Wenn Alltagsgeräusche zur Qual werden: Hochschulambulanz bietet einzigartige Hilfe für Menschen mit Misophonie

Schmatzen, atmen oder das Tippen von Fingern sind Geräusche, die viele nicht einmal wahrnehmen. Bei Menschen mit Misophonie können sie jedoch intensive Gefühle wie Wut, Ekel oder Stress auslösen und den Alltag massiv einschränken. Obwohl schätzungsweise rund zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind, gibt es kaum professionelle Unterstützungsangebote. Die deutschlandweit zentrale Anlaufstelle für junge Betroffene ist die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche der KU. Unter Leitung von Prof. Dr. Elisa Pfeiffer verbindet sie eine spezialisierte Diagnostik und Therapie mit der weiteren Erforschung der Krankheit.

Misophonie bedeutet wörtlich „Hass auf Geräusche“. „Wer von Misophonie betroffen ist, reagiert auf menschliche Geräusche sowohl körperlich als auch emotional sehr stark“, erklärt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Dr. Elisa Pfeiffer. Typische Auslöser seien Schmatzen, Schlucken, Atmen oder andere Mundgeräusche, aber auch sich wiederholende Bewegungen wie Beinwackeln oder das Klatschen von Flip-Flops. Da solche Geräusche intensive Stressreaktionen hervorrufen, vermeiden viele Betroffene gemeinsame Mahlzeiten, öffentliche Verkehrsmittel oder andere Alltagssituationen, in denen sie solchen Reizen ausgesetzt sind. „Das führt dazu, dass Menschen mit Misophonie immer weniger an der Gesellschaft teilhaben. Besonders für Kinder und Jugendliche sind das gravierende Einschränkungen, weil beispielsweise auch der Schulbesuch belastend sein kann“, sagt Pfeiffer. Sie leitet an der KU nicht nur die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche, sondern auch den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Wichtig ist der Expertin die Abgrenzung der Misophonie von einer normalen Geräuschempfindlichkeit: „Viele Menschen sind genervt von Essgeräuschen, aber wer die Situation noch gut ertragen kann, leidet meist nicht an Misophonie.“ Zentral für die Symptomatik seien ein erheblicher Leidensdruck und deutliche Einschränkungen im Alltag.

Prof. Dr. Elisa Pfeiffer
Prof. Dr. Elisa Pfeiffer

Erst seit rund zwanzig Jahren wird Misophonie überhaupt erforscht. Bislang ist sie nicht offiziell als eigenständige Erkrankung klassifiziert – entsprechend gering ist selbst in Fachkreisen das Wissen darüber. Für Betroffene bedeutet das häufig einen langen Weg bis zu einer Diagnose oder gar einer Therapie. Diese gravierende Versorgungslücke füllt seit ihrer Gründung vor eineinhalb Jahren die  Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche der KU in Ingolstadt. Die Anfragen kommen inzwischen aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Österreich und der Schweiz.

Im Rahmen der Sprechstunde werden die individuellen Trigger-Geräusche erfasst, die Stärke der emotionalen Reaktionen eingeordnet und das Vorliegen möglicher Begleiterkrankungen abgeklärt. Grundlage ist ein Interview, das in den USA entwickelt und von Pfeiffer und ihrem Team für den deutschsprachigen Raum auf Kinder und Jugendliche angepasst wurde. Die Betroffenen und ihre Familien erhalten zudem eine ausführliche Beratung zum Krankheitsbild, zu Behandlungsansätzen und praktischen Strategien für den Alltag.

Seit Mai bietet die Hochschulambulanz sogar als erste Einrichtung im deutschsprachigen Raum eine evidenzbasierte Behandlung für Misophonie an. Grundlage ist ein in den Niederlanden entwickeltes Therapiekonzept, dessen Wirksamkeit in einer großen Studie wissenschaftlich geprüft und bestätigt wurde. Zunächst stehen in Ingolstadt fünf bis zehn Therapieplätze zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt im Rahmen einer wissenschaftlich begleiteten Fallstudie. Ziel ist es, die Wirksamkeit der Therapie für den deutschen Sprachraum zu überprüfen und gegebenenfalls weiterzuentwickeln. „Alles, was wir machen, ist wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert“, betont Prof. Dr. Elisa Pfeiffer. Die Kombination von Patientenversorgung, Forschung und Lehre sei der Wesenskern von Hochschulambulanzen: Psychotherapie-Studierende erhalten Einblicke in die therapeutische Praxis, wissenschaftliche Erkenntnisse werden in die Versorgung übertragen und zugleich fließen Erfahrungen aus der Behandlung direkt in die Forschung ein.

Wie notwendig ein solch spezialisiertes Angebot wie das der Hochschulambulanz der KU ist, macht eine kürzlich veröffentlichte Studie deutlich, an der Pfeiffer federführend beteiligt war. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen untersuchte sie erstmals Misophonie bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und Österreich, die sich bereits wegen einer psychischer Erkrankung in Behandlung befinden. Die Ergebnisse zeigen, dass Misophonie in dieser Gruppe deutlich häufiger vorkommt als bislang angenommen. Rund 90 Prozent der 214 Teilnehmenden berichteten von Trigger-Geräuschen. Fast ein Drittel zeigte Symptome, die auf eine klinisch relevante Misophonie hindeuten. Diese Personen waren zugleich signifikant stärker im Alltag eingeschränkt und betrachteten ihre Lebensqualität schlechter als die übrigen Teilnehmenden.

Für Pfeiffer unterstreichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit spezialisierter Diagnostik und Behandlung: „Als Praktiker im Feld Kinder- und Jugendpsychotherapie sollte man Misophonie unbedingt auf dem Schirm haben.“ Mit ihrer Arbeit möchte sie über das Störungsbild aufklären und die Ausbildung der Fachkräfte verbessern, denn sie beobachtet aktuell eine zweifache Problematik: „Einerseits wird der Misophonie-Begriff von manchen überstrapaziert, sobald man gewisse Geräusche nicht leiden kann – doch andererseits fehlt es für die wirklich Betroffenen immer noch an Ansprechpartnern und Unterstützung.“

Informationen für Betroffene

Wenn Sie sich für die Spezialsprechstunde Misophonie oder die Behandlungsstudie anmelden bzw. auf die Warteliste setzen lassen möchten, finden Sie die Kontakte auf der Webseite der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der KU

 

 

Text: Petra Hemmelmann

Mitarbeitende