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Zwischen Ost- und Westrom: Auf den Spuren des Christentums entlang der Via Egnatia

Eine antike Handelsstraße als Wegweiser durch die Geschichte des östlichen Christentums: Auf einer Exkursion durch sechs Balkanländer erkundeten Studierende des Lehrstuhls für Theologie des Christlichen Ostens an der KU Eichstätt-Ingolstadt die christlichen Traditionen Südosteuropas.

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Ganz am Ende der 15-tägigen Reise führte ein steiniger Abstieg zu einem erhaltenen Abschnitt der Via Egnatia nahe der antiken Stadt Philippi. Fast zwei Wochen lang hatte die römische Fernstraße der Exkursion die Richtung gewiesen – nun standen die Reisenden tatsächlich auf ihrem Pflaster. Einst verband sie die Adriaküste mit Thessaloniki und den östlichen Provinzen des Römischen Reiches. Ihr Verlauf reichte bis nach Byzantion, dem späteren Konstantinopel, das zur Hauptstadt des Oströmischen Reiches werden sollte.

Vom 11. bis 25. September 2026 begaben sich rund 20 Theologiestudierende unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Kremer und seinen Mitarbeitern auf eine Exkursion unter dem Titel Zwischen Ost- und West-Rom – byzantinisches Christentum entlang der Via Egnatia. Die insgesamt fast 5.500 Kilometer lange Reise führte von Skopje über den Kosovo, Montenegro und Albanien an den Ohridsee und weiter nach Nordgriechenland. Im Mittelpunkt standen die byzantinische Tradition des Christentums, ihre Ausbreitung in die slawische Welt und die vielfältigen Begegnungen mit dem lateinischen Christentum.

Zwischen historischen Verflechtungen und nationalen Grenzen

Ihren Anfang nahm die Exkursion in Skopje, der Hauptstadt Nordmazedoniens. Bereits hier zeigte sich, wie unterschiedlich Geschichte erzählt und für die Gegenwart vereinnahmt wird. Der osmanische Basar und die Mustafa-Pascha-Moschee erinnerten an die jahrhundertelange osmanische Herrschaft, während die brutalistischen Betonbauten von der sozialistischen Vergangenheit Jugoslawiens zeugten. Einen auffälligen Kontrast dazu setzte das Stadtumbauprojekt „Skopje 2014“: Mit monumentalen Denkmälern und neoklassizistischen Fassaden sollte der Hauptstadt eine neue nationale Vergangenheit eingeschrieben werden.

Im Kosovo rückte das Erbe des mittelalterlichen serbischen Reiches in den Vordergrund; und damit eine Vergangenheit, die bis heute politische Spannungen hervorruft. Mit den Klöstern Gračanica, Visoki Dečani und Peć besuchte die Gruppe bedeutende Zeugnisse byzantinisch geprägter Sakralkunst. Ihre Fresken zeigen neben biblischen Szenen auch Herrscher der Nemanjiden-Dynastie, deren Machtanspruch durch die Einordnung in die christliche Heilsgeschichte religiös legitimiert wird. Das Patriarchat von Peć war über Jahrhunderte das Zentrum der serbisch-orthodoxen Kirche. Heute liegen diese Heiligtümer im mehrheitlich albanisch bewohnten Kosovo, wo serbische Enklaven fortbestehen und historische Ansprüche auf Land und religiöse Stätten weiterhin für Konflikte sorgen. 

In Montenegro führte die Reise über Bergketten und durch felsige Schluchten bis an die Adriaküste. Dabei trat der historische Gegensatz zwischen dem orthodox geprägten Hinterland und den Küstenstädten hervor, in denen die jahrhundertelange venezianische Herrschaft deutliche Spuren des westlichen Christentums hinterlassen hat. Besonders anschaulich wurde dies in Kotor: Hier liegen orthodoxe Kirchen und die katholische Kathedrale des hl. Tryphon nur wenige Gehminuten auseinander. Auf engstem Raum begegnen sich zwei kirchliche Traditionen, deren Geschichte in dieser Region seit Jahrhunderten miteinander verflochten ist.

Wie eng kirchliche Zugehörigkeit und nationale Identität miteinander verflochten sind, zeigte sich Stari Bar, wo die Gruppe Boris Bojović, dem Oberhaupt der montenegrinisch-orthodoxen Kirche begegneten. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der kirchlichen Eigenständigkeit Montenegros. Während die serbisch-orthodoxe Kirche Montenegro als Teil ihres kirchlichen Zuständigkeitsgebiets betrachtet, beruft sich die montenegrinisch-orthodoxe Kirche auf eine eigene historische Tradition. Der Konflikt hat zugleich eine politische Dimension: Insbesondere die montenegrinische Regierung fördert die Bestrebungen nach einer eigenständigen Nationalkirche, um den Einfluss Serbiens zurückzudrängen. Von den übrigen orthodoxen Kirchen wird die montenegrinisch-orthodoxe Kirche allerdings bis heute nicht anerkannt.

Über Shkodra und Kruja führte die Reise weiter nach Tirana, wo die jüngere Geschichte der albanischen Orthodoxie in den Mittelpunkt rückte. Unter der kommunistischen Herrschaft war seit 1967 jede Religionsausübung verboten. Kirchen wurden geschlossen, zerstört oder zweckentfremdet. Erst mit dem Ende des Regimes konnte der Wiederaufbau kirchlichen Lebens beginnen. Von diesen Herausforderungen berichtete Bischof Ignat, der die Gruppe auch zum Grab des verstorbenen Erzbischofs Anastasios führte. Unter dessen Leitung hatte die orthodoxe Kirche Albaniens seit 1991 einen grundlegenden Neuanfang erfahren.

Ohrid – Wiege des slawischen Christentums

Einen besonderen Schwerpunkt der Exkursion bildete Ohrid, eines der bedeutenden frühen Zentren der slawischen Kirchen- und Schriftkultur. Hier führten Kliment und Naum, Schüler der Slawenmissionare Kyrill und Method, im ausgehenden 9. Jahrhundert deren Missions- und Bildungswerk im damaligen Bulgarischen Reich fort. Die in Ohrid gepflegte Schrift- und Bildungstradition strahlte weit über den südlichen Balkan hinaus und prägte die kirchliche und kulturelle Entwicklung der slawischen Welt bis in die Kiewer Rus.

Besichtigt wurden unter anderem die Sophienkirche und die Peribleptos-Kirche mit ihren ausdrucksstarken Freskenzyklen sowie die neue Kirche auf dem Plaošnik, in der die Reliquien des heiligen Kliment verehrt werden. Eine Bootsfahrt über den Ohridsee führte schließlich zum Kloster Sveti Naum und zum Grab des zweiten großen Heiligen der Ohrider Tradition.

Auf den Spuren des Apostels Paulus

Die letzten Tage der Exkursion führten nach Nordgriechenland und damit zu den Anfängen des Christentums in Europa. Nach einem Besuch der makedonischen Königsgräber von Vergina erreichte die Gruppe Thessaloniki. Mit der Demetriosbasilika, der Acheiropoietos-Basilika und der Rotunde besichtigte sie herausragende Zeugnisse frühchristlicher und byzantinischer Sakralarchitektur, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.

In Philippi, der letzten großen Station der Reise, hatte der Apostel Paulus eine der frühesten christlichen Gemeinden Europas gegründet. Zwischen den Ruinen frühchristlicher Basiliken las die Gruppe den entsprechenden Bericht aus der Apostelgeschichte. Anschließend besuchte sie die nahe gelegene Taufgedenkstätte der Lydia, die nach biblischer Überlieferung als erste Christin auf europäischem Boden gilt. 

Wenig später stand die Gruppe auf den antiken Steinen der Via Egnatia. Die Straße, die einst den Westen und Osten des Römischen Reiches verband und über die das Christentum durch den Apostel Paulus nach Europa gelangte, hatte den geographischen und historischen Rahmen der Exkursion gebildet. Entlang dieser alten Verkehrsachse war die Gruppe einer christlichen Geschichte begegnet, die weit über die Grenzen heutiger Nationalstaaten hinausreicht. Von Kavala aus trat sie schließlich die Rückreise nach Eichstätt an.

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Bericht: Philipp Endres; Bilder: Niko (Revaz) Chargazia / Martin John