Mehr als knapp: Die Machtspiele um Wasser in Iran

Wasser ist in Iran weit mehr als ein knappes Gut. Es ist ein Politikum, ein Machtinstrument und ein zentrales Element in der Geschichte des Nationalstaats. Hier setzt das Dissertationsprojekt von Leila Khodabakhsh an. Die Doktorandin an der Arbeitsgruppe Humangeographie der KU untersucht, wie Wasserpolitik und Machtverhältnisse in Iran miteinander verflochten sind.

Unter dem Titel „Liquid Realms. Navigating Water, Scale and Power in Iran“ verknüpft sie die Themen Wasserversorgung, Raumproduktion und politische Steuerung und zeigt auf, wie die zentralisiert gestaltete Politik des heutigen Iran das Leben jedes Einzelnen prägt. Den theoretischen Rahmen liefert die Politische Ökologie, die Umweltprobleme mit sozialen, ökonomischen und politischen Prozessen zusammendenkt. Ein Schlüsselkonzept der Arbeit ist „Scale“. „Scale ist nichts natürliches, sondern meint die soziale und politische Produktion räumlicher Einheiten“, erläutert Khodabakhsh. Es gehe ihr dabei nicht darum, die lokale Ebene per se besser darzustellen als die nationale Ebene. „Ich möchte zeigen, wie sowohl staatliche Zentralisierung als auch romantisierende Vorstellungen vom Lokalen dazu führen, komplexe Verflechtungen zwischen lokalen, regionalen und nationalen Ebenen zu verdecken.“ Dafür analysiert sie die Produktion dieser Scales und wie in den letzten 100 Jahren Strukturen geschaffen wurden, um den Zugriff auf Wasser – oft unter dem Deckmantel technischer Effizienz oder Modernisierung – zentral zu steuern. 

„Dass im Iran Wasserknappheit herrscht, ist wahr“, sagt Khodabakhsh. „Aber das war im Iran immer schon so. Man könnte die Wasserpolitik auch an die gegebenen Rahmenbedingungen anpassen.“ Der Klimawandel als Ursache sich verschärfender Wasserprobleme greife als Begründung deutlich zu kurz. Die Geographin unterstreicht: „Die Problematik liegt in der von finanziellen und politischen Interessen gesteuerten Verteilung und Verwaltung der Ressource Wasser.“ Die natürlichen Gegebenheiten in Iran seien nicht geeignet für die zentralisierte Besiedelung, die im Rahmen der nationalistischen Ausrichtung des Staates aber forciert wurde, um mehr Kontrolle zu haben. Flankiert werde die Machtproblematik von einer Korruptionsproblematik: „In Iran ist häufig von einer ,Wassermafia‘ die Rede – einem Netzwerk, das auf Zentralisierung setzt, weil es dadurch immer neue, lukrative Infrastrukturprojekte durchsetzen kann.“

Zagros-Gebirge in Iran
Das Zagros-Gebirge in Iran

Drei Episoden – eine politische Landschaft

Im Zentrum der Doktorarbeit stehen drei analytische Episoden, die zusammen kaleidoskopartig die wasserpolitische Landschaft in Iran darstellen. Die erste beschäftigt sich mit der Entstehung des modernen Nationalstaats und wie damit eine neue politische Geografie des Wassers geschaffen wurde. „Der Nationalstaat ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels innerer und äußerer Kräfte. Vorstellungen von Raum, Geschichte und ,Rasse‘ aus dem nationalsozialistischen Deutschland sind dabei von besonderer Bedeutung“, erläutert die Forscherin. „Das Staatsverständnis ist geprägt von einer maximalen Abgrenzung von ‚Anderen‘ und der weitgehenden Unterdrückung innerer Differenzen.“ 

Während Wasser zuvor auf regionaler Ebene verwaltet wurde, setzte der moderne Nationalstaat auf zentrale Kontrolle. Eine lineare Fortschrittserzählung von rückständigen Methoden hin zu hydraulischer Modernität unterstützte das selektive Vergessen der traditionellen Qanate. Dieses 2000 Jahre alte Versorgungssystem transportiert Wasser ohne Energie von Quellen im Gebirge durch abfallende Kanäle zu Siedlungen und Städten im Vorgebirgsland – bis zu 80 Kilometer weit. „Es gab Versuche, die lokal verankerte Infrastruktur der Qanate wiederzubeleben, die aber gescheitert sind“, erzählt Leila Khodabakhsh. Sie interessiere vor allem, warum solche historisch gewachsenen Infrastrukturen abgewertet werden, während andere, technologisch deutlich aufwändigere politisch aufgeladen und bevorzugt werden.

In der zweiten Episode zeigt Khodabakhsh anhand eines künstlichen Sees in der Hauptstadt Teheran, wie die nationalistische Ideologie genutzt wird, um Projekte zu legitimieren, die nur wenigen zugutekommen. „Die Regierung hat auf dem Höhepunkt der Wasserkrise 2010 den Chitgar-See neu angelegt, weil sie eine Hauptstadt im europäischen Stil wollten“, erklärt die Doktorandin. Wie sie in ihrer Arbeit aufzeigt, ist der Nationalstaat historisch eng mit der Sehnsucht nach europäischen Idealen verbunden – obwohl die Politik offiziell den Westen als Feind betrachtet. „Das ist nur das Schaufenster, an der Basis sind Sehnsüchte und Ideen am Werk, die es so auch während des Schah-Regimes gab.“

Mit der dritten Episode blickt Leila Khodabakhsh auf die Gegenwart, die hoffnungsvoll stimmt. Sie beleuchtet eine Bewegung im Zagros-Gebirge: Unterschiedliche ethnische und sprachliche Gruppen haben sich nach Jahrzehnten zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen Staudämme und Wasserumleitungen zum Nachteil der Region zu kämpfen. „Die Aktivistinnen und Aktivisten sind geeint über die Wasserfrage und können damit gestärkt auftreten für ihr Ziel: die Rückführung der Wasserverwaltung in regionale Hände.“

Leila Khodabakhsh
Leila Khodabakhsh

Eine bewegte Forscherin

Leila Khodabakhshs Forschungsinteresse wurzelt in ihrer Biografie. Geboren in Teheran studierte sie zunächst Architektur in Isfahan. Ein Kulturprojekt in Arkadan, einer Kleinstadt am Rande der Wüste, wurde für sie zum Schlüsselerlebnis: „Ich hatte mir ein kleines Paradies geschaffen, musste das Projekt aber aufgeben, weil aufgrund überregionaler Wassertransferprojekte plötzlich die Bodenpreise stark stiegen. Das hat mir gezeigt: Es gibt kein lokales Paradies in einem Land, in dem Grundsätzliches falsch läuft.“ Khodabakhsh ließ die Architektur hinter sich und studierte Regionalplanung in Teheran. 2019 kam sie als Doktorandin an die KU, Betreuer ihrer Arbeit ist Prof. Dr. Christian Steiner. Vier Jahre lang wurde sie von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert, zudem erhielt sie über das Stipendienprogramm für Nachwuchswissenschaftlerinnen der KU Unterstützung. Mittlerweile befindet sie sich mit ihrer Arbeit auf der Zielgeraden.

Dabei ist ihr Anspruch an die Dissertation nicht nur ein akademischer. Die Promovendin will ein differenziertes Bild des Iran vermitteln. „Auf keinen Fall ist Iran der Monolith, als der er mitunter dargestellt wird“, betont Leila Khodabakhsh. Die von ihr betrachteten Umwelt- und Ressourcenfragen zeigen vielmehr exemplarisch auf, wie komplex und widersprüchlich das Land tatsächlich ist. Die Forscherin prägte für dieses Phänomen den Begriff „Rigid Fluidity“: „Was von außen still und bewegungslos aussieht, ist von innen sehr bewegt und abwechslungsreich.“ Die Gesellschaft habe nie aufgehört, im Kleinen aktiv zu sein. Doch ohne eine Demokratisierung könnten diese Ansätze in der Breite nicht wirken. „Die Wasserfrage in Iran ist – ebenso wie die Frauenfrage, wirtschaftliche Fragen und viele andere – letztlich eine Frage von Demokratie und Menschenrechten“, betont die Geographin. Die aktuellen Entwicklungen in Iran stimmen sie daher zumindest vorsichtig hoffnungsvoll: „Tagsüber bin ich sehr optimistisch, aber nachts denke ich: Es wird nicht gehen. Es ist ein ständiges Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung.“