Das Rot Albaniens

In der Reihe "Ikone des Monats" der Platform Oosters Christendom und des Eastern Christian Studies Online Campus stellt Annabell Kühnel einen der bedeutendsten albanischen Ikonenmaler vor.

#IkonedesMonats # Albanien #Rot

Höchste Konzentration ist gefragt. Die Mundwinkel fest verschlossen, die Augenbrauen zusammengezogen richtet der Schreiber seinen Blick auf das aufgeschlagene Buch. Es ruht auf seinem rechten Oberschenkel. Er schreibt in griechischen Majuskeln ἘΠΕΙΔΉΠΕΡ, epeidéper, „weil“, „schon“. Die Buchstaben folgen akkurat den vorgezeichneten, genau abgemessenen Linien. Doch unser Schreiber ist nicht allein. Bemerkt er, dass ein Mann hinter ihm steht, der ihm – weit nach vorne gebeugt – über die Schulter schaut? Der Bart dieses Mannes berührt ihn beinahe schon. Aber so wirklich richtet sich der Blick des Mannes nicht auf den frisch geschriebenen Text. Es ist vielmehr der Schreiber selbst, den er anblickt und dem er fast ins Ohr flüstern könnte.

Die Szene, die sich hier zuträgt, ist neben anderen auf einer Königstür, der Haupttür einer Ikonostase, abgebildet. Doch die Ikonostase selbst ist nicht mehr erhalten. Staunend und zunächst rätselnd stand ich vor dieser Heiligen Pforte im Nationalmuseum für Mittelalterliche Kunst in Korçë, Albanien. Ich hatte auf meiner Reise quer durch den Balkan schon viele besondere Kunstschätze gesehen, hatte die Fresken im Kloster Visoki Dečani im Kosovo bewundert, mich im Höhlenkloster Ostrog in Montenegro die engen Gänge entlang gewunden und gemeint, in Ohrid in Nordmazedonien mit der Peribleptoskirche dem künstlerischen Höhepunkt meiner Reise begegnet zu sein. Bei aller Schönheit dieser Orte berührte mich diese Darstellung im Museum in Korçë dann doch ganz eigentümlich. Woran lag das?

Es war nicht nur der Ausdruck der Personen, in deren Blick man sich verfangen konnte, und das Nachspüren jedes Pinselstriches, der die Gefühle der Personen einzufangen wusste. Es war auch die Farbgewalt des Bildes. Und das lag nicht nur am goldenen Hintergrund. Es war die Kraft und das Zusammenspiel aller Farben, die einem da entgegenleuchteten. Besonders ins Auge sticht einem ein knalliges Rot, wobei in wohlbedachter Nuancierung nicht die Personen des Bildes in diese auffälligen Farben gefasst wurden, sondern beinahe lapidare Gegenstände. Der Buchrücken ist rot gefasst, das Sitzkissen des Schreibers ebenso. Eine Karaffe voll roter Flüssigkeit steht unter der Schreibablage. Die Vorhänge im Hintergrund flattern einem in auffälligem Rot entgegen. Je länger man hinschaut, desto mehr einzelne Motive entdeckt man, die in diesem so besonderen Rotton gehalten sind.

Onufri
Onufri: Lukas und Paulus bei der Evangeliumsabfassung, Nationalmuseum für Mittelalterliche Kunst, Korçë, Albanien (Foto: Martin John)

Doch das Spiel der Farben geht weiter. Grüne und blaue Farbtöne, nicht so knallig, schmücken den Ikonostasenausschnitt. Das Gewand des Schreibers verliert sich in einer Mischung aus Blau und dunklerem Rot. Nicht nur jeder Faltenwurf kommt detailliert zur Geltung, das Neben- und Ineinander der Farben gibt dem Bild nochmals eine besondere Dynamik. Dann muss man zweimal hinblicken: Auf der linken Seite befindet sich ein Gebäude in rosa Farbe. Eine rosa Ikone sieht man nun auch nicht alle Tage.

Es ist mit ein wenig Kenntnis recht schnell zu entschlüsseln, wer auf diesem Ausschnitt einer Königstür dargestellt sein soll – dem Stier am unteren linken Bildrand sei Dank: Der Schreiber ist der Evangelist Lukas, der gerade bei den ersten Worten seines Evangeliums ansetzt: ἘΠΕΙΔΉΠΕΡ. Der Mann hinter ihm ist derjenige, den Lukas der Tradition nach auf seinen Reisen begleiten durfte. Es ist der Völkerapostel Paulus. Das Lukas-Paulus-Motiv ist neben anderen Darstellungen von Zweierpaaren auf der Königstür angeordnet: Markus und Petrus, Matthäus und der Engel, Johannes und sein Schüler Prochoros, die die Evangelien diktiert oder eingegeben bekommen und niederschreiben.

Aber auch der Künstler war mir nicht ganz fremd, obwohl ich zugeben muss, dass dies das erste Mal war, dass ich eines seiner Kunstwerke leibhaftig zu Gesicht bekam: Onufri. Über das Leben dieses großen Künstlers ist erstaunlich wenig bekannt. Er lebte im 16. Jahrhundert, stammte wahrscheinlich aus Berat oder Umgebung und wirkte als orthodoxer Geistlicher in der Region. Sein Schaffen als Ikonenschreiber und Freskenmaler erstreckte sich bis ins heute nordgriechische Kastoria. Onufri begründete eine eigene Malerschule in Berat, in der auch sein Sohn Nikolla mitwirkte. Sein Stil zeichnet sich durch einen Realismus und ein Spiel mit den menschlichen Gesichtszügen aus, wie es vorher bei kaum einem anderen der Fall war. Man nimmt an, dass Onufri eine Zeit lang in Italien studiert hatte und dort in Kontakt mit der Renaissancemalerei gekommen war, die er abgewandelt dann in seinen eigenen Werken aufgriff. Ein Aufenthalt in Venedig ist dabei gar nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die östliche Adriaküste unter venezianischem Einfluss stand.

Das Markanteste, mit dem man den Namen Onufri verbindet, ist allerdings seine Vorliebe für verschiedene Rottöne. Diese reichen von einem sanften Rosa bis zu einem intensiven Rot. Für seine Farben, über deren genaue Zusammensetzung man bis heute diskutiert, verwendete Onufri Materialien aus der Natur. Für manchen seiner Farbtöne nahm er das Geheimnis, wie man ihn erzeugt, mit ins Grab. Auf alle Fälle darf man auch in unseren Tagen über die Intensität seines Rottons, der nicht zu verblassen scheint, staunen. Woher rührt aber Onufris Vorliebe für die Farbe Rot?

Natürlich wird der roten Farbe in der Ikonenkunst eine besondere Bedeutung zugesprochen. Sie kann für die Herrschaft und Majestät Christi sprechen, Ausdruck für die göttliche Liebe sein, die sich in der Auferstehung Christi und dem Pfingstereignis offenbart, oder für das Blut Jesu und der Märtyrer stehen. Für Onufris Ikonen und Fresken scheint mir aber ein anderer Aspekt von größerer Relevanz zu sein: Die Verbindung zu seiner Heimat Albanien. Ob Onufri tatsächlich albanischer Abstammung war, ist nicht gesichert, aber er lebte und wirkte in Albanien.

Das Albanien Onufris stand fast vollständig unter osmanischer Kontrolle. Ein Jahrhundert vorher hatte der albanische Nationalheld Skanderbeg seine Heimat von der osmanischen Herrschaft befreien und ein geeintes Albanien in die Selbstbestimmung führen wollen. Sein zunächst erfolgreicher Widerstand scheiterte dann mit seinem Tod. Erhalten geblieben ist den Albanerinnen und Albanern ein gewisser Stolz auf ihr Volk und das Wappen der Kastrioti, des Adelsgeschlechts, aus dem Skanderbeg stammte. Es zeigt einen schwarzen Doppeladler auf rotem Grund und findet sich heute auf der Flagge Albaniens. Das Rot gewann für das albanische Volk eine herausgehobene Bedeutung. Es stand nun für den Mut und die Stärke im Kampf um Freiheit sowie für die aufopfernde Hingabe für die eigene Unabhängigkeit über die Jahrhunderte hinweg. Rot wurde zu der Farbe Albaniens – und Rot wurde zu dem Markenzeichen eines seiner berühmtesten Künstler und seiner Ikonenschule.

Das Rot Onufris ist ein Rot, das ins Auge springt und das diese Kunstwerke so einmalig macht, das einen magisch anzieht und nicht so schnell loslässt. Es ist diese Verbindung von Ausdrucksstärke in den Gesichtern, Kombination von Farben und dem Rot Albaniens in seinen Werken, die Onufris Kunst so einmalig machen. Bei seinen Betrachterinnen und Betrachtern aus In- und Ausland löst es bis heute Bewunderung und Staunen aus.

Text: Annabell Kühnel – wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theologie des Christlichen Ostens an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt