KU-Studierende erkunden christliche Traditionen auf dem Balkan
Eine antike Handelsstraße als roter Faden durch die Geschichte des östlichen Christentums: Auf einer Exkursion durch sechs Balkanländer haben Studierende der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt christliche Traditionen Südosteuropas erkundet.
Rund 20 Studierende reisten im September unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Kremer, Inhaber des Lehrstuhls für Theologie des Christlichen Ostens, im Rahmen der einer Studienreise durch Nordmazedonien, den Kosovo, Montenegro, Albanien und Nordgriechenland. Überschrieben war die Exkursion mit dem Titel: „Zwischen Ost- und West-Rom – byzantinisches Christentum entlang der Via Egnatia“. Die Route orientierte sich an der antiken Via Egnatia, die einst die Adriaküste mit Thessaloniki und den östlichen Provinzen des Römischen Reiches verband.
„Die Via Egnatia ist weit mehr als eine antike Straße. Sie steht für Verbindungen – zwischen Regionen, Sprachen, Kirchen und Kulturen“, erklärt Professor Thomas Kremer. „Entlang dieser Route lässt sich exemplarisch nachvollziehen, wie sich das Christentum im östlichen Mittelmeerraum und auf dem Balkan entwickelt, ausdifferenziert und immer wieder neu verortet hat.“ Im Mittelpunkt der Exkursion standen die byzantinische Tradition des Christentums, ihre Ausbreitung in die slawische Welt sowie ihre vielfältigen Begegnungen mit dem lateinischen Christentum. Auf einer Strecke von insgesamt fast 5500 Kilometern besuchte die Gruppe zentrale Orte der Kirchen-, Kultur- und Kunstgeschichte des Balkans.
Bereits zu Beginn der Reise in Skopje wurde deutlich, wie stark historische Deutungen bis in die Gegenwart hineinwirken. In der nordmazedonischen Hauptstadt trafen osmanisches Erbe, sozialistische Architektur und neue nationale Inszenierungen im Stadtbild unmittelbar aufeinander. Im Kosovo standen anschließend bedeutende Klöster wie Gračanica, Visoki Dečani und das Patriarchat von Peć im Fokus. Sie veranschaulichen die enge Verbindung von Religion, Herrschaft und Identität im mittelalterlichen serbischen Reich und verweisen zugleich auf bis heute fortwirkende politische Spannungen in der Region. Diese Erfahrungen prägten auch die Wahrnehmung der Teilnehmenden. „Es war beeindruckend, in Prizren nicht nur die Stadt in ihrer Architektur und Kultur wahrzunehmen, sondern auch die sichtbare politische Spannung zu erfahren“, sagt Studentin Johanna Schmid.
Weitere Stationen führten nach Montenegro und Albanien. In Kotor wurde die historische Nachbarschaft orthodoxer und katholischer Traditionen sichtbar, während in Stari Bar bei einer Begegnung mit Vertretern der montenegrinisch-orthodoxen Kirche aktuelle Fragen kirchlicher Eigenständigkeit und nationaler Identität zur Sprache kamen. In Tirana informierte Bischof Ignat die Gruppe über die Entwicklung der orthodoxen Kirche in Albanien, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung während der kommunistischen Herrschaft seit den 1990er Jahren wieder aufgebaut wurde.
„Für die Studierenden war besonders wichtig, die historischen und theologischen Zusammenhänge unmittelbar an den Orten selbst zu erschließen“, betont Kremer. „Viele Verflechtungen werden erst dann wirklich greifbar, wenn man Architektur, Liturgie, Bildprogramme und politische Kontexte gemeinsam in den Blick nimmt.“ Ein Schwerpunkt der Exkursion lag auf Ohrid in Nordmazedonien, einem der wichtigsten Zentren der slawischen Kirchen- und Schriftkultur. Dort besichtigten die Studierenden unter anderem die Sophienkirche, die Peribleptos-Kirche und den Plaošnik mit der Kirche des heiligen Kliment. Auch das Kloster Sveti Naum am Ohridsee gehörte zum Programm.
Die letzten Tage der Reise führten nach Nordgriechenland und damit zu den frühen Spuren des Christentums in Europa. In Thessaloniki besuchte die Gruppe bedeutende frühchristliche und byzantinische Kirchen wie die Demetriosbasilika, die Acheiropoietos-Basilika und die Rotunde, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. In Philippi, wo der Apostel Paulus eine der frühesten christlichen Gemeinden Europas gründete, lasen die Teilnehmenden den Bericht aus der Apostelgeschichte am Ort des Geschehens. Auch die Taufgedenkstätte der Lydia, die nach biblischer Überlieferung als erste Christin auf europäischem Boden gilt, war Teil des Programms.
Besonders eindrücklich war für viele die Verbindung von historischer Überlieferung und konkreter Ortserfahrung. „Wir konnten nicht nur über Philippi und Paulus hören, sondern tatsächlich an den Orten stehen, an denen sich diese Geschichte abgespielt hat“, sagt der Student Yurii Paliukh.
Den symbolischen Schlusspunkt setzte der Besuch eines erhaltenen Abschnitts der Via Egnatia bei Philippi. Damit schloss sich der Kreis einer Reise, auf der die antike Straße nicht nur geographischer Leitfaden, sondern auch historischer Deutungsrahmen war. „Solche Exkursionen verbinden wissenschaftliche Präzision, historische Anschauung und interkulturelle Begegnung“, resümiert Kremer. „Gerade für das Verständnis des Christlichen Ostens ist diese Form des gemeinsamen Lernens vor Ort von großem Wert.“
Ausführliche Berichte von der Exkursion finden sich auf den Webseiten des Lehrstuhls: