„Ein Verbot allein greift zu kurz“ - Journalistik-Professorin zur Social-Media-Nutzung von Jugendlichen

Sollte Kindern und Jugendlichen die Nutzung von TikTok, Snapchat, Instagram und Co. verboten werden? Seit Dezember dürfen unter 16-Jährige in Australien keine Social-Media-Konten mehr besitzen. Viele Länder diskutieren nun ein ähnliches Eingreifen der Politik, auch in Deutschland nimmt die Debatte derzeit Fahrt auf. Die SPD schlägt ein vollständiges Verbot für Kinder unter 14 Jahren vor und eine „Jugendversion“ der Plattformen für unter 16-Jährige. Die CDU sprach sich auf ihrem Parteitag in Stuttgart ebenfalls für ein Verbot für unter 14-Jährige aus. Wie ist die Forderung nach einem Social-Media-Verbot aus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten? Darüber spricht hier Prof. Dr. Annika Sehl, Inhaberin des Lehrstuhls für Journalistik mit dem Schwerpunkt Medienstrukturen und Gesellschaft an der KU.

Wie bewerten Sie aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht die Forderung nach einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige?

SEHL: Ob ein solches Verbot Kinder und Jugendliche tatsächlich besser schützt, ist umstritten. Zielführender scheinen altersabhängige Beschränkungen und Mindestanforderungen an die Angebote. Denn denkbar ist sonst sogar das Gegenteil: Wenn junge Nutzerinnen und Nutzer bis 16 Jahre einfach ausgeschlossen werden, könnte der Jugendschutz für Plattformunternehmen an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig ist die Frage, ob und wie ein solches Verbot wirksam durchgesetzt werden kann, offen. Bereits aus juristischer Sicht ist die Umsetzung anspruchsvoll. Vor allem in der Praxis stellt sich die Herausforderung, ein Verbot so auszugestalten, dass es nicht einfach umgangen werden kann. Zudem würde durch ein Verbot die digitale soziale Teilhabe junger Menschen eingeschränkt und sie könnten keine altersgerechte Nutzung erlernen.

Bei altersabhängigen Beschränkungen und Funktionsanforderungen an die Plattformen dagegen würde ein vollständiges Verbot nur bei einem niedrigeren Alter greifen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina schlägt ein Verbot von Social-Media-Accounts für Kinder unter 13 Jahre vor und eine gesetzlich vorgeschriebene elterliche Zustimmung für 13- bis 15-Jährige. Sie plädiert gleichzeitig für eine altersgerechte Gestaltung sozialer Netzwerke für 13- bis 17-Jährige. Das heißt, bestimmte Anforderungen müssten erfüllt sein. Unter anderem wird empfohlen, bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren keine Push-Benachrichtigungen anzubieten oder endloses Scrollen zu verhindern. Auf diese Weise sollen Kinder vollständig geschützt werden und bei Jugendlichen die Risiken gesenkt werden, während digitale soziale Teilhabe trotzdem ermöglich wird.

Auf einer übergeordneten Ebene stellt sich jedoch noch eine grundsätzlichere Frage: Wenn die Nutzung von Plattformen Risiken sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft mit sich bringt, sollte man dann junge Menschen ausschließen oder wäre es nicht zielführender, die digitale Umgebung insgesamt sicherer zu gestalten? Davon würden schließlich alle Nutzerinnen und Nutzer profitieren. Phänomene wie Desinformation oder Hassrede betreffen die Gesellschaft insgesamt. Hier setzt eine stärkere, allgemeinere Regulierung von Plattformunternehmen an. Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits auf europäischer Ebene.

Prof. Dr. Annika Sehl
Prof. Dr. Annika Sehl

Welche Auswirkungen hat intensive Social-Media-Nutzung auf die psychische Gesundheit junger Menschen?

SEHL: Die Forschungslage ist derzeit noch vergleichsweise begrenzt. Zahlreiche Studien zeigen jedoch Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und psychischen Belastungen bei jungen Menschen. Auch darauf weist das Diskussionspapier der Leopoldina hin, das die Forschungslage zusammenträgt. Insbesondere eine sehr intensive oder suchtähnliche Nutzung steht in Zusammenhang mit dem psychischen, emotionalen und sozialen Wohlbefinden. So werden unter anderem depressive Verstimmungen, Angstsymptome, Aufmerksamkeits- und Schlafprobleme beobachtet.

Aber es ist wichtig zu betonen, dass die bisherige Forschung oft eben nur Zusammenhänge beschreibt und keine Kausalitäten nachweist. Es besteht daher weiterer Forschungsbedarf. Nur auf einer soliden empirischen Grundlage lassen sich Wirkungen verlässlich beurteilen und Schutzmaßnahmen und Medienkompetenzangebote bewerten und gezielt weiterentwickeln.

Wäre ein Verbot aus Ihrer Sicht wirksam?

SEHL: Ein Verbot allein greift, wie schon angesprochen, aus meiner Sicht zu kurz. Entscheidend ist vielmehr, dass Kinder und Jugendliche einerseits durch altersabhängige Zugangsbeschränkungen und klare Vorgaben zur Ausgestaltung der Angebote geschützt werden, andererseits aber auch zu einem reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien befähigt werden und digitale soziale Teilhabe erfahren können. Dafür braucht es gezielte Medien- und Informationskompetenzprogramme, die früh ansetzen, idealerweise bereits im Kindergarten und spätestens verbindlich in der Schule. Dort sollte altersgerecht vermittelt werden, wie digitale Medien funktionieren, welche Risiken sie bergen und wie man sie bewusst nutzt. 

Ebenso wichtig ist die gezielte Stärkung pädagogischer Fachkräfte und Lehrkräfte. Sie müssen problematisches Nutzungsverhalten erkennen können und wissen, wie sie angemessen darauf reagieren. Ergänzend sollten auch Eltern stärker durch Informationsangebote unterstützt werden, die Orientierung für eine gesunde Mediennutzung im Familienalltag bieten.

Welche Rolle spielen Elternhaus und Schule bei der Regulierung von Social Media?

SEHL: Damit Kinder und Jugendliche zu selbstständigen und verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft heranwachsen können, braucht es klare Regeln. Diese entstehen nicht allein durch Regulierung seitens der Politik, sondern ebenso im Elternhaus und in der Schule. Aus medienpädagogischer Perspektive ist entscheidend, die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen im Blick zu behalten und Regeln im Dialog altersgerecht auszuhandeln und zu begründen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass junge Menschen diese Regeln nicht akzeptieren und gezielt umgehen. Das gilt insbesondere für soziale Medien, die für viele Jugendliche ein fester Bestandteil ihres Alltags sind. Auch die begleitende Nutzung durch Eltern ist hilfreich. Und selbst wenn Kinder oder Jugendliche Regeln unterlaufen und dabei negative Erfahrungen machen, ist es wichtig, dass sie sich weiterhin vertrauensvoll an ihre Eltern wenden können.

Gleichzeitig stellt Medienerziehung hohe Anforderungen an Eltern und kann sie teilweise überfordern, da das Thema digitale Medien komplex ist und sich auch ständig weiterentwickelt. Umso wichtiger ist es, auch Eltern durch niedrigschwellige Informations- und Unterstützungsangebote zu entlasten, damit Gespräche über Mediennutzung in der Familie gut gelingen.

Schulen wiederum haben die Aufgabe, Medienkompetenz systematisch zu vermitteln und junge Menschen auf einen reflektierten Umgang mit sozialen Medien vorzubereiten. Insgesamt zeigt sich: Es gibt nicht die eine verantwortliche Instanz. Wirksam ist nur das Zusammenspiel von Elternhaus, Schule und Plattformregulierung.