Michael Ghattas, der auch Mitglied der Forschungsstelle Christlicher Orient der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist, beleuchtete die Spiritualität der ägyptischen Wüstenväter aus historischer, theologischer und anthropologischer Perspektive. Im Mittelpunkt standen dabei die ägyptische Wüste als Ursprungsraum des christlichen Mönchtums, zentrale Gestalten wie Antonius der Große sowie grundlegende spirituelle Konzepte wie Askese (ἀσκησις), geistlicher Kampf, Unterscheidung der Gedanken (διάκρισις), Wachsamkeit des Herzens (νῆψις) und das unablässige Gebet. Deutlich wurde, dass die Wüstenspiritualität nicht als randständiges Phänomen, sondern als prägende Ausdrucksform frühchristlicher Theologie und Anthropologie zu verstehen ist, deren Wirkung bis in die Gegenwart – insbesondere in der koptisch-orthodoxen Kirche – fortlebt. Der Vortrag stieß bei Studierenden und Gästen auf großes Interesse und bot zahlreiche Anknüpfungspunkte für weiterführende Diskussionen zur Bedeutung monastischer Spiritualität für heutige kirchliche und theologische Fragestellungen.
Während seines Besuchs in Eichstätt fand zudem ein intensiver Austausch mit dem Team des Lehrstuhls für Theologie des Christlichen Ostens statt, bei dem verschiedene Perspektiven für eine vertiefte zukünftige Zusammenarbeit erörtert wurden. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Planung eines gemeinsamen Drittmittelprojekts, das sich der wissenschaftlichen Erschließung und digitalen Katalogisierung der Handschriften der koptisch-orthodoxen Diözese von Mallawi widmen soll. Der umfangreiche Bestand von über 500 Manuskripten, der bereits im Rahmen eines früheren Projekts der Forschungsstelle Christlicher Orient vollständig digitalisiert wurde, stellt eine bislang nur in rudimentären Ansätzen ausgewertete Quelle von hohem kirchen-, liturgie- und theologiegeschichtlichem Wert dar. Ziel des geplanten Projekts ist es, diesen Schatz systematisch zu erschließen, kodikologisch und inhaltlich zu beschreiben sowie über digitale Forschungsinstrumente nachhaltig zugänglich zu machen.
Text: Joachim Braun