Der US-Angriff auf Venezuela und seine Folgen – Einordnung einer Lateinamerikanistin
Das neue Jahr hat mit einer geopolitischen Zäsur begonnen: In der Nacht zum 3. Januar griffen die USA Venezuela an, nahmen den Präsidenten Nicolás Maduro und seine Ehefrau gefangen und brachten beide in die USA. US-Präsident Donald Trump begründet das Vorgehen mit der Bekämpfung von Drogennetzwerken und kündigte an, Venezuela bis auf Weiteres selbst führen zu wollen.
Zugleich hat das Oberste Gericht Venezuelas die bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez zur Interimspräsidentin ernannt. Kritiker verurteilen das Vorgehen der USA als völkerrechtswidrig und sehen Trumps eigentliches Ziel in der Kontrolle der Erdölvorkommen des Landes. Wie sich die Situation in Venezuela und dem Rest Lateinamerikas aktuell darstellt, erläutert Dr. des. Mariah Freitas Monteiro, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Geschichte Lateinamerikas der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), hier im Interview.
Wie hat das venezolanische Volk die Ereignisse der letzten Tage aufgenommen?
FREITAS MONTEIRO: Vor allem in Caracas kam es zu Demonstrationen zugunsten von Nicolás Maduro und gegen seine Inhaftierung und die seiner Ehefrau Cilia Flores. Diese Mobilisierungen blieben jedoch deutlich hinter früheren Phasen des Chavismus zurück. Kundgebungen, die den Machtverlust Maduros begrüßen und offen unterstützen, werden weiterhin unterdrückt. Die politische Instabilität schürt zudem Sorgen um die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Zu berücksichtigen ist bei der Frage nach dem venezolanischen Volk auch die venezolanische Diaspora: Rund 8 Millionen Menschen, etwa 20 Prozent der Bevölkerung, haben das Land in den letzten Jahren verlassen. Entsprechend zeigen sich bedeutende Reaktionen auch außerhalb Venezuelas, etwa in Städten wie Bogotá, Buenos Aires, Madrid und New York, wo es zu unterschiedlichen Demonstrationen für oder gegen die Intervention Donald Trumps kam, teils zeitgleich an verschiedenen Orten. Da belastbare quantitative Daten zur öffentlichen Meinung fehlen, fungieren soziale Netzwerke als zentrale Arena der Auseinandersetzung um Narrative und Deutungen. Dabei zeigen sich jedoch mehr Zwischentöne als eine einfache Polarisierung. Die Art der Festnahme Maduros — Bombardierungen, Todesopfer, die Verletzung der Souveränität und Trumps Aussagen zum Erdöl — verstärkt diese Ambivalenz. Sichtbar werden Positionen, in denen die Feier des Machtverlustes Maduros nicht mit einer Zustimmung zur US-Intervention einhergeht, zumal eine klare Strategie der USA zur Unterstützung einer demokratischen Neuordnung fehlt.
Dr. Mariah Freitas Monteiro
Lässt sich schon absehen, wie es weitergeht in Venezuela? Welche Rolle spielt Interimspräsidentin Delcy Rodriguez?
FREITAS MONTEIRO: Die Zukunft Venezuelas bleibt ungewiss. Festzuhalten ist, dass die Absetzung von Nicolás Maduro keineswegs das Ende des Chavismus markiert. Die Bewegung bleibt politisch handlungsfähig und wird derzeit maßgeblich von Interimspräsidentin Delcy Rodríguez geprägt, die seit 2020 zentrale Schlüsselpositionen im Staatsapparat vereint, darunter das Amt der Vizepräsidentin, die Zuständigkeit für Wirtschaft, Finanzen und Erdöl sowie die Leitung der Zentralbank. Im Kontext der jüngsten Ereignisse verfolgt Rodríguez eine ambivalente Linie: Einerseits verurteilt sie öffentlich die gewaltsame Festnahme Maduros und das Vorgehen der Vereinigten Staaten, andererseits signalisiert sie Verhandlungsbereitschaft gegenüber Washington. Die Unterstützung Donald Trumps für ihren Verbleib an der Macht ist dabei ausdrücklich an ihre Kooperationsfähigkeit geknüpft; in einem Interview mit dem Magazin „The Atlantic“ drohte Trump ihr, andernfalls „einen höheren Preis als Maduro“ zu zahlen.
Was geschieht gerade in der Opposition? Was macht Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado?
FREITAS MONTEIRO: María Corina Machado gilt weiterhin als führende Figur der Opposition gegen den Chavismus in Venezuela. Offen bleibt derzeit, ob es ihr gelingen wird, konkrete Allianzen mit der Regierung Trump zu schmieden. Sie gab der CBS ein Interview per Videokonferenz, da ihr aktueller Aufenthaltsort unbekannt ist, was ihrem Schutz vor politischer Verfolgung dient. Sie betonte darin, dass das venezolanische Volk bereits eine politische Entscheidung getroffen habe. Sie selbst sei in den Vorwahlen gewählt worden und nach ihrer politischen Disqualifikation sei Edmundo González Urrutia – ein Diplomat, der als Konsenskandidat der oppositionellen Koalition aufgestellt wurde – der tatsächliche Gewinner der letzten Wahlen gewesen. Damit machte sie deutlich, dass ihr politisches Lager und die vereinte Opposition Anspruch auf die Regierungsführung erheben. Mit Aussagen Donald Trumps konfrontiert, wonach sie zwar eine „nette Person“, jedoch ohne ausreichenden Respekt innerhalb der venezolanischen Bevölkerung sei, wich Machado einer direkten Antwort aus und konzentrierte sich stattdessen darauf, die militärische Intervention der Vereinigten Staaten zu loben. Sie stellte den Ausgang der Ereignisse als Ausdruck von Trumps Mut dar, Maduro einer Form der Rechenschaft zuzuführen, ohne darauf hinzuweisen, dass dessen Festnahme unter dem Vorwurf des Drogenhandels und nicht wegen Wahlbetrugs erfolgte. Machado bemüht sich weiterhin um eine Annäherung an Donald Trump. In einem Interview mit Fox News ging sie sogar so weit, ihm vorzuschlagen, ihren Friedensnobelpreis mit ihm zu teilen. In den kommenden Tagen soll es zu einem persönlichen Gespräch zwischen beiden kommen.
Was bedeutet das Handeln der USA für den Rest Lateinamerikas? Trump hat Staaten wie Kolumbien, Kuba und Mexiko bereits offen gedroht. Wie sind die Reaktionen auf dem Kontinent?
FREITAS MONTEIRO: Das Handeln der USA im Fall Venezuela wirkt in Lateinamerika als deutliches Warnzeichen einer erneut sichtbar werdenden interventionistischen und konflikthaften Tendenz, deren gegenwärtige Erscheinungsform auf tief verankerte historische Erfahrungsmuster der Region verweist. Die militärische Intervention und die Festnahme von Nicolás Maduro wurden in weiten Teilen der Region als Verletzung staatlicher Souveränität und des Völkerrechts wahrgenommen. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten Brasilien, Chile, Kolumbien und Uruguay das Vorgehen und bekräftigten die Prinzipien der UN-Charta; auch Spanien schloss sich dieser Position an. Die Reaktionen auf dem Kontinent sind heterogen. Während Kolumbien unter Gustavo Petro eine besonders deutliche ablehnende Haltung einnimmt, betonen Brasilien unter Lula da Silva und Mexiko unter Claudia Sheinbaum eine pragmatische, diplomatische Linie. Diese Positionierungen stehen im Kontext weiterer Maßnahmen der Trump-Regierung gegenüber der Region, darunter wirtschaftlicher Druck, Strafzölle und politische Sanktionen. Dennoch findet Trump auch Unterstützung in Lateinamerika: Einzelne Regierungen begrüßten das Vorgehen der USA offen, darunter Javier Milei in Argentinien, Daniel Noboa in Ecuador und Nayib Bukele in El Salvador. Aus historischer Perspektive handelt es sich um die erste direkte militärische Intervention der USA in Lateinamerika seit der Invasion Panamas im Jahr 1989, als der Diktator Manuel Noriega in einer gewaltsamen Operation gestürzt wurde. Zuvor war die Region über Jahrzehnte von US-amerikanischem Interventionismus geprägt, zunächst durch offen hegemoniale Strategien wie die Big-Stick-Politik und die Monroe-Doktrin von 1823, später durch die Unterstützung autoritärer Regime während des Kalten Krieges. Das aktuelle Vorgehen ist vom historischen Schatten dieser langen Interventionsgeschichte begleitet. Trumps offene Drohungen gegenüber weiteren Staaten der Region verstärken in diesem Kontext ein Klima von Pessimismus und Unsicherheit und stellen Lateinamerika vor die schwierige Aufgabe, seine Souveränität zu behaupten und zugleich mit besonderer Vorsicht auf eine US-Regierung zu reagieren, von der kaum eine vergleichbare Zurückhaltung zu erwarten ist.