Frau Professorin von Maur, Emotionen gelten oft als etwas sehr Persönliches oder Privates. Sie denken philosophisch über Gefühle nach. Was lässt sich an Emotionen über den Menschen und seine Wahrnehmung von Wirklichkeit erkennen?
Imke von Maur: Stellen Sie sich vor, Sie sind auf der Beerdigung eines Vaters von fünf kleinen Kindern, die fassungslos und verstört vor dem Sarg stehen. Sie verstehen erst langsam was passiert ist: ein Unfall, weil sich zwei Raser ein Wettrennen geliefert haben, bei dem der Vater zufällig im Weg stand. Mit am Grab steht ein Onkel, einer mit hohem IQ, der „faktenreich“ und in jedem Detail das Ereignis beschreibt. Er kennt viele Zahlen dazu, auch über die Leistungsfähigkeit der Autos, was er jedem erzählt. Gefühle hat er dazu keine, bestenfalls für die Autos. Wir kennen solche Situationen. Uns allen ist sofort klar, dass der Onkel eigentlich nichts Wesentliches des Phänomens versteht und trotz seines IQs wie ein seltsamer „Fremder“ (Albert Camus) wirkt. Für ihn ergibt sich auch nichts daraus. Die Kinder hingegen und alle die ihre Sichtweise teilen können, sich also einfühlen, begreifen den Kern der Gestalt. Wer das tut empfindet auch einen Drang den Kindern sofort helfen zu wollen – durch Trost, Präsenz und mit dem was jetzt praktisch anliegt. Nun stellt sich die Frage: Wer versteht die Situation besser, wer kann die „Wahrheit“ des Phänomens adäquat erfassen?
Wollen Sie mit dem Beispiel sagen, dass Emotionen nicht nur Reaktionen auf Wirklichkeit sind, sondern auch eine Weise, sie zu erschließen?
Dass Gefühle von innen privat und persönlich wirken, führt immer noch häufig zu der Annahme, sie seien deswegen ungeeignet, uns etwas über die Wirklichkeit zu sagen. Das ist aber aus mehreren Gründen falsch. Sämtliche Erkenntnisse, die im Subjekt und durch das Subjekt entstehen, sind in diesem Sinne subjektiv, da sie nur von uns gedacht, gesehen oder anderweitig erfasst werden können. Inwieweit diese Erkenntnisse etwas über unsere geteilte Wirklichkeit aussagen und uns helfen, diese zu verstehen, also durch Begründungen Geltung erlangen können und damit Anforderungen von Wahrheitskriterien erfüllen, müssen wir jeweils erst zeigen. Das gilt für Emotionen genauso wie für unser Denken oder Sehen oder andere Erkenntnisquellen. Ohne unser Sehen, Denken, Hören und eben auch unsere Gefühle fehlen uns wesentliche Bestandteile für unseren Wirklichkeitszugang, die wir benötigen, um etwas adäquat verstehen zu können. Zudem stellt sich die Frage der Qualität. Denn es gibt reichlich unsinniges Denken, Täuschungen der Sinneswahrnehmung und völlig verwirrte Gefühle. Emotionen erfassen dabei genauso wenig vermeintlich Gegebenes wie die Sinneswahrnehmung oder das Denken. Hier herrscht oft noch das Bild von einem mehr oder weniger unmittelbaren Zugang zu einer objektiven, also subjektunabhängigen Realität vor, das wissenschaftstheoretisch als naiv gilt. Zudem interessieren wir uns auch nicht ausschließlich für Erkenntnisgegenstände, die wie Steine außerhalb von uns ohne uns existieren und, im naiv realistischen Verständnis, als solche untersucht werden können. Vielmehr interessiert uns unsere geteilte Wirklichkeit.
Und diese geteilte Wirklichkeit ist auch emotional mitgeprägt?
Diese geteilte Wirklichkeit ist zu einem gewissen Teil auch ein Produkt unseres Denkens, Wahrnehmens und anderer Weisen, die Welt zu erfahren. Auch Emotionen erzeugen diese Wirklichkeit mit – die Welt des Unglücklichen ist eine grundlegend andere als die des Glücklichen, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagt. Mit allen Konsequenzen. Welche Wirklichkeiten affektiv wahrgenommen werden, ist dabei nicht rein privat und persönlich, sondern immer mitbestimmt durch über die Zeit in einer bestimmten Kultur erworbene Gefühlsrepertoires, durch situative Faktoren, durch sozioökonomische Herkunft, durch Geschlecht, durch die strukturelle Position, die jemand in einer Gesellschaft einnimmt, sowie durch weitere gesellschaftliche und biografische Prägungen. Die Konsequenzen einer Gesellschaft, die – kollektiv wie individuell – emotionale Wahrnehmung systematisch untergräbt, werden in der Klimakrise besonders deutlich. Das erschreckende Ausmaß der ökologischen Zerstörung trifft uns ebenso wenig ins Mark wie der Wert biologischer Vielfalt oder gelebter Demokratie. Dieses „Ungefühlte“ hat weitreichende Folgen für unser Denken und Handeln. Entscheidungen entstehen immer auf dem Boden von Denken und Fühlen – oder deren Abwesenheit.
Häufig werden Emotionen als Gegenstück zur Rationalität verstanden – als etwas, das Urteile eher verzerrt als erhellt. Ist diese Gegenüberstellung aus philosophischer Sicht zu einfach?
Sie ist nicht zu einfach, sondern falsch. Wenn wir eine Handlung, eine Überzeugung oder eine Emotion als rational bezeichnen, legen wir damit ein normatives Kriterium an, das selbst begründungspflichtig ist. Rationalität ist kein objektiver Maßstab, den man einfach abliest, sondern das Ergebnis einer Praxis des Begründens. Rationalität meint die Fähigkeit, Begründungen zu entwickeln, ihnen zu folgen und sie zu hinterfragen. Rational ist also, was sich als wohlbegründet erweisen lässt – und das betrifft Überzeugungen und Wahrnehmungen ebenso wie Emotionen. Keine davon ist von vornherein privilegiert, alle müssen sich gleichermaßen rechtfertigen.