In der Mitte der fünfzig Tage: Mittpfingsten zwischen Osterfreude und Pfingsterwartung

von Yurii Paliukh

#Ostern #Pfingsten #Kirchenjahr

Das liturgische Jahr des Christlichen Ostens ist mehr als eine kalendarische Abfolge von Feiertagen. Es ordnet nicht nur die Zeit, sondern deutet sie. In seinem Rhythmus erinnert die Kirche nicht bloß an Vergangenes, sondern tritt selbst feiernd in die Heilsgeschichte ein. Den Mittelpunkt bildet Ostern: das Fest der Auferstehung Christi, der Sieg des Lebens über den Tod. Doch im liturgischen Gedächtnis der Kirche bleibt Ostern kein einzelner, in sich abgeschlossener Tag. Die Auferstehung eröffnet einen Raum von fünfzig Tagen, in dem die österliche Freude Schritt für Schritt ausgelegt, vertieft und auf Pfingsten hin geöffnet wird.

In der ersten Hälfte dieser Zeit stehen der auferstandene Christus, die Apostel, die myrrhentragenden Frauen und die ersten Zeugen des neuen Lebens im Vordergrund. Dann verschieben sich die Akzente. Die Sonntage des Gelähmten, der Samariterin und des Blindgeborenen führen neue Motive ein: heilendes Wasser, geistliche Erleuchtung, göttliches Licht. Die Osterzeit beginnt, auf Pfingsten hin durchsichtig zu werden.

Genau an dieser Schwelle steht in der byzantinische Tradition Mittpfingsten, griechisch Μεσοπεντηκοστή. Es wird am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern gefeiert und fällt damit auf den 25. Tag der fünfzigtägigen Festzeit. Schon seine Stellung ist sprechend: Mittpfingsten teilt die Osterzeit in zwei Hälften und verbindet zugleich, was nicht auseinanderfallen darf: die Freude über die Auferstehung und die Erwartung der Gabe des Heiligen Geistes. Obwohl es nicht zu den zwölf großen Festen des byzantinischen Kirchenjahres zählt, ist es ein Herrenfest und wird von sieben Tagen Nachfeier begleitet.

Die Entstehung des Festes lässt sich nur schrittweise greifen. Die ältesten Zeugnisse zur Liturgie Jerusalems im späten 4. Jahrhundert, besonders das Itinerarium der Egeria, kennen noch kein ausdrücklich eigenständiges Fest am 25. Tag. Egeria beschreibt vielmehr den durchgehend festlichen Charakter der gesamten fünfzig Tage: eine Zeit ohne Fasten, geprägt von Freude und österlichem Gebet. Die Mitte der Osterzeit ist hier also noch nicht als eigenes Fest hervorgetreten.

Der nächste Schritt in der liturgischen Entwicklung ist in alten Lektionaren festgehalten. Das Armenische Lektionar von Jerusalem nennt den späteren Festnamen noch nicht, zeigt aber bereits die liturgische Grundlage, aus der Mittpfingsten hervorgehen konnte: die fortlaufende Lesung des Johannesevangeliums. Im Georgischen Lektionar, das die liturgische Praxis Jerusalems zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert widerspiegelt, findet sich hingegen ein deutlicher Hinweis auf diesen Tag: „Dimidiato sanctorum dierum quadraginta“, also „in der Mitte der vierzig heiligen Tage“. Für diesen Tag ist eine Gebetsversammlung, die Synaxis in Sion, vorgesehen; dazu treten Lesungen aus der Apostelgeschichte, dem Ersten Petrusbrief und vor allem jene zentrale Evangelienstelle aus Joh 7,14–29, die später zum bleibenden Kern des byzantinischen Festes werden sollte.

Seine volle liturgische Kontur und theologische Dichte gewann das Fest jedoch vor allem in Konstantinopel. Dort wurde Mittpfingsten nicht als bloße Zwischenstation im Osterkreis verstanden, sondern als eigener Deutungsmoment innerhalb der fünfzig Tage. Davon zeugt die patristische und pseudo-patristische Predigtüberlieferung, die mit Namen wie Petrus Chrysologus, Leontius von Konstantinopel, Severus von Antiochia, Leontius von Neapolis, Pseudo-Johannes Chrysostomos und Pseudo-Amphilochios von Ikonium verbunden ist. Auch das kaiserliche „Zeremonienbuch“ („De Ceremoniis“) aus dem 10. Jahrhundert lässt erkennen, mit welcher Feierlichkeit dieser Tag begangen wurde.

Die theologische Grundlage des Festes bildet die zentrale Erzählung aus dem Johannesevangelium (Joh 7,14–30), in der Jesus „in der Mitte des Festes“ – damit ist das jüdische Laubhüttenfest (Sukkot) gemeint – den Tempel in Jerusalem betritt und lehrt. Die byzantinische Tradition übertrug diesen zeitlichen Mittelpunkt des jüdischen Festes auf die Mitte der christlichen Osterzeit und interpretierte ihn völlig neu. Die Zuhörer im Tempel wunderten sich über die Weisheit Jesu, obwohl er keine rabbinische Ausbildung genossen hatte. 

Mittpfingsten
Ikone "Mitte der Pfingstzeit" der Nowgoroder Schule aus Russland (15. Jh.) - Quelle: Baggley, John: Festical icons for the Christian year, New York 2000, Tafel 20.

Gerade dieses Staunen wird zum theologischen Schlüssel. Christus lehrt nicht, weil er Wissen erworben hätte. Er spricht nicht als Gelehrter unter Gelehrten, nicht als Ausleger, der eine fremde Autorität weitergibt. Er spricht aus der Einheit mit dem Vater. Seine Lehre ist nicht bloße Unterweisung, sondern Offenbarung. Er erklärt nicht nur das Gesetz, sondern erfüllt es. Darum wird Mittpfingsten zu einem Fest der göttlichen Weisheit Christi: Christus erscheint als Lehrer, aber mehr noch als derjenige, in dem die Weisheit Gottes selbst gegenwärtig ist.

Diese Überzeugung findet auch in der Ikonografie des Festes ihren Ausdruck. Christus wird häufig als junger Mann oder als zwölfjähriger Christus-Emmanuel im Tempel dargestellt, sitzend unter den Lehrern. Das ist kein historischer Irrtum und keine Verwechslung mit einer anderen Evangelienstelle. Es ist eine theologische Bildaussage. Die Weisheit Christi hängt nicht an Alter, Ausbildung oder menschlicher Erfahrung. Sie ist göttlich, alterslos, dem menschlichen Maß entzogen. Der junge Christus lehrt, weil er der ewige Logos ist.

Neben der Weisheit tritt ein zweites Leitmotiv hervor: das lebendige Wasser. Ostern verkündet die vollzogene Erlösung. Pfingsten erwartet die Gabe des Heiligen Geistes. Mittpfingsten steht dazwischen und öffnet diese Erwartung als Einladung. Im Tagesevangelium ruft Christus: „Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke!“ (Joh 7,37) Die Hymnen des Festes deuten dieses Wasser als wahre Lehre und als Gabe des Heiligen Geistes. Es reinigt von Sünden, schenkt Leben und weist über sich hinaus auf die kommende Vollendung.

Gerade darin liegt die geistliche Aktualität eines Festes, das heute kaum bekannt ist. Mittpfingsten erinnert daran, dass das Warten zwischen Ostern und Pfingsten kein leerer Zwischenraum ist. Es ist eine Zeit, in der die Freude der Auferstehung auf ihre Vollendung hin geöffnet wird. Wer wartet, steht nicht still. Er ist eingeladen, zur Quelle zu gehen, den eigenen Durst wahrzunehmen und sich von Christus, der göttlichen Weisheit, neu ausrichten zu lassen. Zwischen Ostern und Pfingsten liegt deshalb nicht bloß ein liturgisches Dazwischen, sondern ein geistlicher Weg: von der Erfahrung des Lebens hin zur Gabe des Geistes.