Mutter Gottes: meine Zuflucht und meine Stärke

Im Monat Mai widmet sich der Blogbeitrag aus der gemeinsamen Reihe "Ikone des Monats" der Platform Oosters Christendom und des Eastern Christian Studies Online Campus einer besonderen Mariendarstellung.

#IkonedesMonats #Spiritualität #Gottesmutter

Das ist der Titel der Ikone, die ich ausgewählt habe. Die Ikone wurde von Vater Aristidis Garinis von der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Queens, New York, gemalt und ist auf der Website der Griechisch-Orthodoxen Erzdiözese von Amerika zu finden.

Garinis
© Huffington Ecumenical Institute at HCHC Ikone "My Refuge, My Strength" von Aristidis Garinis - Quelle: https://www.goarch.org/-/an-icon-in-icon

In der Mitte steht die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, umgeben von Menschen mit verschiedenen Krankheiten und Behinderungen. Ganz links steht eine ältere Frau, die offenbar ein Kind im Rollstuhl schiebt. Neben ihr steht ein junger Mann, der anhand seines Stocks, seiner dunklen Brille und des Hundes, der vor ihm liegt, als sehbehindert oder blind zu erkennen ist. Zwischen ihm und der Gottesmutter steht ein weiteres Kind mit den Händen auf dem Rücken, wahrscheinlich ein Hinweis auf ADHS. Auf der anderen Seite der Gottesmutter steht ein Mann, der beinahe kniet und seine Hand an die Wange hält, vermutlich wegen starker Zahnschmerzen. Hinter ihm steht ein Mädchen mit einer Hörbehinderung, das Gebärdensprache zu verwenden scheint. Neben ihr findet sich ein Ehepaar mit zwei Kindern. Das Ehepaar scheint keine Behinderung zu haben, was bedeuten kann, dass es sich um unsichtbare Einschränkungen handelt oder dass sie die Betreuer der beiden Kinder sind. Eines der Kinder scheint eine Einschränkung aus dem Autismus-Spektrum zu haben, da es Gehörschutz und ein AAC-Gerät (für unterstützte Kommunikation) verwendet. Das andere Kind benutzt trotz seines jungen Alters einen Gehwagen. Vor ihnen allen liegt ein Mann in einem Bett, vollständig gelähmt oder einfach zu krank, um stehen zu können. In der linken oberen Ecke ist eine Hand in einer blauen Wolke zu sehen. Über der Hand stehen die Buchstaben „IC XC“; offenbar handelt es sich um die Hand des Sohnes Gottes, die auf seine Mutter weist.

Eine alternative Version des „Pokrov“

Obwohl die Ikone neu ist – dieses Thema existiert als solches nicht in der orthodoxen Ikonographie –, knüpft sie an die Tradition der Ikonen der Gottesmutter als Beschützerin von Menschen in Not an. Diese Ikonen stellen die Geschichte dar, die hinter dem orthodoxen Fest des Schutzes der Gottesmutter steht. Dieses Fest wird am 1. Oktober vor allem in den slawischen Kirchen (insbesondere in der russischen und ukrainischen Tradition, wo dieser Ikonentyp „Pokrov“ genannt wird) und am 28. Oktober in der griechischen Kirche gefeiert. Es entstand ursprünglich nach der Belagerung Konstantinopels durch „Barbaren“, im 10. Jahrhundert. Während dieser Belagerung sah der heilige Andreas, der „Narr in Christo“, ein örtlicher Asket, wie die Gottesmutter ihren Schleier abnahm und ihn über die Gläubigen ausbreitete, sie bedeckend (kirchenslawisch „pokroviti“) als Zeichen ihres Schutzes.

Gewöhnlich werden ikonographische Darstellungen dieses Ereignisses in drei Ebenen gezeigt: unten die Menschen, die beschützt werden, in der Mitte die Gottesmutter, umgeben von Engeln und Heiligen, und oben Christus selbst in einer Wolke. Die vorliegende Ikone bewahrt zwei dieser Ebenen. Die untere und mittlere Ebene zeigen die Gottesmutter inmitten der Menschen, die sie beschützt und stärkt: Menschen mit Behinderungen, Kranke und ihre Betreuer. Die obere Ebene zeigt die Hand Christi in einer Wolke, die auf die Jungfrau Maria weist.

Warum diese Ikone

Es gibt drei Gründe, warum ich diese Ikone ausgewählt habe. Zunächst zeigt sie den Wunsch der orthodoxen Kirchen, die Inklusion von Menschen mit Behinderungen innerhalb ihrer Gemeinschaften zu fördern. Die Ikone wurde im Auftrag von Vater John Chryssavgis, Erzdiakon des Ökumenischen Patriarchats, genau zu diesem Zweck geschaffen. Sie wurde anlässlich einer Konferenz mit dem Titel „Gathered as One Body: Disability, Accessibility, and Inclusion in the Orthodox Church“ (2025) verwendet, bei der es um die Inklusivität von Kirchengemeinden gehen sollte und bei der Kirchenleiter, Geistliche, Theologen und Interessenvertreter praktische und spirituelle Wege erforschten, um wirklich inklusive Gemeinden zu schaffen.

Des Weiteren behandelt die Ikone Behinderung auf ikonographische Weise. Die Zahl der Ikonen, die dieses Thema aufgreifen, ist recht begrenzt, und wenn dies geschieht, dann meist, um zu zeigen, dass eine Behinderung geheilt wurde. Diese Perspektive erschwert die Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen innerhalb einer Gemeinschaft. Zwar wünschen sich manche Menschen grundsätzlich Heilung, doch gibt es auch viele, die sich mit ihrer Behinderung eingerichtet haben und sogar wohlfühlen. Umgekehrt gibt es innerhalb der Glaubensgemeinschaft diejenigen, die meinen, eine Behinderung könne geheilt werden, wenn nur „intensiver“ gebetet werde. Diese Ikone zeigt Behinderung als Teil des Lebens, ohne das Versprechen einer wundersamen Heilung durch die Gottesmutter. Menschen mit Behinderungen werden einfach unter ihren Schutz gestellt, wie der Titel sagt: meine Zuflucht und meine Stärke.

Drittens spricht die Ikone Menschen mit Behinderungen auf eine Weise an, die ihnen das Gefühl gibt, gesehen zu werden. Wenn sie ihre eigene Behinderung oder die ihrer Angehörigen in einer Ikone wiedererkennen, können sie erfahren, dass ihr Leben von Gott bejaht wird und nichts ist, dessen man sich schämen müsste oder weswegen man ausgeschlossen werden sollte.

Ein Elternteil von Clementine, einem Mädchen aus dem Autismus-Spektrum, schrieb dazu: Als Clementine diese Ikone sah und ich sie nach den Menschen um die Theotokos herum fragte, sagte sie: „Alles Familie.“ Als ich auf ein Mädchen mit Gehörschutz und einem AAC-Gerät zeigte – Dinge, die zum Alltag meiner Tochter gehören –, legte sie ihre Hand auf die Brust und sagte: „Clementine.“ Ich muss zugeben, dass ich weinen musste. Diese Ikone zu verehren bedeutet für mich auch, meine Tochter und die ganze Familie Gottes zu verehren. Der heilige Basilius sagt, dass die Ehre, die dem Bild erwiesen wird, auf das Urbild übergeht; diese Ikone zu verehren verpflichtet mich als Vater, meine Tochter mit tiefer Ehrfurcht zu behandeln und zu erziehen, sie so zu sehen, wie sie wirklich ist: eine Ikone Jesu Christi. Obwohl ihre Existenz ikonisch ist, hätte ich nie erwartet, mein Kind auf diese Weise dargestellt zu sehen – und das ist eigentlich beschämend –, doch sie ist ein lebendiges Abbild Gottes.

Ein erneuertes Bewusstsein für Gemeinschaft

Auf spiritueller Ebene sehe ich diese Ikone als eine Fortsetzung der Ikone der Gottesmutter als Beschützerin Konstantinopels während der Belagerung durch die „Barbaren“. Auch hier geht es um Schutz. Menschen mit Behinderungen stehen oft unter dem Druck gesellschaftlicher Forderungen nach „Normalisierung“ und Produktivität. Sie werden nach einem Menschenbild beurteilt, das von der Kirche niemals akzeptiert wurde. Christliche Heilige haben im Laufe der Jahrhunderte deutlich gemacht, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist und so geliebt werden soll, wie er oder sie ist. Dennoch stehen die „Barbaren“ noch immer vor den Toren und verlangen nach Normalisierung und Effizienz. Die Gottesmutter, die oft ein Symbol der Kirche selbst ist, bietet Menschen mit Behinderungen Zuflucht und Stärke, damit sie dem täglichen gesellschaftlichen Druck standhalten können. Sie versichert ihnen, dass alles gut werden wird und dass sie lebendige Abbilder Gottes sind, würdig, geliebt und respektiert zu werden.

Dass die Ikone nur zwei Ebenen besitzt und sich die Gottesmutter mitten unter den Menschen mit Behinderungen befindet, weist auf einen weiteren, wichtigen spirituellen Aspekt. Sie unterstützt sie nicht von oben herab, sondern ist bei ihnen gegenwärtig und tritt bei ihrem Sohn für sie ein. Sie bittet nicht notwendigerweise um wundersame Heilung, sondern um inneren Frieden sowie um Liebe und Unterstützung durch die Menschen in ihrer Umgebung. Wie die Paraklesis („Anrufung“, ein Kanon der byzantinischen Tradition) zur Theotokos sagt:

Meine Seele ist bis zum Äußersten
von tiefer Verzweiflung erfüllt;
bringe Frieden, o Jungfrau, in die Stille
deines Sohnes und deines Gottes, o Unbefleckte.

Text: Dr. Petre Maican - Postdoctoral Researcher am Institute for Eastern Christian Studies, Radboud University (NL)