Philosophie ist auch Frauensache: Strukturelle Ungleichheiten sichtbar machen

Wer Philosophie studiert, befasst sich mit unterschiedlichsten Texten von der Antike bis in die Moderne, die jedoch eines gemein haben: Sie sind verfasst von Männern. Namen wie Hypatia von Alexandria, Olympe de Gouges oder Iris Murdoch tauchen im philosophischen Fächerkanon kaum auf. Aber warum ist das so? Worin gründet die männliche Dominanz in der Philosophie? Und wie können weibliche Stimmen gestärkt werden? Prof. Dr. Imke von Maur und ihre Mitarbeiterin Katharina Zöpfl vom Lehrstuhl für Philosophie wollen sich diesen Fragen künftig besonders widmen.

Imke von Maur und Katharina Zöpfl
Imke von Maur und Katharina Zöpfl

Auftakt dafür war ein Vortrags- und Diskussionsabend mit Dr. Katharina Naumann von der Universität Magdeburg unter dem Titel „Frauen* in der Philosophie. Ein Blick zurück nach vorn“ Ende November. Hier gaben Imke von Maur und Katharina Zöpfl unter anderem Einblick in ihre künftige Aufgabe als Botschafterinnen des Netzwerks „Society for Women* in Philosophy“ (SW*IP) an der KU. Naumann, die auch im SW*IP-Vorstand ist, stellte zudem den von ihr mit herausgegebenen Reclam-Band „Mit Philosophinnen denken“ vor. Das Buch zeigt anhand ausgewählter Texte von Frauen auf, wie sich philosophisches Denken vielfältiger gestalten lässt und bietet Materialien, die sich etwa im Ethikunterricht einsetzen lassen. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Gesprächsrunde mit von Maur, Zöpfl sowie der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der KU, Prof. Dr. Kathrin Schlemmer, in der es um strukturelle Ungleichheiten in der Wissenschaft und insbesondere der Philosophie ging. 

„Die Philosophie ist hinsichtlich der Frage der Sichtbarkeit von Frauen kein Einzelfall, aber ein gutes Beispiel“, sagt Katharina Zöpfl. „Es ist erschreckend, dass die meisten von uns so gut wie keine Philosophinnen kennen – dabei hat es sie in allen Epochen gegeben“, sagt Imke von Maur und zählt einige Beispiele auf: Hypatia in der Antike, Elisabeth von der Pfalz in der frühen Neuzeit, Simone de Beauvoir, Judith Butler, María Lugones oder Sally Haslanger in der Moderne. Häufig seien Philosophinnen in der Geschichte lediglich als Musen oder Gesprächspartnerinnen männlicher Philosophen dargestellt worden. Die beiden Eichstätter Philosophinnen haben sich zum Ziel gesetzt, für die stärkere Sichtbarkeit von Frauen in ihrer Domäne einzutreten, denn das sei gerade für Nachwuchswissenschaftlerinnen essenziell. „Ich hatte selbst vor zehn Jahren eine wegweisende Erfahrung, als ich auf einer Tagung zum ersten Mal bekannte Philosophinnen live erlebt habe“, erinnert sich Imke von Maur. „Da waren auf einmal Vorbilder, die für mich vorher nie greifbar waren.“

Entsprechend wichtig sei die Netzwerk-Arbeit der SW*IP. Seit 2012 setzt sich die „Society for Women* in Philosophy“ für Geschlechtergerechtigkeit in der akademischen Philosophie ein – mit Mentoringprogrammen, Veranstaltungen und umfassenden Informationen über Philosophinnen. Zöpfl und von Maur wollen diese Arbeit künftig als offizielle SW*IP-Botschafterinnen auch in Eichstätt verankern. Dabei geht es ihnen neben Sichtbarkeit und Vernetzung auch um eine Veränderung der Fachkultur. Beide berichten, dass Diskussionssituationen in der Philosophie mitunter von Konkurrenz geprägt seien und weniger von einem argumentativen Miteinander – eine Dynamik, die vor allem jene zurückhaltend werden lasse, die sich in solchen Räumen weniger repräsentiert fühlen, darunter häufig Studentinnen. „Ich glaube, das beginnt schon im Seminarraum“, sagt Zöpfl. „Manche Studentinnen zögern, das Wort zu ergreifen – oft, weil Diskussionen schnell als Wettbewerb gelesen werden.“ Imke von Maur ergänzt: „In der Philosophie spricht man häufig über tiefgreifende und gewichtige Überzeugungen, die fest in Weltbildern und Lebensweisen oder Identitätskonstruktionen verankert sind. Das macht Beiträge schwierig, weil sie als Angriff auf die eigene Person verstanden werden. Wer möchte in solche Konflikte einsteigen?“ Beide Wissenschaftlerinnen möchten daher Lehr- und Gesprächssituationen fördern, in denen Gedanken offen und auf Augenhöhe geteilt werden können. „Unser Anliegen ist es, in unserem Fach möglichst viel Chancengerechtigkeit zu ermöglichen“, betont Imke von Maur. 

Wie sehr eine solche Perspektive philosophische Theorien bereichert, zeigten vier junge Philosophinnen bereits während des Zweiten Weltkriegs auf. Das „Wartime Quartet“ mit Elizabeth Amscombe, Philippa Foot, Mary Midgley und Iris Murdoch argumentierte, dass die europäische Philosophie geprägt ist von Männern in einer sehr speziellen sozialen Situation. Tatsächlich waren viele der großen Philosophen Junggesellen, die aus dem Elfenbeinturm heraus und fernab der Lebenswirklichkeit über den Menschen und die Welt nachdachten. „Wenn die soziale Situiertheit der philosophierenden Personen anders, vielfältiger ist –  und das betrifft nicht nur Frauen, sondern alle unterrepräsentierten Gruppen –, dann sind auch die Gedanken in Inhalt und Form vielfältiger“, erläutert von Maur.

Die KU immerhin ist hinsichtlich der Vielfalt vergleichsweise gut aufgestellt. Mit einem Professorinnen-Anteil von 38 Prozent ist sie bayernweit Spitzenreiterin und liegt deutlich über dem bundesweiten Durchschnittswert von 28 Prozent. Das freut auch Imke von Maur, die gleichzeitig betont: „Es geht nicht darum, Frauen zu bevorzugen oder Quoten um ihrer selbst willen einzuführen. Es geht darum, strukturelle Ungleichheiten zu erkennen und auf deren Auflösung hinzuarbeiten.“ Genau das soll durch den Vortrag und die künftige SW*IP-Arbeit an der KU angestoßen werden.