt sagen, er sei die Wahrheit, was in der Pilatusfrage „Was ist Wahrheit?“ gipfelt. Im biblischen Sinn bedeutet Wahrheit nicht primär eine exakte Tatsachenbeschreibung. Dass nun diese Enzyklika Wahrheit weltlich und politisch deutet, zeigt, wie bewusst es uns geworden ist, dass Desinformation, öffentliche Lüge und verzerrte Darstellung der Realität das Zusammenleben der Menschenheit massiv gefährden. In der Enzyklika heißt es: „Die Suche nach der Wahrheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie“ (MH 134) und die „Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit führt zu einem langsamen, aber unaufhaltsamen Abgleiten zum Totalitarismus“ (MH 134). Die Wahrheit ist demnach „ein Gemeingut und nicht das Eigentum derer, die Macht oder Sichtbarkeit besitzen“ (MH 137).

Die Enzyklika fordert von der Politik, „Vorschriften zu erlassen, die die Logik hinter der Auswahl und Verbreitung von Inhalten transparenter werden lassen“ (MH 137). Erster Ansatz in dieser Richtung ist der „AI Act“ der Europäischen Union, der gewisse Transparenzpflichten für KI-Systeme festlegt. Diese Regelung tritt in der EU im August 2026 in Kraft. Die Frage wird sein, ob sich Erzeuger und Verbreiter von Falschinformationen und Deep Fakes daran halten werden offenzulegen, dass die Inhalte künstlich erzeugt oder manipuliert wurden. Und falls ja, ob das irgendeinen Effekt auf Nutzer haben wird, die sich bereitwillig manipulieren und instrumentalisieren lassen. Nicht zuletzt deshalb verlangt die Enzyklika „ein neues Bildungsverständnis“, das „die korrekte und kritische Nutzung digitaler Instrumente“ vermittelt (MH 137).

Lob für unabhängigen und aufdeckenden Journalismus

Im Absatz 138 schweift die Enzyklika vom KI-Thema ab und lobt den Journalismus, der Missstände in der Kirche selbst aufgedeckt hat: „Insbesondere einige Journalisten, denen die Wahrheit am Herzen liegt, haben eine wesentliche Rolle dabei gespielt, Ungerechtigkeit und Missbrauch ans Licht zu bringen.“ Ganz offensichtlich liegt den Autoren der Enzyklika dieses Thema besonders am Herzen, denn es wird aus einer Ansprache von Papst Franziskus vor den Vatikan-Korrespondenten 2021 zitiert: „Ich danke euch auch für eure Berichte darüber, was in der Kirche nicht stimmt, dafür, dass ihr uns helft, es nicht unter den Teppich zu kehren, und für die Stimme, die ihr den Opfern von Missbrauch gegeben habt.“ (MH 138)

Ein unabhängiger, kritischer und seriöser Journalismus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das haben Franziskus und Leo schon unabhängig von KI-getriebener Öffentlichkeit immer wieder festgestellt – und jetzt erst recht. Hinzufügen muss man allerdings, dass unabhängiger Journalismus weltweit unter Druck steht: Reichweite und Geschäftsmodelle sind gefährdet, denn nicht nur die Plattformbetreiber der Social Media, sondern auch KI-Modelle nutzen journalistische Inhalte ohne dafür zu bezahlen und lenken damit Erlöse in ihre Taschen, die bislang journalistische Medienunternehmen erzielen. Nehmen wir die Enzyklika insofern als Appell an uns alle, für seriöse Inhalte zu bezahlen, die von Journalisten verlässlich geprüft und ausgewählt wurden. 

Prof. Dr. Klaus Meier ist Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik mit Schwerpunkt Innovation und Transformation und Vizepräsident für Studium und Lehre an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.