Das geplante Habilitationsprojekt (von Dr. Alexandra Tretakov) widmet sich der Frage, wie Tiere in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts zu Stimmen werden und welche narrativen, poetologischen und epistemologischen Konsequenzen damit verbunden sind. Im Horizont der Cultural and Literary Animal Studies und des sogenannten animal turn wird untersucht, wie literarische Verfahren auf die krisenhafte Transformation des Mensch-Natur-Verhältnisses reagieren und Tiere nicht länger als bloße Metaphern, Allegorien oder anthropologische Spiegelbilder, sondern als eigenständige Subjekte und ethische Instanzen inszenieren.
Die theoretische Grundlage bilden zentrale Positionen der gegenwärtigen (Tier-)Philosophie und Kulturtheorie. Jacques Derridas Dekonstruktion der abendländischen Unterscheidung zwischen animal und human verweist auf die Notwendigkeit, tierliche Alterität als irreduzibel und nicht in anthropozentrische Kategorien auflösbar zu begreifen. Donna Haraways Konzeption des companion species rückt die Relationalität von Mensch und Tier ins Zentrum und betont die Ko-Evolution von Wissens- und Lebensformen. Cary Wolfes posthumanist critique macht schließlich sichtbar, dass jede Rede von tierlichen Stimmen notwendigerweise stets auf menschliche Wahrnehmungs- und Darstellungsformen verweist. Vor diesem Hintergrund erscheint literarisches Sprechen über Tiere nicht als Überwindung, sondern als produktive Bearbeitung etablierter Differenz.
Die literaturwissenschaftliche Analyse setzt an den narrativen Strategien an, die es Autor:innen ermöglichen, Tiere in den Text einzuschreiben. Dabei geraten Verfahren wie Polyphonie (die Gleichzeitigkeit multipler Stimmen), Fokalisierung (insbesondere die Übernahme tierlicher Wahrnehmungsperspektiven), Gattungshybridisierung (z. B. zwischen naturwissenschaftlichem Bericht und poetischer Imagination) sowie Formen des fiktionalen Ethogramms (die textuelle Nachzeichnung von Verhaltensmustern) in den Blick. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Spannungsverhältnis zwischen anthropomorpher Zuschreibung und dem Versuch, eine ‚zoologisch-authentische‘ Stimme zu rekonstruieren. Komparatistisch angelegt, untersucht die Arbeit deutsch- und russischsprachige Texte, um kulturhistorisch divergente Kodierungen von Tierstimmen offenzulegen. In der russischen Literaturtradition etwa lässt sich eine lange Genealogie der sprechenden Tiere rekonstruieren, die von der Fabel bis in die Moderne reicht und spezifische anthropologische wie kosmologische Vorstellungen reflektiert. Im deutschsprachigen Kontext hingegen lassen sich insbesondere im 20. Jahrhundert Verfahren beobachten, die stärker von naturwissenschaftlicher Beobachtung, ökologischer Sensibilität und tierethischer Problematisierung geprägt sind.
Neben der analytischen Dimension verfolgt das Projekt eine didaktische Zielsetzung: Durch die Aufbereitung tierliterarischer Texte für den schulischen und universitären Unterricht soll das Nachdenken über tierliche Stimmen in Bildungsprozesse integriert werden. Kinder- und Jugendliteratur nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, da sie oftmals in paradigmatischer Weise Tierstimmen inszeniert und so frühe literarische wie ethische Lernprozesse prägt. Ziel ist die Entwicklung einer „ökologischen Lesekompetenz“, die ästhetisches Verstehen mit ethischer Reflexion verschränkt.