Vor sechs Jahren startete das Reformprojekt „Synodaler Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland. Dabei berieten Bischöfe, Vertreterinnen und Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und weitere Delegierte über die Zukunft kirchlichen Lebens. Bei der letzten Zusammenkunft der Synodalversammlung am vergangenen Wochenende in Stuttgart wurde Bilanz gezogen. Eine dort vorgestellte Studie der KU evaluierte die Erfahrungen der Teilnehmer des Synodalen Weges.
War der Synodale Weg ein Erfolg? Antworten auf diese Frage muss man auf mehreren Ebenen suchen. Im Fokus steht dabei zum einen, inwieweit durch den Synodalen Weg tatsächlich Veränderungen in der katholischen Kirche in Gang gesetzt wurden – und zum anderen, wie die Beteiligten das Projekt in der Rückschau bewerten. Rund 230 Mitglieder zählte die Synodalversammlung, die sich ab 2019 zu fünf Vollversammlungen traf. Ausgangspunkt war die jahrelange Kirchenkrise, die der Missbrauchsskandal verschärft hatte. Insbesondere über vier Themen wurde beim Synodalen Weg diskutiert: die Sexualmoral, die priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung in der Kirche sowie die Rolle von Frauen. Dazu verabschiedete die Synodalversammlung insgesamt 15 Papiere, die konkrete Handlungsaufforderungen enthalten, um Strukturen und Prozesse oder konkretes kirchliches Handeln zu verändern.
Umsetzen müssen die Beschlüsse allerdings die Bischöfe für ihr jeweiliges Bistum. Manche Forderungen in den Handlungstexten sind als Anfragen an den Vatikan formuliert, weil Veränderungen von der römischen Kurie genehmigt oder in Gang gesetzt werden müssten – das betrifft etwa den Wunsch, Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Die Zwischenbilanz fiel bei der sechsten und letzten Vollversammlung des Synodalen Wegs gemischt aus: Abfragen in den Bistümern zeigten, dass die meisten Beschlüsse – wenn überhaupt – erst in einem Teil der Diözesen umgesetzt worden sind. Schriftliche Anfragen an die römische Kurie blieben bisher unbeantwortet, wenngleich deutsche Bischöfe Gespräche im Vatikan führen. Hoffnungen werden darin gesetzt, dass der Reformprozess durch die geplante Einrichtung einer dauerhaften Synodalkonferenz voranschreitet.
Die zweite Ebene bei der Frage nach dem Erfolg des Synodalen Wegs betrifft die Erfahrungen mit diesem neuen Format, bei dem Bischöfe, Priester und Ordensleute sowie kirchliche Laien gemeinsam über Veränderungen in der Kirche diskutierten. Wie gut wurde Synodalität, also das „gemeinsame Unterwegssein“ und die „Mitverantwortung aller Getauften“ verwirklicht? Welchen Einfluss hatten strukturelle und organisatorische Faktoren auf das Gelingen des Synodalen Wegs? Und wie schätzen die Teilnehmer die Effekte ihrer Mitarbeit ein – auf sich selbst und auf Gesellschaft und Kirche? Diesen Fragen wurden im Rahmen einer Befragung nachgegangen. Der Synodale Weg beauftragte damit die Eichstätter Pastoraltheologin Prof. Dr. Katharina Karl. Die Ergebnisse der Evaluation stellte sie gemeinsam mit Projektmitarbeiter Markus Dumberger bei der Versammlung in Stuttgart vor. Ziel der Studie sei es gewesen, „Lernerfahrungen aus diesem konkreten Experiment zu generieren“, erklärte Katharina Karl. Defizite in der Durchführung des Synodalen Wegs seien dabei als Chance und Aufgabe zu verstehen, so die Forscherin.
Im Sommer 2025 waren alle Teilnehmer des Synodalen Weges – die Mitglieder der Synodalversammlung, der Synodalforen und auch Beobachter – zu einer Onlinebefragung eingeladen worden. 130 Personen nahmen teil, was einer Quote von knapp 50 Prozent entspricht. Dieser Rücklauf lasse eine aussagekräftige Auswertung und repräsentative Aussagen bezogen auf die gesamte Synodalversammlung zu, betonte Katharina Karl. Die Umfrage bestand aus 54 Fragen. Abgefragt wurde dabei nicht nur die Zufriedenheit mit den gefassten Beschlüssen und deren erwartete Auswirkungen. Auch zu den Abstimmungsmodalitäten, zur Beteiligung der Öffentlichkeit, zur Größe der Versammlung oder zum Zeitmanagement wurde die Meinung der Beteiligten abgefragt.
Die Ergebnisse der Befragung zeigen: Unterm Strich ziehen die Synodalen ein positives Fazit über den Prozess. Die Gesamtbewertung weist in der Studie hohe Werte auf. Jedoch zeigt sich in Detailfragen, dass es unter den Teilnehmenden unterschiedliche Erfahrungen gab. Während einige sie als positiv und wertvoll ansahen, empfanden andere sie als negativ und problematisch. Das wird auch durch die Tatsache gestützt, dass einzelne Mitglieder im Verlauf des Synodalen Wegs teils aus Unzufriedenheit ausstiegen – auch die „Aussteiger“ waren zur Teilnahme an der Befragung eingeladen worden.
Um die unterschiedlichen Haltungen innerhalb der Synodalversammlung besser abbilden zu können, entschieden sich Katharina Karl und Markus Dumberger dazu, die Teilnehmer der Befragung bei der Auswertung in drei Cluster einzuteilen, welche die verschiedene Verständnisse von Synodalität widerspiegeln. Rund zwei Drittel der Stichprobe ordneten sie dem Cluster der „Veränderungsorientieren“ zu. Jene Synodale zeichnen sich durch einen besonderen Willen zur Veränderung aus. Ihnen gingen die Beschlüsse des Synodalen Weges nicht weit genug. In ihrem Verständnis von Synodalität ist die Verschränkung von Beratung und Entscheidung zentral. Gut ein Fünftel der Befragten werden dem Cluster der „Pragmatischen Idealisten“ zugeordnet. Hier stehen für die Synodalen weniger die strukturellen Herausforderungen im Prozessverlauf im Fokus, sondern die erreichten Erfolge. Probleme werden weniger in strukturellen Fragen gesehen, sondern eher in der gegenseitigen Bereitschaft zum Miteinander und Dialog. Dieses Cluster sieht sich besonders in Übereinstimmung zum weltweiten synodalen Prozess und als Vermittler zwischen divergierenden Positionen – und daher auch bereit zu Kompromissen.
Mit rund zehn Prozent die kleinste Gruppe innerhalb der Stichprobe bilden die „Kritischen Bewahrer“, die sich in vielen Fragen stark von den anderen beiden Clustern unterscheiden. Jene Synodalen sind deutlich der Ansicht, dass die Beschlüsse des Synodalen Wegs zu weit gingen. Die Teilnehmenden empfanden die Erfahrungen mit dem Synodalen Weg wesentlich negativer, sie fühlten sich mitunter unter Druck gesetzt. Der Grundkonflikt besteht für diese Gruppe darin, dass sie ein hierarchisches Verständnis von Synodalität vertritt, das nach einer Beratung beim Synodalen Weg die letzte Entscheidung bei den Bischöfen beziehungsweise der römischen Kurie verortet. Kritisiert werden von den Befragten dieses Clusters auch eine intransparente Besetzung der Synodalforen und der Synodalversammlung.
Die Studie untersuchte auch die Effekte des Synodalen Wegs aus Sicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Einen geringen Beitrag sehen die Synodalen in der Behebung systemischer Ursachen sexualisierter Gewalt oder beim Wiedergewinnen verlorengegangenen Vertrauens in der Kirche. Jedoch leistete der Synodale Weg in ihrer Einschätzung einen großen Beitrag zur Enttabuisierung von Themen und zur Anerkennung diskriminierter Gruppen. Auch die Etablierung synodaler Strukturen in der Kirche und die Beteiligung von Laien an Entscheidungsprozessen in der Kirche über Beratungsgremien wurden in der Wahrnehmung der Befragten durch den Synodalen Weg gefördert, so das Ergebnis der Befragung.
Einige erhobene Faktoren auf der operativen Ebene des Synodalen Wegs könne man leicht verbessern, so Katharina Karl. „Die Frage nach dem Verständnis von Synodalität ist dagegen grundlegender und bedarf weiterer Aushandlungen: Heißt Synodalität beraten oder auch entscheiden?“ Auch die Frage, wie Dialog, der in der Erhebung als wesentlicher Gelingensfaktor für Synodalität identifiziert wurde, nicht nur postuliert, sondern auch praktisch umgesetzt werden kann, werde die Forscherin auch weiter beschäftigen.
Die vollständige Studie kann hier heruntergeladen werden. Außerdem gibt es eine Zusammenfassung hier.