„Gedächtnis der Stadt“: Studierende der KU bewahren Eichstätts Stadtarchiv vor dem Staub der Geschichte
Sie kämpfen gegen jahrhundertealten Staub, entziffern alte Handschriften und halten angesichts spannender Funde immer wieder fasziniert inne: Seit dem Sommersemester 2025 begeben sich Studierende der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) auf Zeitreise. Im Stadtarchiv sind sie Teil des Gemeinschaftsprojekts der KU, der Stadt und des Landkreises Eichstätt. Ihr Ziel: die Konservierung und digitale Erschließung teils jahrhundertealter Bestände.
Marie Kondo auf akademische Art
Die ersten Regale des Stadtarchivs sind kaum wiederzuerkennen. Aus unübersichtlichen, grauen Aktenbergen sind akkurat sortierte Reihen geworden. Urkunden, Fotos und Schriftstücke wurden gereinigt, in Schutzhüllen und Schachteln aus hellgrauer Pappe verpackt und digital erfasst. Doch wer hier an den Trend des „Aufräumens“ à la Marie Kondo denkt, liegt falsch. „Was die Studierenden hier tun, ist wissenschaftliche Grundlagenarbeit“, betonen die Projektleiterinnen Dr. Teresa Neumeyer, Archivarin und Kreisarchivpflegerin, und Prof. Dr. Sabine Ullmann von der Professur für Frühe Neuzeit und Vergleichende Landesgeschichte der KU. Es gehe nicht um das Entsorgen, sondern um das Bewahren – um das Sichern historischer Quellen für die Forschung von morgen. Dazu gehört es vor allem auch, dass die Dokumente in Zukunft detaillierter und digital erfasst sind und damit auch besser durchsuchbar.
Schmutz, Schimmel und Sütterlin
Eines der Regale im Stadtarchiv im Zustand vor dem Projekt
Wenn das Eichstätter Rathaus am Freitagnachmittag schließt, beginnt die Arbeit der Projektgruppe. Sie brauchen den Platz im Eingangsbereich für ihre Arbeitstische, auf denen Laptops, Verpackungsmaterial und Reinigungsutensilien bereitliegen. In Dreierteams gehen die Geschichtsstudierenden an die Arbeit. Während Antonia Nemeth die Sütterlinschrift auf den Einbänden entziffert – eine Fähigkeit, die sie in einer Einführung vor einem Jahr erlernt haben –, tippt ihre Kommilitonin Martina Dirschl die Daten in das Archivierungsprogramm „Faust“ ein. Hier verzeichnet sie neben dem Titel der Akte auch besondere Inhalte wie Urkunden oder Fotografien, Familiennamen und Themen. Damit treten Informationen zutage, die teilweise über hundert Jahre zwischen den Aktendeckeln verborgen waren. Durch „Faust“ kann in Zukunft nach diesen Stichpunkten gesucht werden.
Ein Regal im Stadtarchiv nach der Konservierung der Studierenden
Sophia Wehle übernimmt an diesem Tag die Reinigungsarbeit: Sie entfernt Metallklammern, um Rostschäden zu verhindern, prüft auf Schimmelbefall und entfernt behutsam den Staub. „Aber eine schimmlige Akte hatte ich noch nie“, berichtet sie zufrieden. Die Gruppen wechseln sich in den Tätigkeiten ab, sodass alle Studierenden jede Arbeit kennenlernen.
Schon vor über 150 Jahren gab es erste Versuche die Aktenberge zu sortieren und zugänglich zu machen. Doch Joseph Brems (1773-1845), ehemaliger Leuchtenbergischer Hauptkassier, der im Auftrag des Eichstätter Magistrats ein erstes Verzeichnis der Urkunden im Archiv erstellen sollte, kam nicht weit, bevor er vor der Aufgabe kapitulierte. Auch die Studierenden von heute kennen die Mühen, die Staub und der Umfang des Unterfangens mit sich bringen. Doch im Gegensatz zu Brems haben sie moderne Technik und Teamgeist auf ihrer Seite. Insgesamt fünf bis sechs Semester werden sie an dem Projekt arbeiten. Jetzt – nach drei Semestern – ist bereits mehr als die Hälfte des Archivraums sortiert und neu verpackt. „Doch fertig wird man in einem Archiv nie“, erklärt Neumeyer. Sie sieht die Arbeit, die aktuell von den Studierenden geleistet wird, vielmehr als Basis für die zukünftige Archivarbeit.
Vom Verwaltungsschriftgut zur Lebensgeschichte
Die Studierenden des Projektes im Sommersemester 2026 - mit Prof. Ullmann und Dr. Neumeyer
Die Akten erzählen dabei weit mehr als nur trockene Verwaltungs- und Rechnungsgeschichte. Sie bieten Einblicke in die gesellschaftlichen Belange des 19. und 20. Jahrhunderts: von der Ausstellung von Eheerlaubnisscheinen über Gewerbekonzessionen bis hin zu Schicksalen von Auswanderern nach Amerika. Diese Quellen, die bisher im Kellergeschoss des Rathauses schlummerten und nur selten genutzt wurden, sollen durch das digitale Repertorium nun für die Forschung zugänglich gemacht werden. „Wir machen aus einer Aktenablage ein Archiv“, beschreibt Ullmann das Ziel des Projekts.
Die Konservierung und langfristige Sicherung sind auch wichtige Schritte hin zu einem Wissenschaftsstandort: „Für uns eröffnen sich dadurch neue Forschungsperspektiven. Das 19. Jahrhundert wird in der Geschichtswissenschaft häufig vernachlässigt. Hier finden wir eine dichte und geschlossene Überlieferung, die uns Einblicke in die Gesellschaft, die Sozial- und Kulturgeschichte sowie die Politik Eichstätts bietet,“ erklärt Ullmann die Bedeutung des gehobenen „Schatzes“. Ullmann sieht in dem Projekt einen großen Mehrwert für alle Beteiligten: Für das Archiv der Stadt ist es eine wertvolle Grundlagenarbeit, wodurch die Möglichkeit für die Arbeit eines Stadtarchivars geschaffen wird. Die Studierenden lernen in der Praxis ein mögliches Berufsfeld kennen und üben die Quellenarbeit. Die Universität ermöglicht vor Ort stadtgeschichtliche Forschung, die als Arbeitsfeld der Landesgeschichte bisher brach lag.
Text: Melena Renner Fotos: Melena Renner, Andreas Spreng