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Wie viel Wahrheit steckt im Wein? Geographen untersuchen Qualität als globalen Prozess

Wein
© Colourbox

Wein wird mit vielen romantischen Assoziationen verknüpft – kleine Familienbetriebe in beschaulichen Landschaften, die aus langer Tradition renommierte Produkte hervorbringen. Doch parallel zu dieser Art der Herstellung hat sich in den letzten Jahrzehnten auch Wein als Agrarprodukt zu einer Ware entwickelt, die unter industriellen Bedingungen im großen Stil produziert wird. Welchen Weg Premium- und Massenwein auf einem internationalen Markt von der Rebe bis zur Flasche nehmen und wie ihnen dabei in einem komplexen Prozess Qualität zugeschrieben wird, untersucht der Lehrstuhl für Humangeographie der KU in einem dreijährigen Projekt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit rund 300.000 Euro fördert. Untersuchungsgebiete sind Deutschland, Neuseeland, Chile und Großbritannien als Export- und Importmärkte.

„Qualität ist bei einem Produkt wie Wein mehr als eine Eigenschaft, die objektiv messbar vorhanden ist. Im Gegenteil: Qualität entsteht erst in einem Prozess aus sozialen Beziehungen und Kontexten, der lokal, regional und global stattfindet“, erklärt Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Christian Steiner, der gemeinsam mit Dr. Gerhard Rainer bereits an Vorprojekte anknüpfen kann. Beispielhaft für eine Zuweisung von Qualität stehen etwa Weinrankings, in denen die Tropfen aus allen Regionen der Welt von Fachjournalisten durch Punktesysteme benotet werden. „Widersprüchlich dabei ist, dass sich renommierte Weingüter im Premiumbereich im Sinne von Qualität zwar voneinander abgrenzen wollen, andererseits aber auch vergleichbar bleiben möchten – etwa als Produkt aus einer bestimmten Region, die wiederum selbst für Qualität steht.“ In diesem hochpreisigen „Statusmarkt“ haben die Weingüter in der Regel selbst die Schritte einer Qualifizierung ihrer Produkte in der Hand – beispielsweise, indem sie ihre Tradition betonen oder direkte Beziehungen zu den Abnehmern pflegen.

Doch diese Logik von Qualität greift nicht bei Weinen, die für den Massenmarkt in großen Mengen produziert werden – etwa in Chile oder Neuseeland. Dabei sind es nicht mehr die Produzenten selbst, die die Qualifizierung ihres Weins lenken, sondern große Handelsketten. Diese bestimmen das Profil und den Geschmack, den ihre Kundschaft erwartet. Dabei verschiebe sich laut Steiner außerdem die Marktmacht von den Weinproduzenten hin zu den Großabnehmern, die Qualität und Menge vorgeben. Wie im Premiummarkt spiele jedoch auch im Standardsegment zumindest die nationale Herkunft des Weines eine Rolle. Discounter begegnen diesem Bedürfnis etwa, indem sie fiktive Weingüter auf der Flasche abbilden. Steiner berichtet: „Ein Gesprächspartner aus Neuseeland schilderte uns bei einem Vorprojekt amüsiert, dass Touristen aus den USA dort auf der Suche nach einem Weingut waren, das sich auf dem Etikett ihrer Discounter-Hausmarke fand.“

Technische Grundlage für diese Entwicklung ist sogenannter Tankwein. Dieser wird in Containern transportiert, die einen Kunststoffschlauch mit über 20.000 Liter enthalten. Diese Form der Logistik ermöglicht es Handelsketten, unterschiedliche Geschmacksrichtungen abzudecken, indem sie verschiedene Weine importieren, verschneiden und dann erst im eigenen Land abfüllen lassen. Allein im Jahr 2016 sind in Deutschland fast 70 Prozent aller Weine über Discounter und Supermärkte verkauft worden – davon über 43 Prozent als Eigenmarken. In keinem anderen Land der Welt wird mehr Tankwein umgesetzt. Jede dritte Flasche Wein, die in Deutschland verkauft wird, enthält dabei zwar ein internationales Ausgangsprodukt, wird aber von den deutschen Lebensmittelketten und mit ihnen kooperierenden Großkellereien kreiert, vermarktet und abgefüllt. Tankwein ist damit also eher ein Ausgangsprodukt für einen späteren Flaschenwein.

Um dem globalen Bedarf an Wein gerecht zu werden, wird in Dimensionen produziert, mit denen kein deutscher Winzer mithalten könnte: Allein der größte chilenische Hersteller von Tankwein produziert jährlich 120 Millionen Liter – etwa so viel wie das gesamte Anbaugebiet Baden zusammen. Der Impuls für Weinanbau kehrt sich damit um: Während ein ambitionierter Winzer ein Produkt entwickelt und dafür Abnehmer sucht, produzieren die Hersteller von Tankwein die Qualität, die bei Ihnen bestellt wird.

Solche Produkte seien laut Professor Steiner jedoch nicht automatisch gleichzusetzen mit minderwertiger Ware. „Die Qualität ist heute im niedrigen Preissegment deutlich besser als noch vor 20 Jahren. Zudem bietet Tankwein auch etablierten Weingütern die Möglichkeit, in ertragsreichen Jahren ihre Überproduktion zu vermarkten, ohne dabei ihren Namen preisgeben zu müssen“, so Steiner. Es gebe mittlerweile anonymisierte Handelsplattformen für Tankwein, auf denen Anbieter und Abnehmer nicht erfahren, mit wem sie es zu tun haben. Lediglich das detaillierte geschmackliche und chemische Profil des Weines ist dort einsehbar, um so zu verhindern, dass Premiumanbieter einen Imageschaden erleiden. Tankwein biete zudem den Vorteil, dass sich die Transportkosten sowie die mit der Logistik verbundenen Emissionen reduzieren lassen: Das hohe Eigengewicht von Flaschen entfällt, so dass sich im gleichen Container die doppelte Menge an Wein transportieren lässt.

Zwar ist die Globalisierung der Landwirtschaft in der deutschen Geographie mittlerweile ein wichtiger Forschungsgegenstand, die Globalisierung der Weinwirtschaft wurde jedoch bislang kaum thematisiert – insbesondere nicht in der Gesamtschau von Standard- und Premiummärkten. Wie in beiden Segmenten der Prozess einer Qualifizierung der Produkte erfolgt und welche globalen Wechselwirkungen sich dadurch zwischen Handel und Produktion ergeben, werden Professor Christian Steiner und Dr. Gerhard Rainer in den kommenden drei Jahren in Deutschland, Chile, Großbritannien und Neuseeland untersuchen. Dazu sind zahlreiche Interviews mit Akteuren entlang der Produktions- und Lieferkette geplant – von Winzervereinigungen über Importeure bis hin zu Abfüllern in Deutschland und England.