Europa vor Ort: Staatskirchrechtliche Exkursion nach Straßburg und Karlsruhe

Wie verhalten sich Staat, Recht und Religion im heutigen Europa zueinander? Eine Exkursion unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Ihli führte Studierende und weitere Teilnehmende vom 22. bis 25. März 2026 nach Straßburg und Karlsruhe – an zentrale Orte europäischer Rechtsprechung, politischer Debatte und kirchlicher Praxis.

Vom 22. bis 25. März 2026 führte eine Exkursion unter staatskirchenrechtlichem Vorzeichen nach Straßburg und Karlsruhe. Sie stand unter dem Titel „Kirchen und Religionsgemeinschaften im vereinigten Europa“ und war bewusst überuniversitär sowie interdisziplinär angelegt. Neben der Eichstätter Gruppe nahmen auch Studierende aus Regensburg sowie weitere Teilnehmer aus unterschiedlichen institutionellen Zusammenhängen teil, darunter aus dem Offizialat Rottenburg sowie ein Teilnehmer der Freien Universität Berlin. So kam eine vielfältige Reisegruppe zusammen, in der Theologen ebenso vertreten waren wie Kirchenjuristen und Profanjuristen. Geleitet wurde die Exkursion von Apl.-Prof. Dr. Stefan Ihli; begleitet wurde sie außerdem von Prof. Dr. Yves Kingarter, Prof. Dr. Rafael Rieger sowie Prof. em. DDr. Andreas Weiß.

Die Eichstätter Teilgruppe reiste bereits am Sonntag an und nutzte den Auftakt, um Straßburg zunächst auf eigene Faust zu erkunden. Schon dies erwies sich als stimmiger Einstieg. Denn Straßburg ist nicht nur Sitz europäischer Institutionen, sondern selbst ein Ort, an dem sich politische, rechtliche und kulturelle Geschichte Europas in besonderer Weise verdichten. Grenzlage, Mehrsprachigkeit, konfessionelle Prägungen und europäische Institutionen machen die Stadt zu einem Raum, in dem sich die Themen der Exkursion gleichsam konkret vor Augen führen.

Das offizielle Programm begann am Montag mit einem Besuch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dort erhielt die Gruppe Einblicke in Aufgaben, Struktur und Arbeitsweise einer Institution, die für das rechtliche Selbstverständnis Europas von zentraler Bedeutung ist. Gerade an diesem Ort wird sichtbar, dass Grund- und Freiheitsrechte nicht nur abstrakte Normen bleiben, sondern im Spannungsfeld gesellschaftlicher Vielfalt, politischer Konflikte und kultureller Prägungen immer wieder neu ausgelegt werden müssen. 

Am Nachmittag ging es weiter zum Europarat. Neben einer Führung stand hier vor allem ein Fachvortrag durch einen Mitarbeiter im Generalsekretariat im Mittelpunkt, der das Verhältnis von Staat und Religion in Europa in den Blick nahm. Der Referent zeichnete ein bewusst weites historisches Panorama: Europa, so seine These, lasse sich nicht allein vom lateinischen Christentum her verstehen, sondern sei ebenso durch islamische und orthodoxe Traditionen geprägt. Die im Vortrag entwickelte Vorstellung eines pluralen Verhältnisses von Staat und Religion im Europa der Zukunft führte innerhalb der Gruppe zu intensiven und durchaus kontroversen Diskussionen.

Abgerundet wurde der erste Programmtag durch die Feier der Heiligen Messe in der Krypta des Straßburger Münsters sowie ein gemeinsames Abendessen, das Raum für weiteren Austausch bot.

Am Dienstag führte der Weg zunächst in das Europäische Parlament. Nach einer Führung bestand zudem Gelegenheit, das „Parlamentarium Simone Veil“ zu besuchen und die Arbeitsweise des Europäischen Parlaments noch einmal vertieft zu erschließen. Auch hier zeigte sich Europa nicht bloß als institutionelles Gefüge, sondern als politisches Projekt, das von Aushandlung, Kommunikation und öffentlicher Repräsentation lebt. 

Am Nachmittag rückte dann die kirchenrechtliche Praxis besonders deutlich in den Mittelpunkt. Im erzbischöflichen Offizialat Straßburg kam die Gruppe mit Offizial Alexander Leonhardt ins Gespräch. Eindrücklich wurde dabei die staatskirchenrechtliche Sondersituation des Elsass innerhalb Frankreichs: Trotz des allgemeinen Prinzips der Laizität bestehen hier aufgrund des fortgeltenden Konkordats bis heute spezifische Regelungen, etwa im Blick auf die Finanzierung der Kirche und die Präsenz theologischer Fakultäten an staatlichen Universitäten. So wurde vor Ort greifbar, dass das Verhältnis von Staat und Religion in Europa weit komplexer ist, als es schematische Typologien nahelegen: historisch gewachsen, rechtlich differenziert und politisch vielschichtig. Auch neuere Entwicklungen im kirchlichen Rechtssystem Frankreichs wurden thematisiert, darunter die Einrichtung eines zentralen kirchlichen Strafgerichts in Paris. 

Den Schlusspunkt des Straßburger Programms setzte ein Gespräch mit Prof. Dr. Francis Messner am Centre national de la recherche scientifique. Im Zentrum stand die Rolle des Islams in Frankreich, die aus rechtlicher Perspektive beleuchtet und in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingeordnet wurde. Gerade an diesem Thema bündelten sich viele der Fragen, die die Exkursion insgesamt bestimmten: Wie organisiert ein Staat religiöse Vielfalt? Wo verläuft die Grenze zwischen Neutralität und Regulierung? Und wie verändert religiöser Pluralismus die hergebrachten Modelle des Verhältnisses von Religion und Öffentlichkeit? In der Verbindung von religionsrechtlicher Analyse und gesellschaftspolitischem Horizont gewann das Exkursionsthema hier noch einmal zusätzliche Schärfe. 

Am Mittwoch führte der letzte Abschnitt der Exkursion nach Karlsruhe. Dort besuchte die Gruppe das Bundesverfassungsgericht und erhielt in Vortrag, Hausführung und Ausstellung Einblicke in Stellung, Organisation und Aufgaben des höchsten deutschen Gerichts. Dass die Reise in Karlsruhe endete, verlieh ihr noch einmal eine eigene Pointe: Nach den europäisch und international geprägten Stationen in Straßburg trat nun die nationale Verfassungsebene in den Vordergrund. So wurde erfahrbar, dass Fragen nach Religion, Recht und Staat in Europa nie nur auf einer Ebene verhandelt werden. Sie betreffen supranationale Institutionen ebenso wie nationale Gerichte, politische Gremien ebenso wie kirchliche Einrichtungen. 

Die Exkursion nach Straßburg und Karlsruhe machte damit in besonderer Weise sichtbar, wie eng Fragen von Religion, Recht und politischer Ordnung heute miteinander verflochten sind. Sie führte die Teilnehmenden nicht nur an zentrale Orte europäischer Gegenwart, sondern eröffnete ihnen auch die Möglichkeit, unterschiedliche Modelle, Spannungen und Entwicklungslinien direkt vor Ort zu reflektieren. Gerade in der Verbindung von fachlicher Vertiefung, institutioneller Anschauung und gemeinsamer Diskussion lag der besondere Ertrag dieser Tage. So erwies sich die Exkursion als weit mehr als eine Studienfahrt: als ein Lernraum, in dem Europa nicht nur Thema, sondern Erfahrung wurde.