Sprechende Tiere mit Moral: Digitale Neuedition des ersten gedruckten deutschsprachigen Buchs

Seite aus dem Erstdruck des „Edelsteins“ von 1461
© Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Eitelkeit, Stolz, Missgunst, Neid und Dummheit – es sind zeitlos menschliche Eigenschaften, die der antike griechische Autor Äsop in seinen Fabeln mit Tieren in der Hauptrolle thematisiert. Bis heute ist das Werk Äsops nicht nur im Schulunterricht ein Standard, auch Comic-Genres stellen zum Beispiel Tiere als Akteure mit menschlichen Charakterzügen dar. Eine zentrale Rolle für die Verbreitung äsopischer Fabeln speziell im deutschsprachigen Raum spielte die erste geschlossene Sammlung in mittelhochdeutscher Sprache des Berner Dominikaners Boner. Sie entstand um 1350 unter dem Titel „Der Edelstein“ – benannt nach der ersten Fabel des Bandes. Als ersten Schritt zu einer digitalen Neuedition dokumentiert das Projekt „Boners Edelstein – digital“ nun die gesamte umfangreiche Überlieferung der Sammlung in digitalen Faksimiles. Dafür kooperieren Prof. Dr. i. R. Gerd Dicke, Forschungsstelle für Geistliche Literatur des Mittelalters an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), und die Universitätsbibliothek Heidelberg. Die Forschungsstelle steuert die philologischen Grundlagen und das Konzept des Editionsvorhabens bei, die UB eine innovative digitale Datenmodellierung.

Noch gut hundert Jahre nach seiner Entstehung war Boners Sammlung offenbar so populär, dass der Bamberger Drucker Albrecht Pfister 1461 einen Druck auflegte, der nicht nur als das erste mit Typen gedruckte deutsche Buch gilt, sondern auch als das erste mit Holzschnitten ausgestattete überhaupt. „Heutzutage sind 36 Handschriften und zwei Wiegendrucke von Boners Werk bekannt. Aber zuletzt wurde der ,Edelstein‘ im Jahr 1844 auf dem damaligen Methodenstand sowie lediglich anhand von 17 Textzeugen ediert“, erklärt Professor Dicke. Erste Studien prominenter Literaten wie etwa Gotthold Ephraim Lessing seien in drei frühe Gesamtausgaben im 18. und 19. Jahrhundert gemündet, an denen die Germanistik als damals entstehendes Fach ihr editorisches und lexikographisches Rüstzeug ausgebildet habe. „Den Gründervätern des Faches wurde der ,Edelstein‘ zum Diskussions- und Erprobungsobjekt verschiedener editionsmethodischer Zugänge“, so Dicke.

Für die 1844 von Franz Pfeiffer herausgegebene Boner-Edition sei sich dieser sicher gewesen, dass von den damals bekannten 17 Textzeugen nur vier die ursprüngliche Fassung wiedergeben. Pfeiffer habe viel sogenanntes „Flickwerk“ ausgesondert und dem „Edelstein“ zu einem Schliff verholfen, der sich so in keinem Textzeugen wiederfinde. „Doch bis heute ist diese Edition seit beinahe 180 Jahren die Grundlage aller Textbefassung mit Boners Werk“, so Dicke.

Dies ist für Professor Dicke und die Projektbeteiligten Anlass genug, um die Erkenntnisse zum „Edelstein“ gebündelt auf den neuesten Stand zu bringen – sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der Form, in der sie präsentiert werden. Nicht in gedruckter Form, sondern über ein Online-Portal wird „Boners Edelstein – digital“ die seit 1844 mehr als verdoppelte Grundlage an Textzeugen zugänglich machen. Im Sinne von Open Access frei verfügbar versammelt die Plattform neben 19 schon vor Projektbeginn verlinkten Digitalisaten weitere 14 Digitalfaksimiles der übrigen noch verfügbaren Handschriften. Hinzu kommen neuzeitliche Abschriften und Teilabdrucke mittlerweile zerstörter oder verschollener Textzeugen. Das überlieferte Boner-Erbe umfasst etwa 2.400 Einzeltexte auf ca. 4.800 Seiten sowie knapp 1.350 Illustrationen. Es wird mittels des Heidelberger Digitalisierungsmanagementsystems DWork samt seiner Metadaten im einheitlichen Präsentationsmodus und mittels neu entwickelter digitaler Tools visualisiert. Dies ermöglicht Forschenden eine flexible synoptische Darstellung verschiedener Textfassungen mit einer Fülle an Zusatzinformationen. Dabei bietet das Portal nicht nur textlich eine Grundlage für weitere Untersuchungen. „Für kaum ein anderes mittelhochdeutsches Werk ist eine solche Fülle an Bildmaterial überliefert, das sich über das Portal kunsthistorisch komparatistisch erschließen lässt“, erklärt Professor Dicke.

Doch das eigentliche Ziel des Forschungsteams ist es nicht nur, eine virtuelle Bibliothek zu Boners Werk zur Verfügung zu stellen, sondern davon ausgehend eine digitale Neuausgabe des „Edelsteins“ zu erstellen. Dazu bemüht sich das Projekt derzeit um eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Diese Edition wird – ebenso wie das gesamte Portal – ebenfalls frei zugänglich sein.

Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter https://doi.org/10.11588/edition.bed.