Vom 1.-7.10.2026 realisierte Isabelle Stauffer einen Forschungsaufenthalt an zwei angesehenen Universitäten in Seoul, Korea, der Ewha Womens University und der Seoul National University. Dort setzte sie sich mit brennenden Problematiken der Gegenwartsliteratur auseinander: der Zunahme literarischer Übersetzungen durch KI und dem Umkartieren von Weltvorstellungen in postmigrantischer Literatur.
An der Ewha Womens University fand vom 1.-3. Oktober das Humboldt-Kolleg 2026 „Boundaries and Connections: Science and Responsibility in a Networked World” statt. Die Ewha Womens University wurde 1886 von der methodistischen Missionarin Mary Scranton gegründet und ist eine der größten Frauenuniversitäten der Welt.

Eingang der Ewha Womens University
Das Kolleg wurde von Prof. Dr. Yun-Young Choi von der Seoul National University in Kooperation mit der Ewha Womens University organisiert. Yun-Young Choi war Anfang 2025 Fellow am ZRKG. Das Kolleg wurde von der Alexander von Humboldt-Stiftung und dem Institut für Übersetzungsforschung der deutschen und koreanischen Literatur gefördert und umfasste mehrere Sektionen zu Wegen des Kulturaustausches, literarischer Übersetzung und Kulturtransfer sowie zu Verantwortung in einer vernetzten Welt. Isabelle Stauffer hielt eine Keynote Speech in der Sektion „Übersetzung als Kulturtransfer” zum Thema “Experimentelle Übersetzungstheorien und ihre Umsetzung als ‚Schutzwall‘ gegen die KI?”.
Isabelle Stauffer am Humboldt-Kolleg
In ihrem Vortrag stellte sie die translationswissenschaftliche Kritik an einer maschinell verarmten Übersetzungssprache und an einem data colonialism vor. Sie zeigte, dass experimentelle Übersetzungen literarischer Texte – wie Das Buch von der Macht. Wie man sie erringt und (nie) wieder loslässt (2025) von Ilija Trojanow – ihre Übersetzer:innen sichtbar machen, neues Wissen generieren, Machtkritik ausüben sowie das Dialogische und die ästhetische Gestaltung von Übersetzungen betonen. Durch diese Eigenschaften könnten sie eine Möglichkeit darstellen, sich dem Überhandnehmen maschinellen Übersetzens entgegenzustemmen. Experimentelle Übersetzung fungiert als eine kulturkritische Praxis, die die Grenzen und Problematiken algorithmischer Sprachproduktion offenlegt. Entsprechend fordern sowohl Schriftstellerverbände und Übersetzervereinigungen als auch die Translationswissen-schaft eine Ethik der digitalen Translation.

Traditionelle koreanische Musik
Im Rahmen des Kollegs wurde Donghwa Shin der 22. Übersetzerpreis zur deutschen und koreanischen Literatur für seine Übersetzung des Romans Nachts unter der steinernen Brücke (1953) des österreichisch-jüdischen Schriftstellers Leo Perutz verliehen. Danach fand ein Gala-Dinner mit traditioneller koreanischer Musik statt.
Am nächsten Tag folgte ein Stadtrundgang mit dem Besuch eines buddhistischen Tempels und dem Besuch der Starfield-Bibliothek, die die Publikationsreihe des Institutes für Übersetzungsforschung der deutschen und koreanischen Literatur der Stadtbevölkerung niedrigschwellig zugänglich macht.
Starfield Bibliothek, COEX-Centre
Am 6.10.2026 fanden an der Seoul National University zudem mehrere Gastvorträge zu Literatur und Kultur der Gegenwart statt. Ausgehend von einer aktuellen Reform der Weltkarte durch die UN mit dem Titel „Correct the map“ referierte Isabelle Stauffer zu „Remapping in deutschsprachiger postmigrantischer Gegenwartsliteratur“. Anhand Sharon Dodua Otoos Adas Raum (2021), Mithu Sanyals Anti-Christie (2024) und Anne Webers Bannmeilen (2025) zeigte sie, wie diese Romane koloniale und imperiale Hierarchien umkartieren.
Eingang der Seoul National University
Die drei Romane üben durch ihr Remapping Kritik am Eurozentrismus und den Verbrechen des Kolonialismus, betonen aber auch die Verbundenheit aller Menschen über Ländergrenzen hinweg. Somit sind sie Teil einer neu zu schreibenden globalen Literaturgeschichte. Beide Vortagsthemen verbindet eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus, die Forderung nach einem reflektierten Umgang mit kultureller Differenz und einer Berücksichtigung der Verflochtenheit von ästhetischen, politischen und religiösen Dimensionen von Medialität. Der Forschungsaufenthalt diente zudem der weiteren Stärkung dieser wichtigen internationalen Beziehung.