Wie bewerten Sie aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht die Forderung nach einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige?
SEHL: Ob ein solches Verbot Kinder und Jugendliche tatsächlich besser schützt, ist umstritten. Zielführender scheinen altersabhängige Beschränkungen und Mindestanforderungen an die Angebote. Denn denkbar ist sonst sogar das Gegenteil: Wenn junge Nutzerinnen und Nutzer bis 16 Jahre einfach ausgeschlossen werden, könnte der Jugendschutz für Plattformunternehmen an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig ist die Frage, ob und wie ein solches Verbot wirksam durchgesetzt werden kann, offen. Bereits aus juristischer Sicht ist die Umsetzung anspruchsvoll. Vor allem in der Praxis stellt sich die Herausforderung, ein Verbot so auszugestalten, dass es nicht einfach umgangen werden kann. Zudem würde durch ein Verbot die digitale soziale Teilhabe junger Menschen eingeschränkt und sie könnten keine altersgerechte Nutzung erlernen.
Bei altersabhängigen Beschränkungen und Funktionsanforderungen an die Plattformen dagegen würde ein vollständiges Verbot nur bei einem niedrigeren Alter greifen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina schlägt ein Verbot von Social-Media-Accounts für Kinder unter 13 Jahre vor und eine gesetzlich vorgeschriebene elterliche Zustimmung für 13- bis 15-Jährige. Sie plädiert gleichzeitig für eine altersgerechte Gestaltung sozialer Netzwerke für 13- bis 17-Jährige. Das heißt, bestimmte Anforderungen müssten erfüllt sein. Unter anderem wird empfohlen, bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren keine Push-Benachrichtigungen anzubieten oder endloses Scrollen zu verhindern. Auf diese Weise sollen Kinder vollständig geschützt werden und bei Jugendlichen die Risiken gesenkt werden, während digitale soziale Teilhabe trotzdem ermöglich wird.
Auf einer übergeordneten Ebene stellt sich jedoch noch eine grundsätzlichere Frage: Wenn die Nutzung von Plattformen Risiken sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft mit sich bringt, sollte man dann junge Menschen ausschließen oder wäre es nicht zielführender, die digitale Umgebung insgesamt sicherer zu gestalten? Davon würden schließlich alle Nutzerinnen und Nutzer profitieren. Phänomene wie Desinformation oder Hassrede betreffen die Gesellschaft insgesamt. Hier setzt eine stärkere, allgemeinere Regulierung von Plattformunternehmen an. Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits auf europäischer Ebene.