Auf zu neuen Gipfeln: Kreidenweis verabschiedet sich von der KU

In der Sozialen Arbeit, einem wissenschaftlichen Fachbereich, der der Digitalisierung skeptisch gegenübersteht, verfolgte der Professor für Sozialinformatik Helmut Kreidenweis seine Vision von einer Digitalisierungsstrategie für soziale Organisationen. Obwohl diese Vision nicht flächendeckend Raum greifen konnte, war seine Pionierarbeit an vielen Stellen erfolgreich. Mit seiner Abschiedsvorlesung verabschiedete er sich nach zwei Jahrzehnten von der Lehre an der KU.

Die Dekanin der Fakultät für Soziale Arbeit Prof. Dr. Inge Eberl dankte nicht nur einem wertgeschätzten Kollegen. Er habe seit 19 Jahren den IT-Report der KU verantwortet und die Eichstätter Fachtagung für Sozialinformatik organisiert, und sei zugleich auch ein Vorbild für Studierende und Kolleginnen und Kollegen gewesen, der seine Lebensaufgabe im Verbessern von Prozessen gefunden hatte.

Prof. Kreidenweis bei seinem Vortrag
Prof. Kreidenweis bei seinem Vortrag
Rückblick auf die Entwicklung der Sozialinformatik

Mit „Rückblick und Ausblick“ hatte Kreidenweis seine Abschiedsvorlesung überschrieben. „Ich war ein Grenzgänger zwischen Theorie und Praxis“, erklärte Kreidenweis zu Beginn seines Vortrags. Er sei von zwei Grundfragen angetrieben worden: „Was brauchen die Studierenden für ihre zukünftige Arbeit in der Praxis?“ und „Was muss für die Praxis geforscht werden?“ Mit dieser engen Verbindung zur Praxis sieht sich Kreideweis als Außenseiter in der Sozialen Arbeit, lobt aber zugleich das wissenschaftliche Umfeld an der KU, wo seine Forschung und Lehre einen fruchtbaren Boden gefunden habe. Auch nach vielen Jahren ist Kreidenweis immer noch davon überrascht, dass die Soziale Arbeit oftmals als „freischwebendes Gebilde“ Wissenschaft betreibe und sich nicht oder nur am Rande mit Organisationen beschäftige. Wer, wie er, den Austausch mit der Praxis, mit Organisationen oder gar der Software-Industrie suche, setze sich schnell dem Vorwurf der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit aus. Dem steht Kreidenweis mit seiner Arbeit entgegen. „Wissenschaft darf sich nie von industriellen Interessen leiten lassen, aber es ist seltsam weltfremd, dass sich Wissenschaft und Praxis von Unternehmen fernhalten sollen“, erklärte er. Wenn die Digitalisierung in der Praxis ohne Beteiligung der Wissenschaft stattfindet, bleibe die Fachsoftware nur ein Werkzeug und viel Potential der Digitalisierung ungenutzt. „Dabei formen Werkzeuge das Denken“, so Kreidenweis weiter. „Wenn man Digitalisierung konstruktiv denken will, geht dies nur in Zusammenarbeit mit den Organisationen – nur so entsteht echte Mitgestaltung.“

Führungskräfte der Zukunft müssten nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen führen. Für Kreidenweis folgt daraus, dass wissenschaftliche Reflexion und Umsetzungs- und Methodenwissen nur zusammen eine erfolgreiche Ausbildung von Fachkräften für die Soziale Arbeit ergeben. 

Trotz der Widerstände aus seiner eigenen Disziplin blickt Kreidenweis positiv auf die Wirkung seiner Arbeit zurück: Auf 20 Fachtagungen zur Sozialinformatik, auf seine Beteiligung am Digitalverband der Sozialwirtschaft Finsoz e.V., auf die Professionalisierung im IT-Management und der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft und Sozialen Arbeit, obwohl aus der Sozialinformatik keine echte Fachdisziplin geworden sei.

Wie sieht die Soziale Arbeit in 25 Jahren aus?

Während Kreidenweis auf seine Lehrtätigkeit und die Entwicklung der Sozialinformatik in den vergangenen beiden Jahrzehnten zurückblickte, übergab er im Anschluss das Wort an seinen Weggefährten Dietmar Wolff. Der Professor und Vizepräsident für Lehre und Weiterbildung der Hochschule Hof sowie ehrenamtliche Vorstand bei Finsoz e.V. wagte einen Blick in die Zukunft. Er hatte – im Wortsinn – eine kleine Glaskugel dabei. Doch statt in diese zu blicken, um die Zukunft der Sozialen Arbeit zu sehen, bemühte er die KI. „Wie sieht die Soziale Arbeit in 25 Jahren aus“, fragte Wolff die Künstliche Intelligenz und gab gleich drei mögliche Antworten wieder. Von der Dystopie einer KI als Fallmanager, für den der Faktor Mensch nach der Risikoprognose vor allem als zu teuer bewertet werde, während die Pflege auch als Datengeschäft und Gesundheitsdaten als Handelsware gesehen werden könnten. In dieser Version der Zukunft ist der Mensch ein von der KI gesteuerter Pflegeroboter. 

Dem stellte er eine Utopie gegenüber, in der die KI als Unterstützung genutzt wird. Immer da, wo Routinehandlungen, Dokumentation, Medikationspläne etc. von der KI übernommen werden können, wird die Arbeitskraft des Menschen frei für die zwischenmenschliche Kommunikation. 

Das dritte Zukunftsszenario hatte Wolff selbst mit „Realität“ überschrieben und kombinierte hier beide Möglichkeiten. Letztlich folgerte er, der Mensch sollte die KI als Werkzeug, nicht als Lösung nutzen. Entscheidend ist, wer die Entwicklung steuert: Mensch oder Roboter bzw. KI. Im Spannungsfeld zwischen Mensch und Effizienz muss der Mensch im Zentrum stehen. Mit dieser Haltung in der Lehre werden wichtige „Future Skills“ – Zukunftskompetenzen – vermittelt: „Wir bilden Technikkritiker mit Gestaltungskompetenz aus“, schloss er seinen Ausblick und damit auch den Kreis zu Kreidenweis‘ Lehre, der stets einen großen Praxisbezug in der Lehre verfolgt habe.

Kreidenweis will sich nun mehr seinem Hobby widmen: Dekanin Eberl wünschte dem passionierten Bergwanderer entsprechend viele neue Herausforderungen für die Zukunft: „Irgendeinen Paartausender wird es schon noch geben, den Du nun erklimmen möchtest.“

Text und Fotos: Melena Rennert3://page?uid=20656