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Spiritualität als Hindernis und Chance: Soziale Arbeit mit Zwangsprostituierten aus Nigeria

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Menschenhandel wirkt wie ein Phänomen, das aus der Zeit gefallen scheint. Doch das Schicksal tausender Frauen aus Nigeria, die in Ländern der EU zur Prostitution gezwungen werden, führt modernen Sklavenhandel als Thema der Gegenwart vor Augen. Eine besondere Herausforderung für den Umgang mit nigerianischen Betroffenen stellt eine kulturell-spirituelle Tradition ihres Herkunftslandes dar, welche sie im wörtlichen Sinn im Bann hält. Geeignete Maßnahmen der Sozialarbeit für diese Frauen haben im Zentrum eines internationalen Projektes gestanden, an dem Simon Kolbe als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Sozialpädagogik der KU mitgewirkt hat. Gefördert von der Europäischen Union haben die Beteiligten des Projektes „Intersektioneller Ansatz zum Integrationsprozess in Europa für Betroffene des Menschenhandels“ (INTAP) nun ein Handbuch herausgegeben, das Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für ihre alltägliche Arbeit sensibilisieren und unterstützen soll.

Zwischen 2015 und 2016 wurden in der EU allein aus Nigeria über 2000 Opfer von Menschenhandel registriert, die Dunkelziffer ist deutlich höher. Die meisten von ihnen sind Frauen, die vor allem in Italien zu Prostitution gezwungen werden. Angetrieben von einem Wunsch nach einem besseren Leben haben sie zuvor in ihrer Heimat einen „Auswanderungspakt“ geschlossen. Mit diesem verpflichten sie sich dazu, eine Gebühr für die Überführung in die EU zurückzuzahlen. Die anfänglichen Kosten werden oft drastisch erhöht und belaufen sich auf einen Preis zwischen 40.000 Euro und 100.000 Euro. Diese Praxis stellt die Opfer in eine Art Schuldknechtschaft. Doch damit nicht genug: Ein spezielles Element des nigerianischen Sexhandels ist die Verwendung von sogenannten Juju-Ritualen als Teil traditioneller afrikanischer Religion. Sie werden als Mittel zur psychischen Versklavung genutzt. „Diese Form der Kontrolle ist für sowohl Strafverfolgungsbehörden als auch die Soziale Arbeit besonders schwierig zu handhaben, da dieser psychische Druck auf ungewohnten Überzeugungen und Praktiken beruht“, erklärt Simon Kolbe.

Das Konzept des Juju-Schwurs innerhalb des Menschenhandels, der besonders in der nigerianischen Region Edo praktiziert werde, existiere als Teil eines einheimischen Justizsystems. Dieses System beruhe auf dem Glauben, dass bestimmte Gottheiten die Macht hätten, zwischen zwei Parteien gerichtlich zu entscheiden. Dieses Justizsystem wird parallel zum offiziellen Justizsystem für Straf- und Zivilsachen genutzt. „Opfer, die sich aus der ausbeuterischen Situation der Zwangsprostitution befreit haben, brechen folglich den Schwur, weil sie ihre Schulden nicht vollständig zurückgezahlt und vielleicht sogar mit Sozialarbeiterinnen und der Polizei über die Vereinbarung gesprochen haben. Als Folge des Schwurbruchs haben viele Betroffene mit ständiger Angst zu kämpfen: vor Verfolgung durch Geister oder Menschenhändler, vor Verfluchung und dem Verrücktwerden. Dabei machen sie sich nicht nur Sorgen um sich selbst, sondern auch um ihre Kinder und ihre Familie in ihrem Heimatland, die gleichermaßen gefährdet sind“, so Kolbe.

Für die Sozialarbeit stelle diese religiös-kulturelle Hintergrund eine große Herausforderung dar. Denn wenn man ihn nicht ernst nehme, komme erst gar kein Vertrauensverhältnis zustande. Die Arbeit mit den Betroffenen gestaltet sich als ein langwieriger, oft mehrjähriger Prozess, in dem so genannte Vertrauenspersonen eine zentrale Rolle spielen. Dabei handelt es sich sowohl um Sozialarbeiterinnen und -arbeiter als auch Ehrenamtliche. Für die Projektbeteiligten war es sehr aufwändig, überhaupt Frauen dafür zu gewinnen, über ihre Lebenswege in wissenschaftlichen Interviews zu berichten. Gerade tiefsitzende Angst und Misstrauen vor Menschen führe bei diesen Klientinnen häufig dazu, dass sie Hilfe zunächst ablehnten und sich aus Beziehungen zurückzögen. „In unserer Arbeit müssen wir Zugänge schaffen. Wir können die Frauen, die mündig sind, nicht dazu zwingen, ihre Kultur abzulegen. Soziale Arbeit braucht den Auftrag der Klientinnen, ihnen zu helfen. Erst dann können wir mit ihnen zusammen einen Ausweg entwickeln – entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse“, betont Kolbe, der selbst langjährige Erfahrung aus der Asylberatung für die Caritas hat.

In den Gesprächen der Projektgruppe mit den Frauen aus Nigeria hat sich gezeigt, dass diese häufig parallel zu ihrer Prägung durch traditionelle afrikanische Religion auch christlichen Kirchen angehören. Eine solche quasi duale Form der Spiritualität biete häufig einen Ansatzpunkt, um den Frauen Auswege aufzuzeigen. Dabei dürfe Sozialarbeit jedoch nicht mit Seelsorge gleichgesetzt werden, sondern müsse bei Bedarf entsprechend weiterzuvermitteln: „Wenn wir in der sozialen Arbeit eine Gruppe haben, die religiöse Bedürfnisse hat oder religiöse Strategien für die Bewältigung ihres Lebens benötigt, dann sind wir dazu verpflichtet, uns dem zu widmen und diese Perspektive ernst zu nehmen. Auch dies gehört zu professioneller Sozialarbeit.“ Gerade Einrichtungen mit säkularem Hintergrund müssten solche Bedürfnisse zumindest identifizieren und einordnen können, um die Klientinnen dann an geeignete Institutionen weiterverweisen zu können. Eine Unterstützung dafür liefert das kostenlos und online verfügbare Handbuch, das aus dem INTAP-Projekt hervorgegangen und nun veröffentlicht wurde. Der Lehrstuhl für Sozialpädagogik der KU (Prof. Dr. Dr. Janusz Surzykiewicz) hat hier als wissenschaftlicher Partner besondere Expertise unter anderem im Hinblick auf spirituelle Ressourcen sowie Coaching und Spiritualität eingebracht. Aus Sicht von Simon Kolbe haben „Flucht und Migration wieder Fragen von Religiosität und Spiritualität stärker ins Bewusstsein von Sozialer Arbeit gerückt. Die Bedürfnislage in der gesamten Gruppe von Geflüchteten ist einfach höher“. Die Projektgruppe plädiert deshalb auch dafür, dass mehr Integrationsprogramme geschaffen werden müssen, die solche spezifischen Bedürfnisse berücksichtigen, anstatt verschiedene Gruppen zusammenzufassen und davon auszugehen, dass sie auf dem Weg der Genesung die gleichen Angebote benötigten.

Weitere Informationen zum Projekt sowie die Handbücher für Praktikerinnen und Praktiker in deutscher und englischer Sprache finden sich unter www.intap-europe.eu.