Die 3. Tagung des Zentrums Religion, Kirche, Gesellschaft im Wandel (ZRKG) richtet den Blick auf Inhalte, Medialität, Diskursformate und Ressourcen öffentlicher Konflikte. „Im Mittelpunkt steht nicht nur die Frage, worüber gesellschaftlich gestritten wird, sondern auch, wie dieser Streit geführt wird“, sagt Mitorganisator Prof. Dr. Rico Behrens, Professor für Politische Bildung an der KU. Derzeit sei eine Vielzahl sich überlagernder Krisen zu konstatieren – Fragen sozialer Gerechtigkeit, die Folgen von Kriegen und geopolitischen Verschiebungen, eine zunehmende Militarisierung, Migration sowie die Klimakrise. Zudem werde auch die liberale Demokratie selbst als in der Krise erlebt. Behrens erläutert: „Demokratie ist dort gefährdet, wo offen nationalistisch-autoritäre Bewegungen an Zustimmung gewinnen und versuchen, den demokratischen Verfassungsstaat von innen heraus auszuhöhlen. Erschütterungen demokratischer Kultur setzen jedoch schon früher ein. Wenn Menschen einander nicht mehr als legitime politische Gegenüber anerkennen, wenn Desinformation und Herabsetzung demokratische Verständigung verdrängen.“ Zentrales Ziel der Tagung sei es deshalb, zu erörtern, wie gesellschaftliche Konflikte öffentlich fair ausgetragen werden können, und welche Haltungen, Werte, Bildungsansätze, kommunikative Strategien und kulturelle wie religiöse Deutungsangebote Dialog, Anerkennung und demokratische Resilienz ermöglichen.
Vorbereitet wird die Tagung von einem interdisziplinären Team aus Politikwissenschaft, Theologie und Kommunikationswissenschaft. „Um die Krisen zu analysieren und zu deuten, müssen ganz unterschiedliche Disziplinen und Zugänge miteinander ins Gespräch gebracht werden“, unterstreicht Mitorganisator Prof. Dr. Martin Kirschner, Inhaber des Lehrstuhls für Theologie in den Transformationsprozessen der Gegenwart an der KU. Gerade angesichts gesellschaftlicher Polarisierung brauche es Räume, in denen offene, auch kontroverse Debatten möglich seien. „Das ZRKG bildet dafür eine optimale Plattform, weil wir über Jahre den interdisziplinären Dialog praktiziert und eine Kultur der Zusammenarbeit entwickelt haben. So ist eine Vertrautheit gewachsen, die ehrliche Auseinandersetzung ermöglicht.“
Entscheidend sei zudem, Religion als Querschnittsthema zu verstehen, das in allen Bereichen wirksam ist – auch wo es scheinbar keine Rolle spiele. In Krisen und Konflikten seien religiöse Haltungen und Deutungsmuster allgegenwärtig, wenn beispielsweise Gewalt im Namen Gottes legitimiert wird, Menschen in „gut“ und „böse“ eingeteilt werden oder Landansprüche unterschwellig religiös legitimiert werden. Hier brauche es theologisch reflektierte Kritik, informierten Widerspruch und religionssensible Aufklärung. „Gleichzeitig bilden religiöse Überzeugungen, spirituelle Haltungen und theologische Reflexion zentrale Ressourcen, um konstruktiv mit Krisen umzugehen, um Polarisierung und Gewalt zu widerstehen, um Dialog und Lernbereitschaft zu ermöglichen und damit zur demokratischen Auseinandersetzung beizutragen“, sagt Martin Kirschner.
Auch Medien und Journalismus stehen im Fokus. Analog zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, den Jürgen Habermas Anfang der 1960er konstatierte, sieht Tagungsorganisatorin Prof. Dr. Liane Rothenberger heute ebenso einen von Medien herbeigeführten Wandel. Jedoch mit einem Unterschied: „Es sind nicht mehr die traditionellen Massenmedien, sondern vor allem die – nicht immer sehr – sozialen Medien, die zu einer Fragmentierung führen können“, erläutert die Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. „Die Konzerne hinter den großen Plattformen müssen mehr zur Verantwortung gezogen werden, damit die Diskursräume offen und auf Basis eines Mindestmaßes an Netiquette betrieben werden können.“ Gerade dort, wo Algorithmen Affekte verstärken und Empörung belohnen, stelle sich die Frage, wie demokratische Streitkultur geschützt und neu eingeübt werden könne.
Die Tagung führt Beiträge aus Sozial- und Kulturwissenschaften, Kommunikationswissenschaft, Philosophie, Theologie und der Literaturwissenschaft zusammen. Auf dem Programm stehen wissenschaftliche Vorträge und Diskussionen, Workshops und Postersessions. Besonderer Höhepunkt für die interessierte Öffentlichkeit ist die Lesung des Schriftstellers Ilija Trojanow aus seinem „Buch der Macht. Wie man sie erringt und (nie) wieder loslässt“ am Montag, 1. Juni, ab 18 Uhr, im ehemaligen Kapuzinerkloster, Raum KAP-209. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Wer über die öffentliche Lesung hinaus Panels und Vorträge besuchen möchte, sollte sich kurz via ZRKG-Conference(at)ku.de anmelden.